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Interzoo
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Festvortrag anlässlich der Interzoo-Eröffnung

Heimtierhaltung dient der Gesundheit (2. Teil)

Als „Win/Win-Situation ohne schädliche Nebenwirkungen“ beschrieb Prof. Reinhold Bergler das harmonische Zusammenleben zwischen Tier und Mensch. In seiner Festrede anlässlich der Eröffnung der 29. Interzoo 2006 erläuterte er die therapeutische, präventive, rehabilitative und pädagogische Wirkung von Hund, Katze, Wellensittich und Fischen auf Menschen in verschiedenen Lebenssituationen. Nach Teil 1 in zza 6/2006 veröffentlichen wir hier die Fortsetzung des bemerkenswerten Vortrags.

Wellensittiche als Co-Therapeuten in Altenheimen

Prof. Dr. Reinhold Bergler hielt anlässlich der offiziellen Interzoo-Eröffnung einen viel beachteten Vortrag über die therapeutische Wirkung von Heimtieren.

Unsere Untersuchung war zweistufig angelegt. Zunächst einmal befragten wir ausführlich 200 Altenheimbewohner nach ihrem Leben, ihrer Lebensqualität, ihrem Gesundheitsstatus, der Häufigkeit von Arztbesuchen, auch ihrem Medikamentenkonsum. Am Ende dieses Gespräches stand dann die Frage, ob man denn gerne einmal für acht Wochen in seinem Zimmer einen Wellensittich hätte. Zwei Ergebnisse sind in diesem Zusammenhang symptomatisch:

1. Alle 200 Befragten wollten einen Wellensittich: Da wir eine Kontrollgruppe von 100 alten Menschen benötigten, die keinen Wellensittich besitzen sollten, mussten wir auslosen.

2. Alle 100 Altenheimbewohner, die einen Wellensittich erhalten hatten, wollten unbedingt ihren Wellensittich dann auf eigene Kosten nach acht Wochen behalten; ein Wunsch, den wir gerne erfüllen konnten.

Die Ergebnisse der ersten Befragung zur Lebensqualität im Altenheim werden dominiert von vielfältigen negativ getönten Erlebnisweisen und Stimmungslagen. Die Frage war jetzt: Kann sich ein Wellensittich in dieser Situation wirklich zu einem „Medikament ohne Nebenwirkungen“ entwickeln? Die Antwort ist auf Basis der Ergebnisse einer zweiten Befragung acht Wochen nach dem Eintreffen des Wellensittichs eindeutig: Schon in einem Zeitraum von acht Wochen führt das Leben mit einem Wellensittich zu einem positiven Stilbruch im bisherigen Heimleben; die, auch von dem Heimpersonal vollauf bestätigten Veränderungen betreffen die folgenden Verhaltens- und Erlebnisbereiche:

Es kommt zu einer motivierenden Veränderung des alltäglichen Lebensstils. Mehr Unterhaltung mit Nachbarn, Bekannten und Familienangehörigen über ein neues, interessantes Thema. Mehr Beschäftigung durch die Übernahme von Verantwortung für ein Lebewesen: Man ist wieder gefordert und damit gefördert. Mehr Abwechslung durch Kommunikation, Spiel und Verhaltensbeobachtung. Mehr Tageslaufregulierung: Es muss alles seine Ordnung haben.

Es kommt zu einer Aktivierung positiver Gefühlslagen durch Anstieg der Alltagsfreuden und Verminderung der Alltagsärgernisse. Die Zunahme von Alltagsfreuden geht einher mit dem immer neuen Erleben von Abwechslung, Freude, Fröhlichkeit, Spaß und auch Glück.

Es kommt zu einer Wiederbelebung sozialer Gefühle und Aktivitäten. Der Vogel wird als neuer Partner und neues Familienmitglied erlebt. Die wechselseitigen Besuche im Altenheim nehmen zu; man hat sich plötzlich Neues, Erfreuliches zu erzählen; das Gesprächsthema Krankheiten tritt zunehmend in den Hintergrund; dies gilt besonders auch für die Telefonate mit den Familienangehörigen. Das Erleben von Einsamkeit und Verlassenheit nimmt deutlich ab. Es kommt zu einer Stabilisierung des seelischen Gleichgewichts durch freudige Ablenkung von den Problemen; dies ist eng verbunden mit dem Abbau von Depression und Resignation. Es entwickeln sich zunehmend positive Stimmungslagen – man hat wieder bessere Laune – empfindet Zufriedenheit, Selbstvertrauen: Lebensmut und Lebenswilligkeit werden aktiviert.

Es kommt zu einer Verbesserung des subjektiven Gesundheitsstatus: die Häufigkeit der Arztbesuche nimmt ebenso ab wie der Konsum von Tabletten.

Es kommt zu einer Verbesserung des Betriebsklimas durch Abbau sozialer Konflikte und einem neuen Erleben von Geborgenheit; die Mitarbeiter des Heimes werden zunehmend entlastet.

Mit unserer Studie Wellensittiche im Altenheim konnten wir theoretisch und empirisch-repräsentativ begründet zeigen, dass Heimtiere einen vielfältigen Beitrag zum Wohlbefinden alter Menschen, zu deren seelischer und körperlicher Gesundheit und damit auch für deren Lebenserwartung zu leisten vermögen.

Das Aquarium als Prävention, Entspannungs- und Kreativitätstraining

Zum Schluss kam Prof. Bergler zu den Fischen in unseren Aquarien und zu dem, was sie für Aquarianer erlebnismäßig bedeuten, aber auch gerade unter dem Aspekt der Gesundheit bewirken. Basis der Untersuchung ist die eingehende Befragung von 130 Aquarianern.

Die psychologische Bindung an die Erlebniswelt eines Aquariums ist immer und wesentlich begründet in der gleich bleibenden, konstanten Attraktivität des Aquariums. Ein Aquarium ist Vermittler intensiver ästhetischer Gefühle und ein Auslöser für die kreative Selbstgestaltung einer abwechslungsreichen, lebendigen, Ruhe und Beruhigung vermittelnden Erlebnis-, Wunsch- und Wunderwelt. Fische vermitteln eigentlich immer und kontinuierlich Alltagsfreuden und niemals Alltagsärgernisse.

Was vermögen nun aber Fische für die Gesundheit von Menschen mit einem hohen Engagement an ihr Aquarium zu leisten? Summarisch kann man darauf die Antwort geben: Fische im persönlich gestalteten, gepflegten und weiterentwickelten Biotop sind – psychosomatisch formuliert – das ideale Entspannungs- und Beruhigungstraining. Die präventive und therapeutische Wirkung ist begründet in einer lebendigen, menschenunabhängigen, ursprünglichen und entspannenden Phantasiewelt: Das Aquarium ist eine eigenständige, lebendige Welt der Schönheit ohne Langeweile. Das Aquarium macht Gesundheitsförderung ohne Askese im Erleben persönlicher Ausgeglichenheit, Problemablenkung und beruhigender Entspannung fühlbar. Diese Präventions- und Therapiewirkung wird in einer Mehrzahl von Persönlichkeitsmerkmalen diagnostizierbar, die entscheidend für den Gesundheitsstatus eines Menschen sind. Solche deutlich bei Aquarianern überdurchschnittlich ausgeprägten Eigenschaften sind:

  • die hohen Zufriedenheitswerte (Harmoniewerte) in Bezug auf Familie und Partnerschaft (84%)
  • die hohen Zufriedenheitswerte mit der eigenen Arbeit (78%)
  • die hohen Zufriedenheitswerte mit der eigenen Gesundheit (81%)
  • die hohen Zufriedenheitswerte mit der Wohnsituation (71%).
  • optimistische Lebenseinstellung (74%)
  • die Freude an schwierigen Aufgaben: Leistungsorientierung (59%)

Es ist keine Frage, nach allem, was wir bisher wissenschaftlich wissen, ist ein Aquarium durch das, was es seinem Besitzer vermittelt aber was es auch von ihm fordert, immer auch ein hoch wirksames Entspannungs- und Beruhigungstraining.

Ausblick

„Es ist mir bewusst: Nicht alle Tiere, die uns symbolisch auf dieser Interzoo begegnen, habe ich Ihnen als ‚Medikament ohne Nebenwirkungen’ vorstellen können“, so Prof. Reinhold Bergler zum Schluss seines hochinteressantes Vortrags. Manches bedarf der weiteren Forschung, anderes fiel dem zeitlichen Limit zum Opfer. Doch sollte ein Mehrfaches deutlich geworden sein, nämlich

1.Heimtiere motivieren zu Lebensbejahung und der Entwicklung und Pflege eines aktiven Lebensstils.

2. Heimtiere stimulieren zu Alltagsfreuden, Lebensfreude, Lebenswilligkeit und zur Genesung: Die psychogene Stimulierung des Immunsystems ist ein wesentlicher Therapiefaktor von Heimtieren.

3. Heimtiere sedieren: Sie sind ein Entspannungs- und Beruhigungstraining.

4. Heimtiere kommunizieren; sie sind soziale Katalysatoren, Partner in Krisen der Einsamkeit und des Verlustes von Lebenssinn; sie sind auch Kommunikationstrainer.

5. Heimtiere stabilisieren Gefühle und Stimmungen; sie strukturieren den Tagesablauf und sind auch Trainer für körperliche und geistige Kompetenzen.

6. Heimtiere führen zu einer positiven Umstrukturierung der täglichen Stressbilanz: Sie lenken die Selbstaufmerksamkeit von den psychosomatischen Krankheitssymptomen, den Alltags-Stressoren, der Krankheit und der Behinderung hin zu Alltagsfreuden, zu einem Mehr an Normalität und der positiven Problembewältigung.

Diese verschiedenartigen Wirkungsmechanismen begründen letztlich die therapeutische Wirkung von Heimtieren. Dies alles aber immer unter der Voraussetzung einer konstanten partnerschaftlichen Mensch-Tier-Beziehung und einer artgerechten Tierhaltung. Bergler: „Nur unter diesen Bedingungen werden wir im Zusammenleben mit einem Heimtier nicht nur gesünder, sondern wir leisten auch einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Kostenreduzierung im Gesundheitswesen; auch dazu gibt es schon einschlägige Berechnungen.“ (vg)

Literatur:

Bergler, R. (2000). Gesund durch Heimtiere. Köln.

Hoff, T. & Bergler, R. (2006). Heimtiere und schulisches Leistungs- und Sozialverhalten. Schriftenreihe Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung. Band 1, Regensburg.

Hoff, T. & Bergler, R. (im Druck). Heimtiere und Kinder in der elterlichen Scheidungskrise. Schriftenreihe Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung. Band 2. Regensburg.

Quelle: ZZA 7/2006 Seite 24