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Welpenaufzucht - ein Erfahrungsbericht, Teil I Von Null auf Hundert in vier Monaten
Einem Hund wird heute zweifellos mehr „soziale Kompetenz“ abverlangt, als manchem Menschen zu eigen ist. Angeboren ist das nicht, und zum „Reinwachsen“ ist die Welt, in der die meisten Hunde leben sollen, viel zu kompliziert geworden. Die Basis für einen sich sozial kompetent entwickelnden Hund muß in den ersten 16 Lebenswochen geschaffen werden - eine so schöne und spannende wie stressige Aufgabe.
 | | Regelmäßiges Wiegen und Notieren der Gewichte muß sein. |
Darüber, daß das „andere Ende der Leine“ die Verantwortung für die Entwicklung eines Hundes trägt, herrscht inzwischen weitgehend Einigkeit. Bei der Aufzucht müssen Züchter und Halter dieser Verantwortung innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums gerecht werden. Denn was in der so genannten Präge- oder besser Sozialisierungsphase eines Hundes zwischen der dritten und ca. 16. Woche versäumt oder gar falsch gemacht wurde, läßt sich später in der Regel nur mit großem Aufwand korrigieren. Dabei währt die reine Sozialisierungsphase, die das Verhältnis zu Rudelmitgliedern, anderen Tieren und Menschen bestimmt, etwa bis zur 12. Woche, während die Sozialisierung mit anderen Umweltreizen (Straßenverkehr, sich plötzlich öffnender Regenschirme etc.) noch ungefähr bis zur 16. oder 18. Woche dauert.
Aus diesen Zeitabständen läßt sich erkennen, wie wichtig die Sozialisierung beim Züchter ist und daß für den Halter, der einen Welpen mit etwa acht Wochen nach Hause holt, ein Zeitfenster von rund acht bis zehn Wochen bleibt, um den Hund in seinem Sinne entscheidend zu prägen. Die weit verbreitete Annahme, der Züchter brauche nur für eine Wurfkiste, hygienische Verhältnisse, für Futter, Wasser und die Erstimmunisierung zu sorgen und könne ansonsten Mutterhündin und Welpen sich selbst überlassen, wird dadurch komplett widerlegt. Welpen, die bis zur Abgabe an den Halter keine anderen Erfahrungen gemacht haben als die mit dem eigenen Rudel und bestenfalls einer fütternden Hand, werden später allem Neuen gegenüber unsicher und ängstlich reagieren. Logischerweise wirken sich schlechte Erfahrungen, die ein Welpe insbesondere ab der dritten Lebenswoche macht, schlimmer aus als gar keine.
Das hatten wir alles im Kopf, als wir mit unserer Hündin Brille zum sorgsam ausgewählten Rüden fuhren. Auch die späteren Halter hatten wir schon ausgeguckt - mit die wichtigste, aber nicht unbedingt die einfachste Aufgabe. Um es vorweg zu nehmen: Einen Welpen mußten wir nach vier Wochen zurücknehmen. Das hundeerfahrene Herrchen war zwar perfekt, seine Hunde-unkundige Ehefrau konnte sich jedoch mit dem kleinen Wesen wider Erwarten gar nicht anfreunden. Immerhin hatte er in diesen vier Wochen keine schlechten Erfahrungen gesammelt, so daß er sich positiv weiterentwickelte.
Sehen ab dem 13. Tag
Aber zunächst war Brille schwanger und gebar pünktlich und problemlos - natürlich nachts - fünf Welpen. Nach dem ersten Sauberlecken durch die Mutter kamen die Kleinen auf die Waage und die Geburtsgewichte wurden in die vorbereitete Liste eingetragen. Das tägliche Wiegen und Notieren der Daten ist wichtig, um die Entwicklung der einzelnen Welpen verfolgen und um bei eventuellen Störungen frühzeitig reagieren zu können. Voraussetzung dafür ist, daß man die Babys auseinanderhalten kann - zur Not muß man sie kennzeichnen. Drei unserer Welpen nahmen von Geburt an zu, zwei nahmen erst einmal ab, darunter auch der kleinste. Da diese Hündin nach drei Tagen immer noch nicht zufriedenstellend an Gewicht zulegte, fütterten wir sie zusätzlich mit Welpenmilch. Bei so winzigen Wesen ist das eine heikle Angelegenheit; es darf nichts in „die falsche Kehle“ geraten! Der andere Welpe holte von sich aus auf und entwickelte sich zufriedenstellend.
| Sicherheit für den Hund |
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Wir garantieren Welpenkäufern schriftlich, einen von uns gezüchteten Hund egal aus welchem Grund und in welchem Alter zurückzunehmen. Im Gegenzug verlangen wir für den Fall der Abgabe das Vorkaufsrecht. Nur so - vor allem aber über den Kontakt zum Welpenkäufer über Jahre hinweg - läßt sich sicherstellen, daß Hunde aus unserem Zwinger nicht in falsche Hände geraten oder im Tierheim landen. Dank des implantierten Chips ist die Herkunft des Hundes auch ohne Ahnentafel nachweisbar. Wir züchten nach FCI-Standard im Rahmen der Rasseclub-Vorschriften.
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Ab der Geburtsnacht bis zur dritten Woche war einer von uns rund um die Uhr bei Brille und ihren Kindern. Zum einen besteht in dieser Zeit immer die Gefahr, daß die Mutter versehentlich eins ihrer Kinder unter sich begräbt, zum anderen geht man so sicher, daß jeder Welpe ausreichend Gelegenheit zum Trinken bekommt. In den ersten zwei Wochen sind die Augen der Babys noch geschlossen; sie orientieren sich am Geruch und an der Wärme. Trotzdem sind bereits jetzt schon erste Unterschiede erkennbar: Wir hatten den „Coolen“, der sich von der im Liegen zu erreichenden und besonders ergiebigen Zitze nie weit entfernte und diese für seine Geschwister praktisch blockierte. Auch die beiden anderen Rüden waren beim Gerangel um gute Milchplätze sehr effektiv. Dies hatte zur Folge, daß sich die beiden Hündinnen an die schwerer erreichbaren Zitzen halten und dadurch viel mehr Energie als ihre Brüder aufwenden mußten. An unserer Gewichtstabelle konnten wir gut verfolgen, wie sich dieses Verhalten auswirkte: Die Hündinnen nahmen langsamer zu als die Rüden. Man kann das zwar durch Zufüttern mit Welpenmilch korrigieren, aber da in diesen ersten Lebenswochen die Muttermilch unersetzlich ist, sorgten wir durch regelmäßiges Anlegen dafür, daß auch die Hündinnen zwischendurch mit weniger Aufwand an die gute Muttermilch kamen.
Der frühe Kontakt zu Menschen - anfangs nur durch Hochnehmen und Streicheln, durch vorsichtiges Untersuchen, durch das Wiegen und Anlegen bei der Mutter - schafft ein Grundvertrauen der Welpen in den Menschen, das später vertieft und immer wieder neu - möglichst positiv - bestätigt wird.
Zwischen dem 12. und 14. Lebenstag begannen sich die Augen unserer Welpen zu öffnen. Das ist eine einschneidende Phase, denn da sich inzwischen auch das Hören ausgebildet hat, verfügen die kleinen Hunde nun über alle Sinne und beginnen, ihre Umwelt bewußter wahrzunehmen. Damit beginnt die Sozialisierungsphase, die ungefähr bis zum 49. Tag mit einer rasanten Entwicklung des Gehirns einhergeht. In dieser Zeit gespeicherte Erinnerungen und Verknüpfungen von Situationen, Umgebungsreizen und Empfindungen bleiben fest verankert. Welche Erfahrungen ein Welpe in dieser Zeit macht und wie sich ihm die Welt darstellt, wird im sich bildenden Gedächtnis abgespeichert. Da die Kleinen allerdings in diesem Alter noch nicht richtig laufen und die Wurfkiste aus eigenem Antrieb verlassen können, bleibt ihre Wahrnehmung zunächst auf jene Reize beschränkt, die zu ihnen kommen. Jedes Hochnehmen durch den Menschen wird jetzt schon spürbar bewußter wahrgenommen als in den ersten beiden Wochen.
Balgen ab dem 21. Tag
Während ihrer dritten Lebenswoche waren unsere Welpen schon nach Kräften um den aufrechten Gang auf vier Pfoten bemüht, fielen aber immer wieder um und purzelten durcheinander. Der Kontakt zu den Geschwistern wurde aktiver und beim Hochnehmen mußten wir doppelt achtgeben, daß sie einem nicht durch die Finger flutschten. Nach der dritten Woche wurden die Bewegungen koordinierter und das Spiel mit den Geschwistern zielgerichteter: Vom Gegenüber wurde alles in die Schnauze genommen, was erreichbar ist: Beine, Schwänze, Ohren von Mutter und Geschwistern, Füße und Finger des Menschen. In dieser Phase entwickeln die Welpen die Beißhemmung, denn die Höhe der Quietschtöne, die ihr Spielpartner ausstößt, zeigt ihnen genau, wann das Maß überschritten ist. Je aktiver das Treiben der Kleinen wird, um so mehr wird die Mutter von der reinen Versorgerin zur Erzieherin.
Mit dem Einsetzen der Entdeckungsphase ab der dritten Lebenswoche wurde es für uns Zeit, die Kleinen allmählich an ihre erweiterte Umwelt zu gewöhnen. Den Welpenraum hatten wir so weit gesichert und ausgestattet, daß die kleinen Nager kein Unheil anrichten, aber vieles entdecken konnten. Von Beginn an auf Zeitungspapier geprägt, verrichteten sie ihre Geschäfte schon sehr zuverlässig in der vorgesehenen Ecke. Die liebsten Spielsachen waren ein Handtuch, an dem alle zerren konnten, und ein Wäschekorb mit vielen Decken, den man mühsam erstürmen und dann von oben gegen die Geschwister verteidigen konnte. In der Wohnung oder gar im Garten konnten wir sie natürlich keinen Augenblick unbeaufsichtigt lassen. Alles wird probiert, manches ist erst einmal erschreckend, löst dann aber große Neugier aus: der Staubsauger ebenso wie eine sich im Wind bewegende Blume.
Ein sicheres Freigehege mit etlichen Spiel- und Entdeckungsgegenständen wurde eingerichtet - unser Laufstall für die Kleinen. Mama Brille war inzwischen froh, wenn ihr jemand die Erziehung abnahm. Unsere „Oma“ Krümel sprang ein und sorgte für manche wohldosierte Zurechtweisung.
| Je älter, je teurer? |
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Der Verkaufswert eines Welpen sinkt in Deutschland und Österreich spätestens nach der zehnten Lebenswoche (in der Schweiz wegen des späteren Abgabetermins nach der 14. Woche). Je älter der Hund wird, um so weniger läßt sich für ihn erlösen, das gilt erst recht für zurückgenommene Hunde, die neu vermittelt werden. Die meisten Halter möchten ihren Welpen so früh als möglich abholen, weil er in diesem Alter besonders niedlich ist. Hinzu kommt, daß in einigen Hundebüchern ausdrücklich davon abgeraten wird, einen Welpen ins Haus zu holen, der älter als zehn Wochen ist, weil die verbleibende Sozialisierungsphase recht kurz ist.
Es gibt von dieser Regel nur wenige Ausnahmen. Eine ist, wenn sich der Junghund zum begehrten Ausstellungs-, Zucht- oder Gebrauchshund entwickelt hat. Eine andere Ausnahme stellen Halter dar, die ihren neuen Hund nicht schon als Welpen abholen möchten, weil ihnen die Aufzucht zu strapaziös ist oder nicht in den Terminplan paßt. Im ersten Fall müssen die Voraussetzungen zum Ausstellungs-, Zucht- oder Gebrauchshund erfüllt sein und nachgewiesen werden. Im zweiten Fall wird ein stubenreiner, gut sozialisierter Hund erwartet. Besonders im letzteren Fall entspricht der Mehrerlös nicht grundsätzlich dem Aufwand.
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Mit allem Unbekannten, dazu gehören Geräusche und Bewegungen, müssen die Welpen erst einmal lernen umzugehen. Die Mutter oder andere erwachsene Hunde sind für sie ein wichtige Orientierungshilfe, die im Zweifelsfall Schutz bedeuten. Da alles Erlebte als positiv, neutral oder negativ eingeordnet und diese Wertung gespeichert wird, muß man erwünschte Reaktionen behutsam ansteuern. Je besser die Welpen an alle möglichen Umweltreize gewöhnt werden, um so sicherer werden sie später damit umgehen können. Auch den tagsüber bereits vertrauten Garten während der Dunkelheit erstmals zu erleben, ist eine sehr aufregende Sache, bei der möglichst enger Körperkontakt zu den „Großen“ wie Mutter, Oma, Herrchen und Frauchen gesucht wird.
Vierte bis achte Woche: Lernen und Schlafen
Unsere Welpen machten gewaltige Fortschritte, wurden jeden Tag mutiger, loteten immer neue Grenzen aus. Im Garten wurde gebuddelt, die ersten Spielsachen ruiniert, die kleinen spitzen Zähne an allem ausprobiert, alle ungesicherten und halbwegs tragbaren Gegenstände verschleppt. An Spielsachen zerren, übereinander kugeln und weitere Entdeckungen machen ist in dieser Zeit die Hauptbeschäftigung neben Fressen und Schlafen. Der erste Durchfall mußte behandelt werden - verbunden mit der ersten Autofahrt und dem ersten Tierarztbesuch.
Da wir sehr ruhig wohnen und die Welpen wegen der noch ausstehenden Impfungen keine Ausflüge in die große weite Welt unternehmen konnten, waren wir über jeden Besuch dankbar, der neue Anregungen für die Kleinen brachte. Zum Glück braucht man sich über mangelnde Besucher nicht zu beschweren, wenn man Welpen hat. Fremde Stimmen, fremde Gerüche, kleine und große Menschen und ein bißchen ungewohnten Trubel kennenzulernen, ist für die Entwicklung der jungen Hunde sehr wichtig. Zwar darf man sie nicht überfordern, mit Kindern nicht unbeaufsichtigt lassen und muß sie an Schreckhaftes behutsam gewöhnen, doch ist gerade die Konfrontation mit neuen Reizen wichtig, um die Selbstsicherheit der Welpen zu fördern.
Wir hatten einen festen Drei-Stunden-Rhythmus eingeführt: Drei Stunden Spielen und Entdecken, anschließend drei Stunden Schlaf in der Welpenkiste. So wichtig wie das Entdecken und Spielen, das Schmusen mit den Menschen, so wichtig ist für die Welpen in diesem Alter der ungestörte Schlaf. Da sich die kleinen Wesen in Rekordzeit entwickeln, brauchen sie viel Zeit zur physischen und psychischen Regeneration - am besten eingebettet in einen geregelten Tagesablauf. Doch wie kleine Kinder auch, würden Welpen bis zur Erschöpfung herumtoben wenn man sie ließe. Folglich muß der Mensch Anfang und Ende der Ruhephase bestimmen. Unsere Welpen waren grundsätzlich wenige Minuten nach dem Umzug in die Welpenkiste jeweils fest eingeschlafen. Feste und ausreichende Schlafenszeiten während des Tages sind übrigens während der gesamten Zeit des Heranwachsens notwendig, also je nach Rasse über das erste Lebensjahr hinaus.
Die konsequente Einhaltung eines geregelten Tagesablaufs gibt den Welpen Sicherheit. Außerdem lernen die Kleinen so frühzeitig zu akzeptieren, daß nicht alle Welt nach ihrer Nase tanzt, sondern die Regeln des Zusammenlebens vom Menschen bestimmt werden. Gleiches gilt für Spielaufforderungen: Unbedingt bestimmt der Mensch, wann gespielt wird, nicht der Hund. Beobachtet man erwachsene Hunde, die mit Welpen zusammenleben, kann man genau diese konsequente Haltung feststellen: Spielaufforderungen werden zunächst ignoriert und gibt der Welpe nicht nach, mit Naserümpfen, Knurren und Schnappen quittiert. Hyperaktive Hunde, die obendrein grundsätzlich das Gegenteil von dem tun, was man gerade von ihnen verlangt, sind das Ergebnis mangelnder Konsequenz bei der Aufzucht und Erziehung. (vg)
 Erster Ausflug ins Freie mit drei Wochen. |  Die Basis für das Sozialverhalten eines Hundes wird in den ersten 16 bis 18 Wochen gelegt. |
Quelle: ZZA 9/2005 Seite 44 |