|
Fortschritte für den Patient Tier Tierärzte - ganz high
Wenn man sich als Tierarzt mit einem Humankollegen unterhält, ist die Reaktion fast immer gleich: Zuerst amüsiertes Lächeln, dann anerkennendes Staunen, schließlich ehrliche Bewunderung. In der Veterinärmedizin wird nämlich nahezu alles gemacht, was die Humanmediziner praktizieren - und das an vielen Tierarten, die sich voneinander grundlegend unterscheiden. Im Folgenden einige Highlights aus der Veterinärmedizin, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
von Dr. Rolf Spangenberg
Inzwischen verzeichnet man in Deutschland allein 63 Fachtierarzt-Richtungen. Die Skala reicht von den üblichen Haus- und Heimtieren bis zu Fischen, Bienen und Reptilien. Es muss also keine Tierart unversorgt bleiben.
Geräte sind ein Thema für sich
Es war für einen Tierarzt schon immer schwierig, sich angemessen apparativ auszustatten. Das liegt unter anderem an der unterschiedlichen Größe seiner Patienten. Eine Zahnzange für ein Pferd wirkt neben dem Spezialinstrument zum Abzwicken überlanger Kaninchenzähne wie ein Monstrum.
Früher war das Röntgengerät schon eine Besonderheit. Heute findet man auch Ultraschallgeräte, Laserinstrumente, EKG und EEG-Geräte, sowie Computertomographen in der tierärztlichen Praxis. Damit ist aber noch nichts über das Können des Tierarztes gesagt. Die wichtigsten Hilfsmittel sind nämlich immer noch das Gespür und die Hand des Arztes.
Ziervögel haben eigene Kliniken
Als ich während meines Studiums Vorlesungen über Geflügelkrankheiten belegte, wurde ich ausgelacht: Ein Huhn lohnt doch überhaupt keine Behandlung! Es gehört im Zweifelsfall in den Kochtopf. Von Ziervögeln war überhaupt keine Rede. Nun, die Geflügelpraxis ist heute eine wichtige tierärztliche Domäne geworden, und die Ziervögel haben in jeder tierärztlichen Fakultät eine eigene Klinik.
Neben den „klassischen“ Heimtieren werden Kleinsäuger (Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster, Ratten, Mäuse, Gerbils und viele andere) kompetent tierärztlich versorgt. Vor allem gibt es heutzutage erprobte Narkoseverfahren, woran es früher haperte. Es ist auch keine Seltenheit, dass sich Kollegen auf Reptilien und sogar Fische spezialisieren!
Chirurgen sind die „mit der geschickten Hand“
Der Ausdruck „Chirurgie“ leitet sich von dem griechischen Arzt Chiron ab, dessen Name soviel wie „Der mit der geschickten Hand“ bedeutet. Chiron war hauptsächlich Tierarzt, erst sein Sohn Asklepios (Äskulap) spezialisierte sich auf Menschen.
Von Tierärzten wird viel operiert. Sie schrecken vor keinem Eingriff zurück. Bewundernswert ist beispielsweise die tierärztliche Knochenchirurgie deshalb, weil sie sowohl am Kleinvogel als auch bei Großtieren durchgeführt wird. Da Tiere nicht im Bett liegen bleiben, muss der Knochen so stabil geflickt werden, dass sie gleich anschließend wieder herumlaufen können.
An Dackeln wurden die Prinzipien des Bandscheibenvorfalls und seiner Behandlung erforscht und dann auf den Menschen übertragen. Spezialisierte Kollegen führen auch Bandscheibenoperationen durch - sofern sie erforderlich sind. Bei Hunden werden Hüftgelenksprothesen eingesetzt, was zu hervorragenden Ergebnissen führt, da die mechanischen Verhältnisse bei Vierbeinern eben günstiger sind als beim aufrecht gehenden Menschen.
Verhaltenstherapie ist weniger spektakulär
Weniger spektakulär, jedoch von großer Bedeutung, sind die Möglichkeiten der Verhaltenstherapie bei Tieren. Nahezu jeder Tierarzt kann auf diesem Gebiet gute Ratschläge geben, spezialisierte Kollegen machen Hausbesuche und beurteilen das auffällig gewordene Tier in seinem häuslichen Umfeld. Unglaublich segensreich sind die Erfolge bei Trennungsangst der Hunde, Aggressivität und unerklärlicher Unsauberkeit der Katzen.
Dabei sind entsprechende Medikamente eine große Hilfe, wenn sie auch sinnvolle Verhaltensregeln nicht ersetzen können. Die Vorbehalte der Humanmedizin - Sucht- und Gewöhnungsgefahr - entfallen bei Tieren, da die Arzneigabe ja von den Haltern kontrolliert wird.
Gefahren der High-Tech Medizin
Von manchen Kritikern wird bemängelt, dass die großen Möglichkeiten der Veterinärmedizin auch zu unkritischer Anwendung führen könnte. Das ist nicht immer von der Hand zu weisen. Dabei denke ich - eine sehr persönliche Meinung! - an die moderne Krebsbehandlung. Wie in der Humanmedizin wird bei Tieren operiert, bestrahlt und eine Chemotherapie durchgeführt. Das ist nur dann sinnvoll, wenn die unvermeidlichen Leiden der Patienten bei der Behandlung ihnen einen deutlichen Gewinn an Lebensqualität und Lebensdauer bringen.
Die Tierheilkunde kann prinzipiell alles, was die Humanmedizin bietet. Die Fortschritte sind rasant. Im Einzelfall muss aber geprüft werden, ob sich der Einsatz nicht nur materiell lohnt, sondern vor allem dem Patienten Tier einen echten Fortschritt bringt. Das ist sicherlich in der Mehrzahl der Fälle gewährleistet; bei jedem Zweifelsfall ist Ihr Tierarzt ein kompetenter Ansprechpartner!
Quelle: ZZA 7/2000 Seite 43 |