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Beobachtungen auf dem Lembecker Tiermarkt

Tierschutz ließ zu wünschen übrig

Am 5. Mai veranstaltete die Lembecker Interessengemeinschaft Handel-Handwerk-Dienstleistungen einen „Tiermarkt mit verkaufsoffenem Sonntag“ inklusive Bauern-, Kunst-, Handwerker-, Antik- und Krammarkt. Ein „Streichelzoo“ fehlte ebenso wenig wie Hundewelpen im Bollerwagen. Hier wurde wieder einmal deutlich, warum der ZZF so vehement für eine strengere Überwachung solcher Tierbörsen zur Einhaltung der Tierschutzbestimmungen kämpft.

Um den abschließenden Eindruck vorweg zu nehmen: Man sollte es nicht für möglich halten, dass ein solcher Tiermarkt unter diesen Umständen in Deutschland stattfinden kann. Immerhin gab es keine Verstöße gegen den Artenschutz. Die Veranstaltung war vom zuständigen Amtstierarzt abgenommen worden. Damit ließen sich tierschutzrelevante Missstände in Bezug auf Unterbringung und Verpflegung dennoch nicht verhindern. Von den Folgen unüberlegter Spontankäufe für viele Tiere ganz zu schweigen. Die fachliche Beratung blieb - wenn sie denn überhaupt vor-gesehen war - auf Grund des großen Besucherandrangs auf der Strecke. Deutlich erkennbar war, dass auf diesem Markt zwei menschliche Grundinstinkte angesprochen werden: der Jagdtrieb nach billigen „Schnäppchen“ und das Mitleid mit den tierischen Geschöpfen.

Rückzugsmöglichkeiten nicht vorgesehen

Die Vögel (darunter auch Chinesische Nachtigallen) waren zum Teil eng untergebracht, aber immerhin mit Futter und Wasser versorgt und wurden in den üblichen Verkaufskartons abgegeben. Kritischer war es bei den Streifenhörnchen; diese gab es Pärchenweise verkaufsfertig abgepackt und ausgezeichnet in 20 x 12 x 15 cm großen Holzkisten für zusammen 65 Euros.

Der Kaninchen-Streichelzoo war meistens dicht umlagert. Rückzugsmöglichkeiten gab es für die Tiere nur im Stroh, was sie aber nicht vor den Kinderhänden schützen konnte. Außerdem teilte ein Brett das Gehege, so dass die Tiere keine Chance hatten, den zugreifenden Händen zu entkommen. Dadurch war der Greifvogeleffekt, der die Tiere erschreckt erstarren lässt, unvermeidlich.

Im Anschluss daran entdeckten wir die „Straße des Leidens“ für Kaninchen und Meerschweinchen. Ein Kaninchen verbrachte den ganzen Tag auf einer nassen Plane, während der Eigentümer die Kinder zum Streicheln des Tieres animierte. In einem offenen Anhänger saßen auf einer Grundfläche von 130 x 130 cm dicht gedrängt Widderkaninchen (das Stück nur 4 Euro); Futter und Wasser waren nicht zu sehen. Teilweise hingen an den Verkaufsständen Schilder mit dem Hinweis „Tiere nicht anfassen“ - hoch genug, um übersehen zu werden. Ein anderer Aussteller präsentierte jeweils sechs Jungkaninchen oder Meerschweinchen in Kartons von 40 x 60 x 20 cm, ohne Rückzugsmöglichkeit. Zwar waren einige Möhren vorhanden, doch kann man davon ausgehen, dass bei dieser Art der Präsentation die Tiere gut 24 Stunden weder Wasser noch Nahrung zu sich nahmen. Wenn diese Tiere dann am nächsten Tag übermäßig Wasser zu sich nehmen, sind schwere Durchfälle, die zum schnellen Tod führen können, vorprogrammiert.


Dichtes Gedränge herrschte den ganzen Tag über auf dem Lembecker Tiermarkt, ein „tolles Ereignis“ für die ganze Stadt.

Die süßen Welpen wollte jedes Kind einmal streicheln.

Keine Chance für die Jungkaninchen, den Kinderhänden zu entkommen.

Auf einer nassen Plane sitzend, war dieses Kaninchen zum ganztägigen Streicheln abkommandiert.

Muscheln trocken gehältert, die Fische knapp mit Wasser bedeckt, aber billig.

Wo Kaninchen oder Hundewelpen angefasst werden konnten, war der Andrang besonders stark.

Hauptsache billig

Danach kamen wir zu den Teichfischen, darunter auch Störe. Auf jeden Fall billig. Neu für uns: Muscheln hältert man trocken. Dass sie tot sind, merkt der Teichbesitzer erst ein paar Tage später. In allen Fischbehältern stand nur so viel Wasser (frisches Leitungswasser, kein Aquarien- oder Teichwasser), dass es die Flossen der Tiere bedeckte. Immerhin gab es Sauerstoffsteine, auch wurden die Fische beim Verkauf mit Sauerstoff abgepackt. Für uns waren es trotzdem überwiegend Todeskandidaten.

Ein Händler bot neben Pferden auch Hundewelpen verschiedener Rassen an. In die recht große, abgetrennte Fläche mit den nicht zu jungen Welpen wurden immer erst dann neue Besucher eingelassen, wenn andere herausgingen. Bei Preisanfragen wurde stets erst der Chef telefonisch kontaktiert. Unter den Augen der Mitglieder des Tierschutzvereins (die mit Infoblättern das Publikum dazu aufforderten, sich vor einem Spontankauf klarzumachen, welche Verantwortung die Haltung eines Tieres bedeutet) war dieser Händler sehr vorsichtig. Er wurde allerdings nicht daran gehindert, mit Welpen besetzte Bollerwagen, gezogen von Kindern, als Werbung über den Markt zu schicken. Die jungen Hunde wanderten natürlich von Kinderarm zu Kinderarm.

Überall, wo die Menschentraube besonders dicht war, fanden wir in der Mitte einen solchen Wagen vor. Dieser Händler verloste übrigens ein Pony.

Viele Tiere verkauft

Am schlimmsten war es bei den Nutztieren. Enten, Puten und Hühner, Eintagsküken - alle auf engstem Raum untergebracht, nirgendwo ein Wassernapf oder Futter.

Tiere wurden sehr viele gekauft und in allen Arten von Kartons transportiert. Wir schauten in den einen oder anderen hinein: Kaninchen, Enten, die plüschigen Eintagsküken, usw. Was werden die höchstens 14jährigen Mädchen mit den Eintagsküken wohl machen? Aber wenn man ein Pony im Vorgarten halten kann, passen die Hühner wohl auf den Balkon.

Die Tiere zu retten, dürfte auch auf dieser Verkaufsveranstaltung ein starkes Motiv ge-wesen sein. Dabei sind sich die Menschen weder darüber im klaren, wie groß das Risiko unter diesen Umständen ist, ein krankes oder gestörtes Tier zu bekommen, noch darüber, dass für jedes „gerettete“ Tier Nachschub produziert wird. Kein seriöser Züchter hat es nötig, seine Tiere unter solchen Umständen anzubieten. Da nun nach jahrelangem Zögern der Tierschutz im Grundgesetz verankert wird, sind solche Auswüchse hoffentlich nicht mehr möglich. Repressalien befürchten wir für diesen Bericht trotzdem, deshalb möchten wir anonym bleiben. (Name und Anschrift der Redaktion bekannt)

Quelle: ZZA 7/2002 Seite 6