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zza-Serie: Die „neuen“ Nager Kleinsäuger auf dem Weg zum Heimtier
Kleintier-Experte Christian Ehrlich, Buchautor und Chefredakteur des monatlich im Natur und Tier-Verlag erscheinenden Spezialmagazins „Rodentia“, stellt in dieser zza-Serie interessante Nager vor, die als Heimtiere Karriere machen können.
 | | Striemengrasmäuse sind besonders hübsch gefärbt und auch am Tage aktiv. Foto: Cynomys/C. Ehrlich |
Kleinsäuger liegen im Trend, vor allem bei Singles und Stadtmenschen. Doch Goldhamster, Rennmaus & Co. sind längst nicht mehr die einzigen Nager in deutschen Wohnzimmern. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe „exotischer“ Kleintiere, die auf dem Weg zum domestizierten Heimtier sind – wie einst der Goldhamster, der im Juni 1948 erstmals in Deutschland gehalten wurde. Unter den „neuen Nagern“ gibt es Arten aus allen Preissegmenten für Tierfreunde mit den unterschiedlichsten Interessen – einige davon sind vielleicht die Heimtiere der Zukunft…
1. Folge: Grasmäuse
Unter den „neuen Nagern“ zählen die Grasmäuse wohl zu den am häufigsten gehaltenen Arten in Deutschland. Seit nun schon fast zehn Jahren steigt die Zahl der Freunde dieser gestreiften Mäuse stetig an. Seit etwa drei Jahren werden neben der auch im Zoofachhandel gelegentlich angebotenen Vielstreifen-Grasmaus (Lemniscomys barbarus) auch zwei weitere Grasmaus-Arten häufiger gepflegt, nämlich die Tüpfelstreifen-Grasmaus (Lemniscomys striatus) und die Striemengrasmaus (Rhabdomys pumilio), einige weitere Arten leben bisher vor allem bei einigen Züchtern und Spezialisten.
Bei allen Arten sind inzwischen regelmäßig Nachzuchten zu erhalten, die an das Leben in Menschenhand gewöhnt sind und zumindest die Striemengrasmaus wird häufig so zahm, dass sie wie ein Zwerghamster gestreichelt werden kann. Die meisten Halter pflegen die quirligen Tiere aber vor allem wegen des interessanten Verhaltens, der sozialen Lebensweise – und nicht zuletzt, weil sie nicht nur nachts, sondern in Menschenhand auch am Tage oft unterwegs sind.
Biologie
Die Biologie von bisher selten gehaltenen Arten birgt den Schlüssel für eine artgerechte Haltung, dies gilt natürlich auch für Grasmäuse. Auch wenn sich die afrikanischen Nager recht stark ähneln, unterscheiden sie sich in ihrer Biologie in einigen Punkten.
Die Vielstreifen-Grasmaus ist die am häufigsten gehaltene Grasmaus und ein typischer Bewohner der trockeneren, grasbestandenen Savannen- und Wüstengebiete am Rande der Sahara. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Senegal über Marokko und Tunesien bis in den Sudan und nach Tansania. Erstaunlich ist ihre Fähigkeit, sich extrem „lang zu machen“ – dabei kann sie eine Kopf-Rumpf-Länge von 8–14 cm erreichen. Der lange Schwanz, der beim Klettern häufig um Zweige gewickelt wird, kann zusätzlich bis zu 16 cm messen. Die Nager zeigen ein Muster aus vielen hellen und dunkleren Streifen, die sich abwechseln und am Hals beginnen. Der zentrale Rückenstreifen ist dabei stets dunkelbraun gefärbt, so wie auch Kopf und Füße. Viele Halter bezeichnen sie wegen ihres Aussehens als „kleine Frischlinge“.
Vielstreifen-Grasmäuse sind im Gegensatz zu einigen anderen Grasmaus-Arten hauptsächlich in der Dämmerung und nachts auf den Beinen. Derart nachtaktiv wie etwa Hamster sind Grasmäuse allerdings unter normalen Haltungsbedingungen nicht. Selbst in der Natur sieht man diese sehr flinken Tiere gelegentlich auch am Tage. Lemniscomys barbarus baut in Bodennähe filigrane, runde Grasnester, zu denen typische Laufwege führen. Die Streifen-Grasmäuse graben fast nie, manchmal übernehmen sie aber die Bauten anderer Nager als Unterschlupf. In der Natur ernähren sich diese Grasmäuse hauptsächlich von Grassamen, grünen Pflanzenteilen und Insekten.
Die etwas größere und schwerere Tüpfelstreifen-Grasmaus stammt aus weniger trockenen – aber ebenso grasbestandenen – Lebensräumen von Sierra Leone bis Äthiopien, Angola und Malawi. In einigen Gebieten lebt sie mit der Vielstreifen-Grasmaus im gleichen Habitat, ohne dass sich die Arten vermischen. Die Aktivitätszeiten und große Teile des Verhaltens stimmen ebenfalls mit denen der Vielstreifen-Grasmaus überein. Statt durchgehender Streifen zeigt sie ein unterbrochenes Streifenmuster (Tüpfel) auf dem etwas dunkler gefärbten Rücken.
Deutlichere Unterschiede gibt es zur nahe verwandten Striemen-Grasmaus, die erst seit etwa 5 Jahren häufiger in deutschen Kleinsäuger-Haltungen zu finden ist. Diese Art kommt von Uganda und Kenia bis nach Südafrika vor. Es werden mindestens zwei Formen (Unterarten?) der Striemen-Grasmaus gehalten, nämlich eine ostafrikanische und eine südafrikanische. Beide sind nur wenig größer als die Vielstreifen-Grasmaus, wirken jedoch aufgrund des kompakteren Körperbaus etwas plumper. Der Schwanz ist kürzer als bei den beiden anderen Arten.
Während die südafrikanische Form der Striemengrasmaus farblich sehr an die anderen beiden genannten Arten erinnert, ist die ostafrikanische Variante deutlich farbenprächtiger; statt rehbraunen Tönen zeigt sie an den Flanken graubraune bis olivgrün-braune Farben und sehr kontrastreich abgesetzte Steifen auf dem Rücken. Die Striemen-Grasmaus kommt in sehr vielen verschiedenen Habitaten vor, darunter Savannen, Moore, Buschland, Flussufer und Waldränder bis hin zu subalpinen Regionen (bis 3.500 m ü. NN). Striemen-Grasmäuse sind tags und nachts aktiv, man trifft sie an kühleren Tagen besonders häufig an einem exponierten Platz beim Sonnenbaden an. Im Terrarium kommen die neugierigen Mäuse häufig immer dann heraus, wenn jemand vor dem Gehege steht.
 Tüpfelstreifen-Grasmäuse zeigen statt durchgehender Streifen ein unterbrochenes Streifenmuster. Foto: Cynomys/K. Rudloff |  Grasmäuse können sehr gut klettern. Foto: Cynomys/C. Ehrlich |
 Die Vielstreifen-Grasmaus taucht bereits seit einigen Jahren immer wieder im Handel auf. Foto: Cynomys/C. Ehrlich |  Vielstreifen-Grasmäuse können gut als Paar oder in kleinen Gruppen gehalten werden. Foto: Cynomys/C. Ehrlich |
 Steine und Äste können zur Einrichtung des Geheges dienen. Foto: Cynomys/C. Ehrlich |  Schon Baby-Streifengrasmäuse haben angedeutete Streifen. Foto: Cynomys/C. Ehrlich |
Haltung und Ernährung
Die Haltung der drei Arten ist recht ähnlich. Meistens werden die etwas zugluftempfindlichen Nager in Terrarien gehalten, aber auch entsprechend große Farbmaus-Käfige sind geeignet. Es empfiehlt sich ein Gehege mit den Mindestmaßen 80 x 50 x 50 cm für ein Paar oder eine kleine Gruppe. Es können gleichgeschlechtliche Paare oder gemischtgeschlechtliche Gruppen gehalten werden, die z. B. aus einem Zuchtpaar entstanden. Eine größere Anzahl Männchen kann jedoch – wie bei vielen Nagern – zu Streitereien führen.
Um den Bedürfnissen dieser wunderhübschen Nager nachzukommen, wird das Terrarium oder der Käfig mit einer dünnen Bodenschicht aus Sand und Torf oder Hobelspänen, sowie einigen Steinen und Ästen (z. B. aus der Aquaristik-Abteilung) ausgestattet – es ist interessant zu beobachten, wie geschickt die Grasmäuse selbst an dünneren Zweigen klettern! Einige Trockengrassoden bereichern das Terrarium und sorgen für zusätzliche Beschäftigung bei den Mäusen.
Zur Grundausstattung aus dem Zoofachhandel gehören zudem Verstecke (Holzhäuschen, Kokosnuss-Schalen etc.), die groß genug sind, die ganze Gruppe aufzunehmen, da die gesamte Familiengruppe häufig eng aneinandergekuschelt döst. Dieses Verhalten ist wichtig für die Aufrechterhaltung des Zusammenhalts innerhalb der Gruppe. Häufig bauen die Nager in solchen Verstecken auch ihre filigranen Grasnester aus zersplissenem Heu, es muss also regelmäßig neues Heu gereicht werden. Meist werden die Tiere bei Zimmertemperatur gepflegt, zeigen sich dann allerdings nicht so häufig und die Zucht ist schwieriger. Ein lokaler Wärmestrahler mit Maschendrahtschutz (Terraristik-Bedarf) sollte daher installiert werden; es ist eine echte Freude, die Nager beim Sonnenbad – auf maximale Länge ausgestreckt – zu beobachten! Die Tagestemperaturen liegen dann bei 24 °C, die Nachttemperaturen bei über 18 °C.
Von allen Grasmaus-Arten wird der Halter die Striemen-Grasmaus meiner Erfahrung nach am häufigsten beobachten können. Während bei Vielstreifen- und Tüpfelstreifen-Grasmaus die Zähmung sehr selten gelang, gibt es recht viele Striemen-Grasmäuse, die – mit etwas Futter gelockt – gerne auf die Hand des Halter steigen, manche lassen sich sogar hinter den Ohren kraulen. Insgesamt betrachtet sind Grasmäuse – wie so viele Kleinnager – aber leider keine „Streicheltiere“.
Die natürliche pflanzliche Ernährung mit proteinreichen „tierischen Häppchen“ sollte auch bei der Haltung in Gefangenschaft angestrebt werden. Grasmäuse bekommen als Hauptnahrung z. B. Zwerghamster- oder Rennmausfutter, einige spezialisierte Anbieter fertigen sogar bereits spezielles Grasmaus-Futter. Außerdem sollten Heu, das als Nahrung und Nistmaterial genutzt wird, und Frischfutter (z. B. Gras, Gurke) regelmäßig gegeben werden. Als Eiweißfutter kann Katzentrockenfutter gereicht werden, nach Grillen, Heimchen oder Mehlwürmern veranstalten sie sogar richtige Jagden. Bei ausreichender Versorgung mit Grünzeug verweigerten Streifenmäuse bei vielen Haltern die Wasseraufnahme aus Tränken. Diese sollten aber trotzdem in jedem Fall im Gehege angebracht werden!
 | | Seltenheit: Gescheckte Streifengrasmaus. Foto: Cynomys/C. Ehrlich |
Zucht
Die Nachzucht der vermehrungsfreudigen Nager ist bei einer artgemäßen Haltung – insbesondere einer ausreichend hohen Temperatur –, einer proteinreichen Ernährung und einer gewissen Ungestörtheit leicht möglich. Am besten startet der Einsteiger in die Grasmaus-Zucht mit einem als Jungtiere aneinander gewöhnten Paar blutsfremder Tiere. Es ist schon häufiger vorgekommen, dass nahe verwandte Tiere keinen Nachwuchs zeugten. Die Vermeidung von Inzucht sollte zudem ein Grund für die Verpaarung blutsfremder Tiere sein. Bei allen Grasmäusen ist die Vergesellschaftung neuer Paare meist nur im Jugendalter einfach.
In großen Gruppen entstehen auch in geräumigen Becken oft Beißereien unter den sonst friedlichen Tieren, wenn mehr Männchen als Weibchen vorhanden sind. Meistens werden unterlegene Männchen dann gejagt und im schlimmsten Fall schließlich tot gebissen. Gruppen von mehr als sechs Tieren erwiesen sich in den üblichen Terrarien ebenfalls häufig als inhomogen und streitanfällig. Für die Zucht im größeren Stil haben sich Paare bewährt.
Die Tragzeit beträgt bei allen Arten etwa 21 Tage, nach denen 1–7 recht weit entwickelte Junge geboren werden, die bereits mit etwa 16 Tagen selbstständig und mit acht Wochen geschlechtsreif sind. Der Vater und u. U. auch andere Weibchen beteiligen sich an der Aufzucht. Männliche Jungtiere werden häufig vom Vater getrieben oder sogar gebissen und sollten daher möglichst bald – noch vor der Geschlechtsreife – abgetrennt werden.
Der Umgang mit den flinken Tieren ist nicht immer einfach. Speziell Jungtiere sind häufig sehr hektisch und springen wild umher, wenn man sie ergreifen möchte. Niemals dürfen die Nager am Schwanz festgehalten werden, da dieser äußerst (!) zerbrechlich ist. Zum Fang nicht zahmer Tiere im Gehege haben sich beispielsweise Heimchendosen bewährt.
| Im nächsten zza informiert Christian Ehrlich über Steppenlemminge (Folge 2). |
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Mehr zu den unterschiedlichsten „neuen Nagern“ finden Sie in dem Buch „Kleinsäuger im Terrarium“ (Natur und Tier - Verlag) von unserem Autor sowie in der Zeitschrift „Rodentia“ aus dem gleichen Verlag. |
Domestikation
Erste Anzeichen einer Domestikation sind bei allen Arten bereits festzustellen. Schon seit einiger Zeit beobachten langjährige Halter einige Änderungen im Habitus und Verhalten der Tiere. Nicht nur, dass sie mit der Zeit viel ruhiger wurden und beispielsweise das Fluchtverhalten sich deutlich verringert hat, während die soziale Verträglichkeit zunahm; auch die äußere Gestalt der Tiere zeigt Änderungen. Vergleicht man wild gefangene Tiere mit deutschen Nachzuchten, so fällt eines sofort auf: Die Nachzuchten sind größer und etwas plumper. Eigentlich sollte dies nicht verwundern, wurden die gestreiften Mäuse doch schon über mindestens 50 Generationen in Menschenhand nachgezogen.
Ebenfalls nicht verwunderlich sollte bei dieser langen Zeit der Zucht das Auftreten von Mutationen sein. Und trotzdem sorgen einige Teilalbinos (sprich: „Schecken“), die in den letzten Jahren auftraten, für Furore. Der Teilalbinismus tauchte schon vor einigen Jahren in Stämmen aus den Niederlanden auf. Dort einigten sich die Züchter damals, diese Tiere nicht zur Zucht einzusetzen und sie somit „aussterben“ zu lassen, da dies eine unnatürliche Färbung sei. Die Nachzucht der nun in Deutschland aufgetretenen Form ist offensichtlich nicht ganz einfach, die Zukunft wird zeigen, wie viele Farbvarianten in den hübschen Mäuschen noch schlummern.
Quelle: ZZA 10/2006 Seite 40 |