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Branchenbericht
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Neue Erkenntnisse über Zierfische aus Südostasien

Das Goldene Land - Birma, Burma, Myanmar

Myanmar, auch unter Birma oder Burma bekannt, hat sich in den letzten Jahren etwas geöffnet und erlaubt Touristen wieder ins Land ein zu reisen. Für Zierfischliebhaber ist das Land in Südostasien immer eine Reise wert, besonders wenn es um das Studium der natürlichen Lebensbedingungen geht. Da gibt es so manche Überraschung.

von Horst Linke


Vergoldete, übergroße Buddhastatuen schmücken vieler Orts die Tempelanlagen.

Myanmar ist ein Land mit sehr interessanten Aquarienfischen. Seit der Jahrhundertwende kommen erst vereinzelt, dann immer häufiger Exporte dieser oft nur aus der alten Aquarienliteratur bekannten Fische oder auch spektakuläre Neuentdeckungen, meist über Singapur, nach Europa. Diese Exporte verursachten am Anfang sehr viel Aufsehen und eine große Nachfrage. Doch leider fehlten für eine dauerhafte, erfolgreiche Pflege der bisher meist unbekannten Arten die notwendigen Pflegehinweise. Biotopdaten der natürlichen Lebensräume waren Mangelware und stützten sich fast überwiegend auf Spekulationen. Größere Verluste und damit ein Rückgang der Nachfrage waren die Folge. Neuentdeckte Arten sollten außerdem erst wissenschaftlich beschrieben werden. Deshalb wurde oft der Fundort bzw. das natürliche Verbreitungsgebiet aufgrund von Konkurrenzdenken geheim gehalten. Zum Nachteil der bereits importierten Fische.

Klimatische Bedingungen

Myanmar untereilt sich in zwei unterschiedliche Klimazonen. So spricht man im Süden des Landes von den Tropen mit zum Teil hohen Temperaturen. Im Norden sind es dagegen die Subtropen mit gemäßigtem Klima und mit jahreszeitlich sehr unterschiedlichen Temperaturen. Viele der natürlichen Lebensräume liegen mehrere hundert Kilometer oberhalb des nördlichen Wendekreises und damit schon in einem Gebiet mit für tropische Aquarienfische sehr abweichenden Lebensbedingungen. In Myanmar spricht man von drei sehr unterschiedlichen Jahreszeiten. Einmal von der kalten Jahreszeit von November bis Februar, der heißen Jahreszeit von März bis Mai und der Regenzeit von Juni bis Oktober.


Das große Heiligtum für die Buddhisten in Myanmar ist die große Shwedagon-Pagode in der Hauptstadt Yangon.

Der über 2.100 Kilometer lange Ayearwady River ist der Längste Fluss des Landes und durchfließt Myanmar von Nord nach Süd.

Interessante und farbenprächtige Arten

Zu den in jüngster Zeit eingeführten Aquarienfischen gehören einmal sehr plakative und farbenprächtige, vier bis fünf cm lang werdende Bärblinge, sehr kleine und interessante, nur rund drei cm lange Labyrinthfische sowie alte und neue, nur knapp drei cm aber auch bis sieben cm lange Blaubarsch-Arten, um nur einige wenige aufzuzählen. Zu den in der Aquaristik sehr beliebten, in adulten Größen nur bis 5 cm lang werdenden Bärblingen, gehören die von KOTTELAT u. FANG im Jahr 2000 beschriebenen Danio roseus. Eine den Danio albolineatus ähnliche Art, die durch ihre zarte und doch plakative Färbung ein sehr gefragter Aquarienfisch ist. Sie kommen aus Zentral-Myanmar. Eine weitere, durch Färbung und Zeichnungsmuster sehr ansprechende Art kommt aus dem Norden von Myanmar. Sie gehört zum Verwandtschaftskreis von Danio rerio und wurde erst 1998 von FANG als Danio kyathit beschrieben. Nicht klar ist zur Zeit, ob es sich bei den dort abgebildeten, gleichfalls nur rund fünf cm lang werdenden Fischen aus Myanmar um eine Standortvariante oder um eine eigene Art handelt. Bis zur Klärung dieser Frage sollten diese Fische als Danio sp.affin. kyathit mit dem Zusatz „spotted“ bezeichnet werden. Besonders farbenprächtig zeigt sich eine weitere Bärblingsart aus dem Norden von Myanmar. Es sind die kleinen, nur gut drei cm lang werdenden Danio choprae HORA, 1928. Sie sind als Schwarmfische ein besonderer, wenn auch etwas „quirliger“ Blickpunkt im Aquarium. Auch sie sind in der Umgebung des Indawgyi Lakes und Myitkyina, der Bezirkshauptstadt des Kachin Staates, im Norden von Myanmar beheimatet. (Bei der Bestimmung dieser Bärblinge war mir Dipl.-Biologe Frank Schäfer behilflich. Dafür herzlichen Dank.) Sehr interessant sind auch die in den letzten Jahren lebend eingeführten Labyrinthfische. Neben einer bis acht cm lang werdenden, bisher nicht beschriebenen Colisa Art, die im Süden um Yangon bis zum 800 km nördlich liegendenden Inle Lake verbreitet ist, sind es vor allem zwei kleine, nur bis rund drei cm lag werdende Zwergguramis. Dazu gehört der schon fast legendere, sogenannte Burmesische Schokoladengurami Parasphaerichhys ocellatus PRASHAD und MUKERJI 1929 - der bisher nur einmal 1978 in zwei Exemplaren lebend durch Arthur WERNER eingeführt werden konnte. P.ocellatus lebt in den ruhigen Wasserzonen der kleinen Wasserläufe und Flüsse im Areal des Indawgyi Lake bis zum 80 km nordöstlich liegendem Gebiet westlich der Stadt Myitkyina in Nord – Myanmar. Hierbei handelt es sich in der flachen, zum Teil auch leicht hügligen Landschaft, immer um fast stehende bis leicht fließende Wasserläufe.


Erstmalig in Abbildung. Die neuen am Indawgyi Lake und im Myitkyina Areal beheimateten Badis corycaeus.

Die besonders plakativen Danio sp. affin. kyathit aus dem Norden von Myanmar.

Badis ruber gehört zu den farbenprächtigsten Blaubarscharten in Myanmar.


Colisa sp. ist eine bisher noch fast unbekannte Art aus dem Süden von Myanmar.

Erst im Jahr 2002 als Parasphaerichthy lineatus beschrieben. Eine zweite Zwerggurami-Art aus Myanmar.

Erst durch die Revisionsarbeit von KULLANDER und BRITZ im Jahr 2002 wurde bekannt, dass es in Myanmar sechs Blaubarscharten gibt. Während Badis ruber, davor bekannt als Badis badis burmanicus, sein großes Verbreitungsgebiet im Süden um die Hauptstadt Yangon und im Ayearwaddy Delta hat und eine neue Art als Badis ferrarisi aus dem Westen bei Kalaymyo in Mittel-Myanmar, rund 900 km nördlich von Yangon beschrieben wurde, kommen die restlichen neuen Arten wie Badis corycaeus, Badis kyar und Badis pyema aus dem Norden und sind damit rund 1.600 bis fast 2.100 km nördlich von Yangon beheimatet. Eine nur knapp drei cm langwerdende, im männlichen Geschlecht am gesamten Körper meist rot gefärbte Blaubarschart, die bisher als Badis sp. „Flame-Red“ gehandelt wurde, wurde in dieser Arbeit der Gattung Badis entnommen und in die neue Gattung Dario gestellt und dort als Dario hysginon beschrieben. Gleichfalls im Jahr 2002 wurde von BRITZ und KOTTELAT mit der Bezeichnung Parasphaerichthys lineatus eine zweite Parasphaerichthys – Art bekannt, die aus dem Gebiet westlich von Yangon kommt. Parasphaerichthys lineatus erreicht Totallängen um drei cm. Beide Parasphaerichthys–Arten gehören vermutlich zu den Schaumnestlaichern.

Fernöstlicher Glanz
Im deutschen Sprachgebrauch Birma, die Engländer sagen Burma, und seit 1989 hat sich das Land seinen alten Namen wiedergegeben, Myanmar. Es ist das westlichste Land in Südostasien. Die Nachbarn im Osten sind Thailand und in Norden Laos und China, im Westen Bangladesh und Indien. Nach rund 40 Jahre Selbstabschottung öffnet sich Myanmar seit den Neunziger Jahren auch wieder sehr vorsichtig und zurückhaltend für den Tourismus. Waren es zum Anfang nur 7 Tage, die man im Land an vorgeschriebenen Orten sein durfte, sind es heute bis 28 Tage. In dieser Zeit darf man als Tourist einen großen Teil des Landes bereisen. Nur so genannte Krisengebiete sind für Ausländer noch gesperrt. Myanmar nennt sich auch das Goldene Land. Das ist nicht politisch gemeint, sondern ist seit alters her auf die Fruchtbarkeit der zentralen Ebene im Herzen des Landes bezogen. Myanmar ist das Land der goldenen Pagoden und Stupas. Viele tausend Tempelanlagen bereichern das Landschaftsbild und überziehen Myanmar mit dem Glanz fernöstlicher Romantik. Rund 90 Prozent der Bevölkerung sind Buddhisten. Es sind überaus freundliche Menschen, bei denen man als Fremder immer noch sehr willkommen ist. Andererseits ist eine Reise nach Myanmar immer noch eine Reise in die Vergangenheit.

Beachtenswerte Wasserwerte

Während Parasphaerichthys lineatus und Badis ruber aus dem nördlichen Teil des tropischen Myanmars kommen, leben alle anderen Arten im subtropischen Teil des einstigen Birma. Das bedeutet, dass die Wassertemperaturen in der kalten Jahreszeit dort für wenige Wochen bis 20°C absinken, im subtropischen Teil von Myanmar, also im Norden des Landes, sogar bis 15°C und darunter. Zum zweiten liegen in fast allen von uns untersuchten Gewässern die Wasserstoffionenkonzentrationen, also die pH-Werte um 7, meist aber höher, verschiedentlich sogar bis 9. So konnten wir im natürlichen Lebensraum von Parasphaerichthys lineatus und Badis ruber, rund 35 km westlich von Yangon an der Straße nach Pathein, Wasserwerte mit 305 Mikro Siemens, GH 4, KH 6, pH 7,5-8,0 bei 25°C Wassertemperatur ermitteln. Anders am Indawgyi Lake, rund 1.600 km weiter nördlich. Im Uferbereich des Indawgyi Lake nahe dem Ort Lonton, natürlicher Lebensraum von Dario hysginon, betrugen die Wasserwerte 135 Mikro Siemens, GH 4, KH 3 pH 8,0-8,5 und die Wassertemperatur 21°C. In einem Wasserlauf vor dem Ort Yansyn, einem Zulauf zum Indawgyi Lake, natürlicher Lebensraum von Parasphaerichthys ocellatus, Colisa sp., Dario hysginon und Badis corycaeus sowie vielen Barben usw., konnten wir bei 54 Mikro Siemens, eine GH von 1, KH von 2 und einen pH-Wert von 8.5 bis 9.0 feststellen. Da es sich um einen sehr flachen, nur wenig fließenden, stark mit Pflanzen verkrauteten Wasserlauf handelte, konnte die Sonne das Wasser am späten Nachmittag bis auf 25°C aufwärmen. Am Morgen betrug die Wassertemperatur bei einem in der Nähe liegendem, gleichartigen Gewässern um 15°C.


Auf Golden strahlende Tempelanlagen trifft man als Besucher überall in Myanmar.

Die Shwedagon-Pagode in Yangon ist besonders prunkvoll ausgestattet.

Auch im Areal der rund 80 km nordöstlich liegend Stadt Myitkyina waren die ermittelten Wasserwerte beachtenswert. Im Nanhkwy Fluss, rund 20 km westlich der Stadt Myitkyina, rund 1.650 km nördlich von Yangon, betrug bei 85 Mikro Siemens, GH 3,5-4,0, KH 2, pH 7,8-8,0 die Wassertemperatur 20,5 °C. Der Fluss ist rund 100 Meter breit und fließend. Die strömungsarmen, flachen Uferzonen sind Lebensraum von Colisa sp., Parasphaerichthys ocellatus, Dario hysginon, Badis corycaeus und von zahlreichen Barben und Bärblingen. Alle Werte wurden im Monat Februar, also gegen Ende der kalten Jahreszeit ermittelt.

Neue Pflegeansprüche

Diese Erkenntnisse im Biotop bedeuten aber auch besondere Pflegeansprüche im Aquarium. Meist wurden die Fische bisher aus Unwissenheit auf Dauer zu warm und oft in der Wasserstoffionenkonzentration zu „sauer“ gehalten. Dabei sind jahreszeitliche Temperaturschwankungen, zumindest bei den vielen Arten aus Nord-Myanmar, sehr wichtig. Das bedeutet in unseren Wintermonaten Temperaturabsenkungen bis ca. 18°C und in den Sommermonaten ohne Probleme auch Temperaturen für wenige Wochen bis 28 oder sogar 30 °C. Außerdem sollte der pH-Wert möglichst immer über 7 liegen, was aufgrund der deutschen Leitungswasserwerte kein Problem ist. Denn meist sind die bisher eingeführten Fische dieser und anderer Arten aus Myanmar durch Haltungsfehler in den Aquarien zu kurzlebig, d.h. eine Pflege ist meist nur kurzzeitig möglich. Erst die Untersuchungen vor Ort zeigten die Bedürfnisse dieser Arten. Die Fische aus Myanmar, besonders aus dem Norden des Goldenen Landes, sind aber bei Beachtung der klimatischen Veränderungen in den natürlichen Lebensräumen komplikationslose Pfleglinge und auch ideale Aquarienfische für das nicht beheizte Aquarium im Wohnzimmer.


Die lange Reihe der Mönche. Jeder Birmane lebt einmal im Leben im Kloster.

Der Indawgyi See, ein Paradies im Norden von Myanmar, nicht nur für Ichthyologen.

Quelle: ZZA 5/2004 Seite 76