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zza-Serie: Die „neuen“ Nager - Teil 11 Kleinsäuger auf dem Weg zum Heimtier – Wühlmäuse
Anne Weber, Kleinsäugerexpertin und Redakteurin des monatlich im Natur und Tier-Verlag erscheinenden Spezialmagazins „Rodentia“, stellt in dieser Folge der zza-Serie Wühlmäuse vor.
von Anne Weber
 | | Gewöhnliche Rötelmaus (Clethrionomys glareolus). Fotos: Cynomys/K. Rudloff |
Wühlmäuse – die meisten Menschen assoziieren diese kleinen Nagetiere wohl eher mit Ernteschäden in Gärten und auf Feldern als mit Heimtieren. Vielleicht ist dieser schlechte Ruf auch ein Grund dafür, dass es bisher nur sehr wenige Wühlmausarten in die Gehege der Kleinsäuger-Liebhaber geschafft haben. Eine Ausnahme bildet der in der zza-Serie bereits vorgestellte Graue Steppenlemming (Lagurus lagurus) – er ist inzwischen sehr beliebt und wird häufig gepflegt und nachgezogen.
 | | Brandts Steppenwühlmaus in einem naturnah gestalteten Gehege. |
Aber nicht nur der Steppenlemming, auch viele andere Wühlmausarten haben deutlich mehr zu bieten als ihren schlechten Ruf: Ihr interessantes und vor allem sehr facettenreiches Verhalten sowie die recht problemlose Haltung machen sie zu geeigneten Heimtieren für Kleinsäuger-Interessierte.
Biologie
Microtinae, die Unterfamilie der Wühlmäuse (von einigen Autoren wird auch die Bezeichnung Arvicolinae verwendet) umfasst 26 Gattungen mit insgesamt etwa 150 Arten. Trotz dieser großen Artenvielfalt werden bisher – neben dem Steppenlemming – leider nur einige Arten der Gattungen Rötelmäuse (Clethrionomys), Echte Wühlmäuse (Microtus) sowie Steppenwühlmäuse (Lasiopodomys) in Liebhaber-Terrarien gepflegt:
Gewöhnliche Rötelmaus (Clethrionomys glareolus)
Die Gewöhnliche Rötelmaus ist in Mitteleuropa beheimatet, sie bevorzugt schattige, nicht zu trockene Habitate wie Waldränder, Hecken in Waldnähe und Gebüsche (beispielsweise auch nasse Erlenbrüche). Essenziell ist dabei das Vorhandensein von Bodenbewuchs oder einer dicken Laubschicht, unter der die Erde frisch bleibt. Sowohl ihr Lebensraum als auch ihr Verhalten sind äußerst untypisch für Wühlmäuse: Die Rötelmaus ist auch in der Lage, sich kletternd fortzubewegen. Clethrionomys glareolus ist etwa 9–11 cm groß, der Schwanz misst zusätzlich etwa 4,5–6,5 cm. Neben ihrem Schwanz sind es vor allem die großen Ohren, die die Unterscheidung der Rötelmaus von Feld- und Erdmäusen vereinfacht. Das Fell dieser Wühlmaus ist auf der Oberseite fuchs- bis braunrot, auf der Unterseite dagegen weißlich bis hellgrau gefärbt. Die wunderschönen wildfarbene Rötelmäuse sind jedoch sehr hektisch und stressanfällig, deshalb wird mittlerweile häufiger die deutlich ruhigere Albino-Variante gezüchtet. Hauptsächlich in der Dämmerung und nachts verlassen Gewöhnliche Rötelmäuse ihren Bau, der weniger komplex ist als der anderer Wühlmausarten. Rötelmäuse legen ihr mit Gras, Laub und Moos ausgepolstertes Nest häufig auch an der Erdoberfläche unter Steinen oder Baumstümpfen, teilweise sogar in geringer Höhe im Gestrüpp an.
Orkney-Feldmaus (Microtus arvalis orcadensis)
Die Orkney-Feldmaus ist eine Unterart unserer einheimischen Feldmaus, häufig wird sie auch einfach nur „Orkney“ oder Orkney-Feldwühlmaus genannt. Ihr Name verdeutlicht dabei zudem das Verbreitungsgebiet: Microtus arvalis orcadensis lebt nur auf den schottischen Orkney-Inseln. Das Fell der 9 bis 12 cm großen Wühlmaus ist oberseits dunkelbraun, der Bauch ist hell- bis graubraun gefärbt. Die Tiere haben einen walzenförmigen Körper mit stumpfer Schnauze, kurzem Schwanz und kleinen Augen. Orkneys leben Kolonien von bis zu 20 Individuen (meistens Weibchen mit Jungtieren), die Männchen sind zumeist einzeln anzutreffen. Das bevorzugte Habitat der Wühlmäuse sind baumfreie Gebiete wie Felder und Wiesen, zuweilen sind sie auch an Waldrändern und auf Waldlichtungen sowie in Sumpfgebieten heimisch. Die unterirdischen Baue bestehen bei Orkney-Feldmäusen aus Vorrats- und Wohnkammer sowie vier bis sechs Ausgängen, die durch oberirdische Wechsel verbunden sind. Im Sommer ist diese Art überwiegend am Tag aktiv, im Winter dagegen nachts.
Levante-Wühlmaus (Microtus guentheri)
Diese Vertreter der Echten Wühlmäuse sind von Libyen über Syrien, Israel, Libanon, Türkei, Ostbulgarien und Griechenland verbreitet. Sie bevorzugen trockene, offene Habitate mit spärlicher Vegetation sowie Weide- und Kulturlandschaften. Die 9,7 bis 12,7 cm großen Tiere mit dem kurzen Schwanz legen ausgedehnte Bausysteme mit drei bis vier Ausgängen an. Trotz der Komplexität des 20 bis 45 cm tiefen Gangsystems (bestehend aus mehreren Einzelbauten) enthält jeder Einzel-Bau nur eine Nestkammer. Was ihren Habitus angeht, sind die kleinen, kompakt gebauten, oberseits dunkelbraun und unterseits grau gefärbten Nager typische Wühlmäuse. Ihr Aktivitätszeiten unterscheiden sich jedoch von den überwiegend nachtaktiven anderen Wühlmausarten: Levante-Wühlmäuse sind sowohl tagsüber als auch nachts außerhalb ihrer Gänge anzutreffen (wechselaktiv).
Schilfwühlmaus (Microtus fortis)
Microtus fortis ist innerhalb ihrer Gattung eine der größten Arten, ihre Kopf-Rumpf-Länge kann bis zu 14 cm betragen, der relativ lange Schwanz misst zusätzlich noch einmal 3 bis 4 cm. Auf der Körperoberseite ist auch die Schilfwühlmaus grau-bräunlich gefärbt, der Bauch ist hellgrau. Wie ihr Name schon vermuten lässt, scheuen Schilfwühlmäuse das Wasser nicht, ganz im Gegenteil: In ihrem Verbreitungsgebiet, das große Teile Russlands, Chinas und der Mongolei umfasst, bevorzugen die Tiere feuchte Habitate. In Anpassung an ihren Lebensraum können die Nager perfekt schwimmen und tauchen. Wie ihre Verwandten legt auch die Schilfwühlmaus unterirdische Baue an, die durch regelrechte „Trampelpfade“ verbunden sind.
Brandts Steppenwühlmaus (Lasiopodomys brandtii)
Brandts Steppenwühlmaus, die auf den ersten Blick wie ein winziger Präriehund aussieht (und bei Gefahr ebenfalls Warnrufe ausstößt), ist die einzige Vertreterin der Steppenwühlmäuse, die derzeit regelmäßig gezüchtet wird. Die Tiere sind beigegrau gefärbt und werden 10 bis 12 cm groß, der Schwanz ist 1,5 bis 3 cm lang. Das Verbreitungsgebiet der Brandts Steppenwühlmaus überschneidet sich mit dem der Schilfwühlmaus (Russland, Mongolei, China) – aufgrund der unterschiedlichen Präferenzen bezüglich des Habitats gibt es aber keine Konkurrenz zwischen den beiden Arten: Die Steppenwühlmaus bevorzugt trockenere Gebiete.
Lasiopodomys brandtii lebt in größeren Gruppen aus Weibchen und deren Nachwuchs, adulte Männchen schließen sich diesen Gruppen nur im Winter an. Im Sommer leben sie einzelgängerisch, ihr großes Revier umfasst dann bis zu zehn der deutlich kleineren Reviere der Weibchen. Die Aktivität der Steppenwühlmäuse ist jahreszeitenabhängig: Im Sommer meiden sie die Tageshitze und sind hauptsächlich in der Dämmerung aktiv, im Winter sind die Tiere am Tag aktiv. Zeitweise verlassen die Wühlmäuse ihren Bau (der dann komplett verschlossen wird) im Winter jedoch gar nicht, sondern ernähren sich von Vorräten, die sie im Herbst gesammelt haben.
 Schilfwühlmaus. |  Moos ist wichtiger Bestandteil der Gehegeeinrichtung für Wühlmäuse – hier eine Levante-Wühlmaus. |  Obst sollte nur in geringen Mengen an Wühlmäuse (hier eine Orkney-Feldmaus) verfüttert werden. |
 Bei Gefahr stößt Lasiopodomys brandtii Warnpfiffe aus. |  Typisch für die Levante-Wühlmaus ist der kompakte Körperbau. |  Levante-Wühlmäuse sind fürsorgliche Mütter. |
 Schilfwühlmäuse sind unterseits hellgrau gefärbt. |  Die langschwänzige Schilfwühlmaus bevorzugt feuchte Habitate. |  Brandts Steppenwühlmaus erinnert vom Habitus her an einen winzigen Präriehund. |
Wühlmäuse haben im Allgemeinen eine recht kurze Lebenserwartung, bei den hier vorgestellten Arten variiert sie von ca. 18 Monaten (Gewöhnliche Rötelmaus) bis ca. 24 Monaten (Schilfwühlmaus, Brandts Steppenwühlmaus).
Haltung und Ernährung
Die Ansprüche der verschiedenen Wühlmausarten an ihre Unterbringung und Pflege ähneln sich zwar, aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft und Abweichungen bezüglich der Lebensweise müssen je nach Art aber auch einige Besonderheiten beachtet werden.
| Die „neuen“ Nager |
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Kleinsäuger liegen im Trend, vor allem bei Singles und Stadtmenschen. Doch Goldhamster, Rennmaus & Co. sind längst nicht mehr die einzigen Nager in deutschen Wohnzimmern. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe „exotischer“ Kleintiere, die auf dem Weg zum domestizierten Heimtier sind – wie einst der Goldhamster, der im Juni 1948 erstmals in Deutschland gehalten wurde. Unter den „neuen Nagern“ gibt es Arten aus allen Preissegmenten für Tierfreunde mit den unterschiedlichsten Interessen – einige davon sind vielleicht die Heimtiere der Zukunft…
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Da Wühlmäuse sehr agile Nager sind, darf die Grundfläche des Geheges (Nagerterrarium oder umfunktioniertes Aquarium) eine Größe von 80 x 40 cm keinesfalls unterschreiten. Geeigneter sind größere Gehege ab 100 x 40 cm (bei den recht großen Schilfwühlmäusen Mindestmaß!).
Der Bodengrund richtet sich nach dem Herkunftsgebiet der Wühlmäuse: Ein Gemisch aus ungedüngter Blumenerde und Rindenmulch ist für waldbewohnende Arten optimal, für steppenbewohnende Vertreter sollte ein Sand-Torf-Gemisch bevorzugt werden. Da alle Wühlmäuse mehr oder weniger stark graben, muss eine mindestens 15 cm hohe Schicht Bodengrund eingebracht werden. Dabei gilt: Je höher der Bodengrund, desto besser – denn dann können die Wühlmäuse ihr Grabbedürfnis wirklich ausleben. Um das Einstürzen der Gänge zu verhindern, wird die Einstreu stets leicht (!) feucht gehalten (Vorsicht vor Schimmelbildung). Das Einbringen von Wurzeln, Ästen und Steinen macht das Gehege für die Bewohner deutlich interessanter und schafft Bewegungs- und Beschäftigungsanreize. Wichtig ist, dass sämtliche Einrichtungsgegenstände sicher auf dem Boden des Terrariums/ Aquariums stehen und nicht auf dem Bodengrund, da die grabenden Tiere sonst durch umstürzende Steine oder Wurzeln erschlagen werden könnten. Ein weiterer wichtiger und attraktiver Bestandteil der Einrichtung ist Moos. Es sieht nicht nur schön aus, sondern wird von den Wühlmäusen auch mit Vorliebe gefressen. Bei der Haltung von Schilfwühlmäusen wird in das Gehege zudem eine Tonschale mit Wasser eingebracht (ca. 4 cm Tiefe), in der die Nager gern baden. Bei der Pflege von Schilfwühlmäusen ist außerdem Vorsicht hinsichtlich der Verwendung von Stroh geboten: Mehrere Halter berichteten, dass die Tiere kurz nach dem Einbringen des Strohs verstarben (vermutlich aufgrund von Dämpfen o.ä. aus dem möglicherweise mit Spritzmitteln belasteten Stroh, eine endgültige Erklärung für dieses Phänomen existiert bisher jedoch nicht). Auf Stroh sollte daher bei der Haltung unbedingt verzichtet werden!
| Im nächsten zza: Baumwollratten (Folge 12) |
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Mehr über Buschschwanz-Rennmäuse als Heimtiere finden Sie in dem Buch „Kleinsäuger im Terrarium“ von unserem Autor Christian Ehrlich (Natur und Tier - Verlag) sowie in der Zeitschrift „Rodentia“ aus dem gleichen Verlag.
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Wühlmäuse können in kleineren (Rötelmaus, Orkney-Feldmaus) bis größeren (Levante-Wühlmaus, Schilfwühlmaus, Steppenwühlmaus) Gruppen gepflegt werden, wobei eine Gruppe aus mehreren Weibchen und einem Männchen besteht.
In ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet ernähren sich Wühlmäuse hauptsächlich von grünen Pflanzenteilen, Wurzeln, Trieben, Moos und Grassamen. Stoßen sie beim Graben auf Insekten oder Larven, wird aber auch diese tierische Kost gern verzehrt. In Menschenhand reicht man den Tieren daher Grünfutter (mindestens 60 % des Futters), welches durch ein Gemisch aus Wellensittichfutter und Grassamen ergänzt wird. Als Grünfutter eignen sich Möhre, Sellerie, Petersilienwurzel, Gras und Moos sowie weitere Gemüsesorten besonders gut. Obst ist weniger geeignet, da Wühlmäuse anfällig für Diabetes sind. Um den Bedarf an tierischem Eiweiß zu decken, bekommen die Nager gelegentlich Lebendfutter in Form von Mehlwürmern, Heuschrecken etc. Rötelmäuse haben einen erhöhten Bedarf an tierischem Eiweiß, da in der Natur auch Insekten, Würmer und Spinnen auf ihrem Speiseplan stehen.
Zucht
Wühlmäuse sind recht vermehrungsfreudig und werden auch in Menschenhand teilweise problemlos nachgezogen (besonders Levante-Wühlmäuse und Brandts Steppenwühlmäuse). Die Nachzucht anderer Formen erweist sich häufig als schwieriger, bei der Orkney-Feldmaus sind beispielsweise immer wieder Bestandseinbrüche zu verzeichnen. Gründe könnten eine falsche Ernährung oder ungünstige Gruppenkonstellation (mehrere Männchen, zwischen denen es unvermeidlich zu Konfrontationen kommt) sein. Bei der Nachzucht von Wühlmäusen dürfen die jungen Weibchen keinesfalls zu früh (nicht vor Ende der Aufzucht des Folgewurfs) von der Gruppe getrennt werden, da sie im Familienverband den Umgang mit dem Nachwuchs lernen. Die Tragzeit variiert geringfügig je nach Art:
Rötelmaus: 18 bis 22 Tage
Levante-Wühlmaus: 21 bis 25 Tage
Schilfwühlmaus: 21 bis 25 Tage
Orkney-Feldmaus: 21 bis 23 Tage
Brandts Steppenwühlmaus: 19 bis 21 Tage
Selbständig sind die (je nach Art) zwei bis zwölf Jungtiere pro Wurf im Alter von 20 bis 25 Tagen, junge Schilfwühlmäuse sogar schon etwas eher.
Quelle: ZZA 8/2007 Seite 36 |