|
zza-Serie: Die „neuen“ Nager - Teil 2 Kleinsäuger auf dem Weg zum Heimtier - Steppenlemminge
Kleintier-Experte Christian Ehrlich, Buchautor und Chefredakteur des monatlich im Natur und Tier - Verlag erscheinenden Spezialmagazins „Rodentia“ stellt in dieser Serie interessante Nager vor, die als Heimtiere Karriere machen können. Teil 2 befasst sich mit dem Steppenlemming.
 | | Alle Fotos: Cynomys/C. Ehrlich |
Wie kaum ein anderer Nager hat der Steppenlemming in jüngster Zeit eine rasante Entwicklung vom Versuchstier zum Heimtier erlebt. Waren noch vor wenigen Jahren Steppenlemminge in der Liebhaberhaltung nahezu unbekannt, sind sie heute recht häufig in deutschen Wohnzimmern und auch in immer mehr Zoofachhandlungen zu finden. Vor allem Freunde von Zwerghamstern entdeckten schon vor Jahren diesen asiatischen Nager und förderten seine Verbreitung. Seine recht einfache Haltung, das niedliche Aussehen, die problemlose Zucht und ein faszinierendes Verhalten machten die agilen Nager zu begehrten Hausgenossen. Ein echter „neuer Nager“!
Ein Grund für die Beliebtheit der Nager ist sicherlich auch ihre Bekanntheit: In vielen Köpfen hat sich allerdings vor allem die Legende des sich in selbstmörderischer Absicht die Klippe hinunterstürzenden Lemmings bis heute festgesetzt. Der Ursprung dieser Legende liegt in dem 1958 veröffentlichten Film „White Wilderness“ von Walt Disney. In ihm zeigt Disney die Massenwanderungen der Lemminge mit dem anschließenden Todessprung ins Meer – komplett inszeniert mit einer kleinen Gruppe Lemminge von einer Filmcrew, die unterhalten und nicht informieren wollte. Einen Massensuizid der Lemminge gibt es also nicht, der plötzliche Bestandseinbruch nach einer Massenvermehrung geht vielmehr auf das vermehrte Auftreten von Beutegreifern zurück.
Biologie
| Die „neuen“ Nager |
|---|
|
Kleinsäuger liegen im Trend, vor allem bei Singles und Stadtmenschen. Doch Goldhamster, Rennmaus & Co. sind längst nicht mehr die einzigen Nager in deutschen Wohnzimmern. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe „exotischer“ Kleintiere, die auf dem Weg zum domestizierten Heimtier sind – wie einst der Goldhamster, der im Juni 1948 erstmals in Deutschland gehalten wurde. Unter den „neuen Nagern“ gibt es Arten aus allen Preissegmenten für Tierfreunde mit den unterschiedlichsten Interessen – einige davon sind vielleicht die Heimtiere der Zukunft…
|
Steppenlemminge sind wahrlich faszinierende Nager, die extreme Biotope bewohnen. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von der westlichen Mongolei bis in die Ukraine sowie in den Nordwesten Chinas. An das Überleben in den Trockengebieten Zentralasiens sind die Tiere hervorragend angepasst. Diese Anpassungen und das interessante Verhalten der Nager in freier Natur sind Aspekte aus dem Leben der Lemminge, die jeder Halter kennen sollte. Denn nur wer weiß, wie sein Hausgenosse als Wildtier lebt, kann eine artgerechte Haltung garantieren und Verhalten richtig deuten.
Mit einer Kopf-Rumpf-Länge von 9 bis 11 cm gehört der Steppenlemming zu den eher kleinen Wühlmausartigen. Sein Schwanz ist dicht behaart und mit 10 bis 15 mm Länge relativ kurz. Im Gegensatz zum Schwanz sind die Fußsohlen nur teilweise behaart. Die Färbung des Rückens variiert je nach Herkunftsgebiet und Alter zwischen Hellgrau und Graubraun. Insbesondere ältere Tiere zeigen dabei eine deutlich bräunlichere Färbung. Charakteristisch für den Grauen Steppenlemming ist der schwarze Rückenstreifen („Aalstrich“), anhand dessen die Art gut von den anderen beiden Spezies der Gattung zu unterscheiden ist. Die Bauchseite ist weißlich gefärbt, die Krallen sind hornfarben.
 Heu dient als Nestbaumaterial für Graue Steppenlemminge. |  Die Lemming-Ernährung ist einfach. |  Steppenlemminge benötigen viel Grünfutter. |
 Steppenlemminge sind leicht zu beschäftigen. |  Blätter, Heu und Moos können die tiefe Einstreuschicht für die Lemminge aufwerten. |  Der typische „Aalstrich“ beginnt auf der Stirn. |
Der Steppenlemming (Lagurus lagurus) gehört systematisch gesehen zur Familie der Mäuseartigen (Muridae) und zur Unterfamilie der Wühlmäuse (Microtinae – von einigen Autoren auch als Arvicolinae bezeichnet), die sich in drei Gattungsgruppen mit insgesamt 26 Gattungen und ca. 150 Arten aufteilt. Früher wurden die Lemminge in der Familie Cricetidae (Wühler) geführt; diese Bezeichnung ist veraltet – auch wenn Lemminge natürlich ausgezeichnete „Wühler“ sind. Leider wird der Graue Steppenlemming regelmäßig unter mehreren – irreführenden – Trivialnamen angeboten. Neben der Kurzform „Steppenlemming“ wird er im Handel gelegentlich auch als „Mongolischer Lemming“, „Graulemming“ oder gar „Mini-Präriehund“ bezeichnet.
Als Lebensraum bevorzugen diese Lemminge Steppen und Halbwüsten. Wo diese durch menschliche Eingriffe verloren gingen, besiedeln sie auch Kultur- und Weideland. Im sandigen Boden der Steppen errichten sie ihre umfangreichen Bausysteme, die eine Tiefe von bis zu 90 cm erreichen und lediglich zwei bis drei Öffnungen haben. Die eigentliche 10 bis 15 cm große Nestkammer wird von den Tieren mit trockenem Gras und feinen Wurzeln ausgepolstert. Ihren Bau verlassen die Steppenlemminge vor allem nachts, aber auch tagsüber sind die Tiere häufig für zwei bis vier Stunden außerhalb der schützenden Gänge anzutreffen. Steppenlemminge sind gesellige Tiere, die in Kolonien leben, die aus 30 bis 50 Individuen bestehen können.
Haltung und Ernährung
Die Haltung von Steppenlemmingen ist recht einfach und teilweise mit der von Zwerghamstern zu vergleichen. Steppenlemminge sind äußerst agil und bewegungsfreudig. Daher muss ein Gehege ihnen ausreichend Platz bieten, ihren Bewegungsdrang auszuleben, und über eine entsprechende Grundfläche verfügen: Als Mindestgröße für ein Pärchen sollte das Gehege daher eine Größe von 80 x 40 x 40 cm besitzen, eine Fünfergruppe sollte 100 x 50 x 40 cm zur Verfügung haben. Eine Gehegehöhe von weniger als 40 cm ist nicht zu empfehlen, da für die Steppenlemminge ansonsten kein ausreichend hoher Bodengrund für das Wühlen eingefüllt werden kann. Steppenlemminge können als Pärchen, daraus entstehende Gruppe oder reine Weibchengruppe sehr gut gehalten werden. Lediglich bei mehreren Männchen im selben Gehege kann es zu Problemen durch Streitereien kommen – allerdings berichten mehrere Halter auch von stabilen reinen Männchengruppen.
 | | Steppenlemminge sind Gruppentiere und sollten mindestens zu zweit gehalten werden. |
Als Lemming-Heim eignen sich vor allem Aquarien mit Deckel sowie Terrarien mit der Möglichkeit, eine tiefe Einstreuschicht einzubringen – insbesondere natürlich die speziellen Kleinsäuger-Terrarien. In all diesen Glasgehegen lassen sich die agilen Nager sehr gut beobachten, unter anderem auch bei ihren Gangbauaktivitäten unter der „Erde“. Alternativ zu Aquarium & Co. können auch Plastikkäfige genutzt werden. Gitterkäfige sind dagegen nur bedingt geeignet, da die Tiere sich sehr „dünn machen“ können (Gitterabstand kleiner als 8 mm!) und eben eine etwa 10 cm hohe Einstreuschicht benötigen, die die meisten Bodenschalen an ihre Grenzen bringt. Zudem schleudern die Tiere beim Wühlen allerlei Einstreu aus einem Gittergehege.
Die Einrichtung des Lemming-Geheges besteht zunächst aus einer handelsüblichen Kleintier-Einstreu, die mit Blättern, trockenem Torf und Moos „aufgewertet“ werden kann. Zum Auspolstern ihrer Nester benötigen Steppenlemminge zudem geeignetes Nistmaterial. Gerne wird hierfür Heu verwendet, das von den Tieren auch als „Snack“ genutzt werden kann. Einen Unterschlupf brauchen Steppenlemminge eigentlich nicht, wenn sie über ausreichend Einstreu verfügen. Viele Halter nutzen aber Holz- oder Tonhäuschen, Korkröhren etc., um den Tieren ein strukturiertes Gehege zu bieten, auch Äste, Wurzeln, Steine und Grassoden können zur Beschäftigung eingebracht werden. Solche schweren Einrichtungsgegenstände müssten stets direkt auf den Boden des Geheges gestellt werden, damit die Tiere sie nicht untergraben können und so zerquetscht werden.
 | | Das niedliche Aussehen und das interessante Verhalten machen Steppenlemminge immer beliebter. |
Das Gehege der Steppenlemminge muss – wie bei allen Nagern – an einem möglichst ruhigen Platz aufgestellt werden. Es ist dabei von Vorteil, wenn sich der Standort auf Augenhöhe befindet, um Fluchtreaktionen durch Von-Oben-Ergreifen der Tiere zu verhindern. Eine Heizung brauchen die zentralasiatischen Nager nicht: Gegen tiefe Temperaturen sind Steppenlemminge relativ unempfindlich, da sie daran von Natur aus angepasst sind, trotzdem sollten sie nicht dauerhaft unter 18° C gehalten werden. Die tägliche Pflege der Tiere beschränkt sich auf wenige Arbeiten, u. a. weil die Tiere als Wüstenbewohner kaum Urin abgeben und dadurch auch einen geringen Eigengeruch haben.
Steppenlemminge ernähren sich in der Natur herbivor, d. h. von Pflanzen. Ihre Hauptnahrung besteht aus Gräsern, Knollen, Wurzeln und Steppenkräutern. In der Nähe von Kulturflächen werden auch Getreide und Saaten als Nahrungsgrundlage genutzt. Bei der Futterzusammenstellung sollte man diese artspezifischen Ernährungsgewohnheiten bedenken: Das Grundfutter sollte also zu 50 Prozent aus Grünzeug bestehen, die restlichen 50 Prozent können verschiedenen Saaten ausmachen. Zusätzlich fangen Lemminge gelegentlich einige Insekten, die ihnen Proteine liefern.
Als Frischfutter können verschiedene Gemüse (Möhre, Gurke, Salat, Petersilie, Paprika etc.) sowie Gras und Wildkräuter von unbedenklichen Sammelorten sowie Keimfutter angeboten werden. Auf Obst sollte größtenteils verzichtet werden, da der Fruchtzucker den Nagern schaden kann (z. B. Diabetes). Als Trockennahrung eignen sich Zwerghamster- oder Rennmaus-Futter (sprich: Kleinsaatenmischungen), einige spezialisierte Futterhersteller bieten sogar bereits Lemmingfutter an. Trinkwasser wird aus Tränken von den meisten Lemmingen angenommen, allerdings verzichten viele Individuen bei ausreichender Grünzeug-Fütterung darauf.
Zucht
| Im nächsten zza informiert Christian Ehrlich über Maushamster (Folge 3). |
|---|
|
Mehr über Lemminge als Heimtiere finden Sie in dem Buch „Steppenlemminge und andere Wühlmäuse“ von Ralf Sistermann (Natur und Tier - Verlag) sowie in der Zeitschrift „Rodentia“ aus dem gleichen Verlag.
|
Die Fortpflanzung der Steppenlemminge fällt in der Natur in die Zeit zwischen April und Oktober, lediglich in sehr milden Wintern werden auch außerhalb dieses Zeitraums Junge aufgezogen. Nach einer Tragzeit von etwa 20 Tagen werden sechs bis acht Jungtiere geboren, es wurden jedoch auch schon Würfe mit zwölf Jungtieren dokumentiert. Die Jungtiere, die bei der Geburt kaum mehr als ein Gramm wiegen, entwickeln sich extrem schnell und können bereits nach 10 bis 13 Tagen feste Nahrung zu sich nehmen. Bereits nach ca. vier Wochen sind die Jungtiere geschlechtsreif und können für eigenen Nachwuchs sorgen.
Eine beeindruckende Fortpflanzungsleistung, die jedoch so „ungebremst“ nicht anzustreben ist; eine frühe Trächtigkeit kann nämlich zu gesundheitlichen Schäden führen. So kommt es vor, dass ein zu junges Weibchen, das selbst noch nicht ganz ausgewachsen ist, den Wurf nicht überlebt oder mit den Jungtieren nichts anzufangen weiß und sie auffrisst. Das ideale Alter für eine Verpaarung liegt daher bei drei Monaten – zu diesem Zeitpunkt sind die Tiere ausgewachsen und kräftig genug, um Jungtiere großzuziehen.
Steppenlemminge zu züchten ist vor allem bei Paarhaltung sehr einfach und geschieht inzwischen bei Privathaltern und Züchtern regelmäßig. Die Jungtiere können mit etwa 25 bis 28 Tagen von der Mutter und nach Geschlechtern getrennt werden, um Paarungen unter den verwandten Tieren zu verhindern. Die Jungen sind nun völlig selbständig und entwickeln sich rasant. Junge Steppenlemminge sind äußerst niedlich und besonders wuselig, was viele Menschen sehr begeistert. Aber auch ausgewachsene Tiere sind während der Aktivität in der Nacht und häufig einiger Stunden am Tage kaum zu halten – im wahrsten Sinne des Wortes: Sie verhalten sich auf der Hand ähnlich wie Zwerghamster und sind daher keine echten Streicheltiere, auch wenn sie eher selten beißen.
Quelle: ZZA 11/2006 Seite 32 |