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Juckreiz bei Hund und Katze Parasiten oder Allergien, das ist hier die Frage
Quälender Juckreiz bei Hund oder Katze kann viele Ursachen haben. Meist sind es Parasiten, nicht selten aber auch eine Allergie. Wenn Tierhalter klagen, dass sich der Hund oder die Katze wie verrückt kratzen, kann der Zoofachhandel beim Erkennen der Ursache behilflich sein.
von Dr. Rolf Spangenberg
Es gibt wenig Dinge, mit denen man einen erfahren Tierarzt erschrecken kann! Komplizierter Knochenbruch - wird operiert, Magendrehung - wird aufgedreht, Unfallhund - wird zusammengenäht! Doch es gibt Situationen, bei denen auch der souveräne Praxischef Diagnose und Behandlung lieber seinem Assistenten überlassen würde. Das ist der Fall, wenn der Tierhalter klagt: „Mein Hund/meine Katze kratzt sich wie verrückt!“
Sofort beginnt die ärztliche Festplatte im Kopf zu rotieren. Erster Gedanke, es könnte Parasiten sein. Oh, welche Freude, wenn zum unberechtigten Entsetzen des Tierfreundes einige Flöhe entdeckt werden! Gegen die modernen Mittel haben die Hüpfer keine Chance. Auch Räudemilben verursachen Juckreiz, sie sind recht gut zu beseitigen. Alles das nicht gefunden? Dann fällt das schicksalsschwere Wort: Allergieverdacht!
Der Besitzer kratzt sich nun Anteil nehmend, das Tier blickt ängstlich, weil es die Spannung fühlt und der Tierarzt hebt zur Erklärung an. Die Allergie ist eine überstarke Reaktion des Körpers gegen bestimmte körperfremde Stoffe, so genannte Allergene. Das kennt ja jeder von sich selber oder Bekannten; der eine bekommt nach dem Genuss von Kiwis Hautjucken, dem anderen laufen die Tränen, wenn er Fisch gegessen hat, viele laufen verheult herum, wenn die Haselsträucher ihre Pollen streuen. Die Heilung oder zumindest Besserung wird zuverlässig erreicht, wenn man den Kontakt mit dem Allergen vermeidet. Dazu muss man allerdings erst einmal wissen, welches Allergen die Allergie auslöst und wie man dieses Allergen vermeidet.
Bei der Suche nach dem Übeltäter hat der Tierarzt heutzutage gute Möglichkeiten. Durch eine Blutuntersuchung oder einen Hauttest, wie vom Menschen her bekannt, kann er die möglichen Allergene einkreisen. Und wenn sie entdeckt sind? Kann man sie vermeiden? Falls nicht, muss der Juckreiz direkt bekämpft werden. Sei es mittels der so genannten Hyposensibilisierung (über einen längeren Zeitraum werden immer wieder kleinste Mengen des Allergens gespritzt) oder mit dem allseits ungeliebten Kortison.
Parasiten oder Allergie?
Inwieweit kann sich der Zoofachhändler nun als Berater einschalten, wenn sich verzweifelte Hunde- oder Katzenbesitzer an ihn wenden? Sicherlich verfügt er nicht über ein Wundermittel, das den quälenden Juckreiz verschwinden lässt. Er kann den Tierhalter aber auf den richtigen Weg führen und ihm längere Umwege bei der Erkennung und Behandlung ersparen.
Wenn sich Hund oder Katze kratzen und jucken, wird zunächst einmal an Ungeziefer gedacht. Das ist ja auch nicht verkehrt, nur – viele Tierfreunde kaufen ohne Untersuchung nun planlos allerlei Mittelchen ein, die an ihren Zöglingen ausprobiert werden. Shampoos sind beliebt, insektizide Halsbänder weniger, Knoblauch, wenngleich nutzlos, genießt hohe Wertschätzung, Nackentropfen gelten als modern, Sprays sind praktisch. Der Fachhändler sollte als Vertrauensperson den Kunden zunächst einmal dringend darauf hinweisen, dass dieser geballte Chemieangriff – auch Knoblauch ist schließlich Chemie! – verpufft, wenn überhaupt keine Parasiten vorhanden sind. Flöhe und die selteneren Läuse entdeckt der Fachmann eigentlich immer, während Laien damit große Schwierigkeiten haben können. Hat man beispielsweise die häufigen Flöhe entdeckt, dann „Feuer frei!“. Das Mittel sollte weniger nach ideologischen Gesichtspunkten („nur was Pflanzliches!“) als nach Wirksamkeit und Verträglichkeit ausgewählt werden. Bestimmt haben Sie da Ihre Erfahrungen. Weisen Sie auch deutlich darauf hin, dass man Flöhe am Tier und ihre Larven - mit anderen Mitteln – am Boden bekämpfen muss. Sonst kommt es zu ständigem Wiederbefall. Der Bodenspray wird übrigens trotz aller Warnungen immer wieder einmal mit schlimmen Folgen direkt am Tier eingesetzt!
Wenn aber keine Parasiten vorhanden sind – bei berechtigtem Milbenverdacht muss der Tierarzt eingeschaltet werden – sind alle Mittel nicht nur nutzlos, sie werden eine Allergie allenfalls verschlimmern. Nicht selten habe ich es in meiner Online-Sprechstunde erlebt, dass Tierhalter fast ein Dutzend verschiedener Antiparasitika an ihren juckenden Tieren ausprobiert haben, ohne dass sich vorher oder nachher auch nur ein Floh zeigte. Das Jucken hörte aber auf, als sie auf meinen Rat hin sämtliche Präparate absetzten! Weniger ist eben manchmal mehr!
Als kompetenter Zoofachhändler sind Sie berechtigt, einen Allergieverdacht auszusprechen. Bitte nur Verdacht, denn sonst nagelt man Sie fest und der Tierhalter wird Sie gegenüber dem Tierarzt auszuspielen versuchen. Es schadet nichts, wenn sich der Tierhalter vor dem Gang zum Tierarzt selbst überlegt, worauf sein Tier allergisch reagiert haben könnte. Was hat sich in letzter Zeit in dessen Umgebung verändert? Wurde der Kissenbezug mit einem anderen Waschmittel gewaschen, kam ein Teppichboden ins Haus – es gibt die merkwürdigsten Gründe für eine Allergie. Gemäß der alten medizinischen Regel „Häufiges ist häufig, Seltenes ist selten!“, wird man aber zunächst an eine Futtermittelallergie denken.
Futtermittelallergie
Und da können Sie nun sinnvoll beraten: Wechsel des Futtermittels! Um eine Futtermittelallergie zu entdecken oder auszuschließen, gibt es so genannte hypoallergene Diäten. Das sind Futtermittel, die praktisch keine allergisierenden Stoffe enthalten. Damit sollte man die sich juckenden Patienten einige Tage füttern. Kratzen sie sich dann nicht mehr, beginnt die Suche nach dem verantwortlichen Allergen. Nach und nach werden der Diätnahrung einzeln (!) mögliche Allergene zugesetzt. Also etwa ein Milchprodukt, Rindfleisch, Fisch oder was auch immer. Auf diese etwas mühsame Weise kann man herausfinden, was bei dem betreffenden Tier die Allergie und damit den Juckreiz auslöst. Es wird dann auch möglich sein, das Allergen zu vermeiden und den Patienten von seinem Leiden zu erlösen.
Das klingt gut: Parasiten ausschließen, eine Futtermittelallergie vermuten, das verantwortliche Allergen bestimmen und vermeiden – Bingo!
Ja, wenn es nur immer so einfach wäre! Es klappt aber zuweilen und damit haben Sie als unverbindlicher Berater dem Tierhalter zahlreiche Umwege erspart. Glauben Sie mir, die Ideen verzweifelter Tierhalter sind manchmal unergründlich und kaum nachzuvollziehen! Wenn die Flöhe auf der hellfarbigen Katze sichtbar herumkrabbeln, wird der Juckreiz mit dem Homöopathikum bekämpft, das kürzlich so gut beim Durchfall geholfen hat. Ein verflöhter Hund wurde mit Essigwasser gebadet, weil die Besitzer etwas gegen „Chemie“ hatten. Flöhe werden auch gern abgestritten, denn, „meine Katze wird sauber gehalten und hat kein Ungeziefer!“. Andererseits schießt mancher Tierfreund wahre insektizide Breitseiten gegen seinen Vierbeiner, ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, nach Parasiten zu fahnden. Aus Angst „die geben gleich Kortison“ scheut so mancher den wichtigen Gang zum Tierarzt, der allein die offensichtliche Räude sicher diagnostizieren und behandeln kann. Und bei Allergieverdacht wird der Hund auf vegetarische Kost gesetzt oder bekommt nur noch frische Schlachtabfälle – „die sind gesund und schaden bestimmt nicht“. Alle diese hier genannten Fälle sind nicht erfunden und haben den betreffenden Tieren erheblich geschadet. Sie können als Zoofachhändler dazu beitragen, dass dies seltene Absurditäten bleiben!
„Natürliches“ oder Kortison?
Und nun gibt es leider immer wieder Patienten, bei denen alle genannten Methoden und Mittel versagen, sie jucken sich zum Herzerbarmen. Längst wurde der Tierarzt eingeschaltet, der seine diagnostischen Schleppnetze vergeblich ausgeworfen hat. Jucken und Kratzen ohne Pause – Patient, Besitzer und Tierarzt sind mit den Nerven am Ende! Wenn alles ausgeschöpft ist, hilft gewiss eine Kortison-Kur. Der Besitzer muss die unleugbaren Nebenwirkungen – vermehrter Hunger und Durst, Schwächung der körpereigenen Abwehr – gegen die Qualen des ständigen Juckreizes abwägen. Ein aufmerksamer Tierhalter kann diese Nebenwirkungen aber gering halten. Der Patient erhält nach Anweisung des Tierarztes täglich Kortison-Tabletten. Wenn der Juckreiz verschwunden ist, wird die tägliche Dosis langsam abgesenkt. So findet man die Wirkstoffdosis heraus, die gerade noch den Juckreiz in Schach hält. Das ist in vielen Fällen erstaunlich wenig und macht kaum noch Nebenwirkungen. Ganz klar: Die Kortison-Kur bedeutet eine Kapitulation, es war nicht gelungen, die Ursache des Juckreizes herauszufinden und zu vermeiden. Doch ist ein zufriedenes Tier mit Kortison immer noch besser als ein sich ständig kratzender Vierbeiner!
Wohlgemerkt, Sie sollen sich nicht als „Hilfstierarzt“ profilieren wollen. Doch wenn sich die Tierhalter Rat suchend an den Zoofachhändler wenden, kann ein vernünftiger Hinweis nicht schaden!
Abschließend noch eine Story, die mir im Rahmen meiner ZZF-Online-Praxis übermittelt wurde: Eine Hundebesitzerin beklagte sich lebhaft über die unfähigen Tierärzte. Bei fünf Kollegen war sie mit ihrem sich juckenden Hund gewesen, keiner konnte eine Diagnose stellen. Erst der Sechste lüftete das Rätsel, es war „Pruritus sine materia". Er gab ihr auch Prednisolon-Tabletten, die prompt geholfen haben. Ihre Frage, was heißt „Pruritus sine materia“ und was ist das für ein Wundermittel? Meine Antwort hat sie enttäuscht: Der Fachausdruck besagt „Juckreiz ohne erkennbare Ursache“ und Prednisolon ist ein Kortison-Präparat!
Quelle: ZZA 5/2004 Seite 108 |