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Nager & Co. nicht nur für Kinder

Das (fast) perfekte Heimtier

Über sechs Millionen Kleintiere wie Meerschweinchen, Hamster, Mäuse und Kaninchen leben in deutschen Haushalten. Nach der Katze sind Nager & Co. die Lieblinge der Nation. Folglich ist der Trend zur Nager-Insel im Zoofachhandel ungebrochen. Haben die kleinen Pelztiere vielleicht das Zeug zum „Heimtier der Zukunft“?

Mit 23 Prozent der Aussteller stellten Artikel für Kleintiere und Nager auf der Interzoo 2006 das drittgrößte Angebotssegment. Laut Industrieverband Heimtierbedarf e.V. (IVH) entwickelte sich der Futtermarkt für kleinere Heimtiere von 2004 bis 2005 überproportional. Mit einem Plus von 7,2 Prozent und einem Umsatz von 107 Millionen Euro hat sich der Kleintier-Sektor inzwischen zum drittstärksten Futtersegment entwickelt. Noch stärker wuchs der Bedarfsartikelmarkt für Nager & Co.: um 11,4 Prozent auf 78 Millionen Euro. Zumindest bezogen auf das Ausgaben-Wachstum hat Maus Jerry Kater Tom das Wasser abgegraben.

Gibt es einen Kleintier-Boom, und: wird er anhalten? Der erste Teil der Frage lässt sich unbedenklich mit „Ja“ beantworten und auch leicht begründen. Kinderwünsche werden heute eher erfüllt als früher. Dass Heimtierhaltung auf Kinder positive Auswirkungen hat, akzeptieren immer mehr Eltern. Auch solche, die mit Tieren und erst recht mit in der Wohnung lebenden Heimtieren nicht viel am Hut haben. Mit den Wünschen ihrer Kinder nach einem Heimtier mag ihnen das Meerschweinchen oder das Kaninchen gegenüber einer Katze oder einem Hund als das „kleinere Übel“ erscheinen. Bekanntlich sinkt die Bedeutung von Vögeln als Heimtier, so dass diese als Alternative zu Katze/Hund immer weniger in Frage kommen. Für Kleintiere spricht außerdem, dass Anschaffungs- und Unterhaltskosten geringer als bei Hund und Katze sind, ihre Gehege bei Bedarf im Kinderzimmer Platz finden, man mit ihnen nicht Gassi gehen muss und sie keinen Ärger mit Vermietern/Nachbarn provozieren.

Erfreulicherweise nimmt das Bewusstsein für die Bedürfnisse dieser Tiere immer mehr zu und damit auch die Bereitschaft, mehr für ihr Wohlbefinden auszugeben. Natürlich – zum Glück – werden Kaninchen, Meerschweinchen, Degus, Chinchillas, Hamster, Ratten und Mäuse nicht ausschließlich von Kindern gehalten; jede Tierart hat ihre Fangemeinde unter allen Altersgruppen.

An der Zukunft muss gearbeitet werden

Der derzeit zu beobachtende Trend zum Kleintier könnte allerdings ein „Zwischenhoch“ sein, denn Marktforschungsergebnisse sehen für die Haltung von Kleintieren in der Zukunft keine rosigen Aussichten. So auch Marktforscher Uwe Friedemann von TheConsumerView. Auf dem ZZF-Fachhandelsforum im Oktober vergangenen Jahres hatte er auf der Basis statistischer Daten und Schlüsselfaktoren wie Mobilität, Konsumkraft, Haushaltsgröße, Alter, Berufstätigkeit und Raumangebot die möglichen Rahmenbedingungen für die verschiedenen Heimtierarten bis zum Jahre 2010 ausgelotet. Demnach bieten sinkende verfügbare Ausgaben, Vergreisung der Gesellschaft bei nachhaltig sinkender Kinderzahl, zunehmende Stadtflucht und mehr Kurzreisen zulasten langer Jahresurlaube künftig schlechtere Bedingungen für die Haltung von Kleintieren. Aufschluss geben die folgenden Motive und Barrieren für die Haltung der kleinen Pelztiere:

+ Freude/Mögen
+ für die Erziehung der Kinder
– Urlaubsunterbringung
– Käfighaltung nicht artgerecht
– Schmutz

Wenn derzeit noch die Motive „Freude/ Mögen“ und „Kindererziehung“ die Nachteile überwiegen, könnte diese Wertung in wenigen Jahren kippen. Für den Zoofachhandel und seine Lieferanten ist es daher wichtig, sich mit den Negativpunkten der Kleintierhaltung offensiv auseinanderzusetzen. Größere Käfige mit Zusatzauslauf, mehr Beschäftigungsmöglichkeiten und höheren Unterschalen können die Barrieren „nicht artgerechte Käfighaltung“ und „Schmutz“ zumindest verringern. Eine auch kurzfristige Urlaubsbetreuung für Nager & Co. zu organisieren steht dem tierführenden Zoofachhandel gut an, wird zum Teil schon angeboten und kann ruhig etwas mehr publik gemacht werden.

Hamster und Chinchilla für die Generation 50+

Es gibt einen interessanten Aspekt in der Heimtierhaltung, der zwar vordergründig negativ erscheint, aber den Kleintieren durchaus zugute kommen kann. Auf dem Wunschzettel vieler Menschen steht für die Zeit nach ihrer Pensionierung die Anschaffung eines Hundes. Doch letztlich stellen alle Umfragen fest, dass diese Wünsche nur selten erfüllt werden, weil die Hundehaltung schlecht mit anderen Aktivitäten vereinbar und die Unterbringung bei Urlaub oder Krankheit ungeklärt ist. Auch wenn sicher nicht jeder, der sich einen Hund wünscht, stattdessen ein Hamster- oder Chinchilla-Freund wird, kann die altersgerechte Ansprache solcher Tierfreunde dem Segment Kleintiere doch – altersgerechte Ansprache vorausgesetzt – neue Perspektiven eröffnen.

Ein Denkanstoß zum „Kleintier-Marketing 50+“: Die räumliche Trennung der Nager-Insel in einen Bereich für kindgerechte Tiere und einen Bereich für Kleintiere, deren Haltungsansprüche ohnehin besser von Erwachsenen zu erfüllen sind. Erforderlich ist außerdem ein zusätzliches Gehege-Angebot, das nicht durch „kindgerechtes Ambiente“ besticht, sondern eine gute Figur im Wohnzimmer macht.

Hintergrund dieser Maßnahmen: Das Kleintier-Segment ist heute stark kindbetont, was auf ältere Kunden eher abschreckend wirkt. Allein die Vorstellung eines quietschbunten Hamsterkäfigs in Küche oder Wohnraum lässt so manchen Erwachsenen erschauern, Ältere mögen sich damit geradezu „kindisch“ vorkommen. Was bei den kindgerechten Tieren richtig ist, nämlich die Assoziation „niedlich/kuschelig“, wirkt sich nachteilig auf jene Tierarten aus, die gar nicht oder nur bedingt kindertauglich sind. Eine räumliche Trennung rückt Hamster & Co. auf den angemessenen Platz als – überspitzt formuliert – „Heimtiere für Enthusiasten mit Verstand“. Im Idealfall wird auf die Betreuungsmöglichkeit im Urlaubs-/Krankheitsfall an den Tierverkaufsanlagen und beim Beratungsgespräch hingewiesen. Ein entsprechendes Service-Blatt zur Erinnerungsstütze sollte beim Kauf beigefügt werden. (vg)

Quelle: ZZA 7/2006 Seite 16