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8. Internationales Meerwassersymposium

Zusammenhänge der Natur besser verstehen

Bereits zum 8. Mal veranstalteten VDA und ZZF das Internationale Meerwasserforum in Lünen/Westfalen. Unter dem Motto „Optimierte Pflegebedingungen“ boten die zahlreichen, thematisch breit gefächerten Vorträge fundierte Informationen über maritime Lebensräume und die komplexen Zusammenhänge der Natur. Mit der Auswahl der Referenten hatten die Leiter der Veranstaltung, Helmut Schmidt (ZZF) und Hans Stiller (VDA), wieder ein „gutes Händchen“ bewiesen.

Die Pflegebedingungen weiter zu verbessern, über artgerechte Haltung aufzuklären und der Zucht von Meerestieren neue Impulse zu geben, ist erklärtes Ziel der Veranstalter mit diesem Symposium. Für alle Freunde der Meerwasseraquaristik und solche, die beruflich mit diesem Thema zu tun haben - ob als Züchter, Pfleger von Schauaquarien, Anlagenbauer, Wissenschaftler, Händler oder Hersteller - gehört das Meerwassersymposium zu den wichtigen Treffen, um Neues zu erfahren, Erfahrungen auszutauschen und die Zusammenarbeit zu verstärken. Umso bedauerlicher (wenn auch verständlich), dass Helmut Schmidt, der Pionier und Motor dieser sehr geschätzten Fachtagung, seinen Rücktritt aus Altersgründen erklärt hat. VDA und ZZF werden gemeinsam nach Wegen suchen, seine Arbeit fortzusetzen.


Dr. Dieter Brockmann (links) im Gespräch mit Helmut Schmidt (Mitte) und Hans Stiller (rechts).

Prof. Dr. Ellen Thaler im Gespräch mit Lünens Bürgermeister Hans Wilhelm Stodollick (links).

Nachfolgend geben wir einen kleinen Überblick über die einzelnen Referate. Der Tagungsband kann per E-Mail bestellt ­werden bei Helmut Schmidt (helmut.schmidt.luenen@t-online.de).

Über die Vermehrung und Aquarienhaltung der Ohrenqualle Aurelia aurita berichtete Johannes Berns, Köln. Der Name Ohrenqualle leitet sich von der Form der vier Geschlechtsorgane ab, die ohrenförmig gelblich oder violett durch den Schirm schimmern. Die Haltung in normalen rechteckigen Aquarien setze einigen technischen Aufwand voraus, da die Tiere eine sanfte, strömungslochfreie Wasserzirkulation benötigen, um schweben zu können. In großen Zylinderbecken lasse sich eine stetige horizontale Strömung leichter erzeugen. Da die Ohrenqualle drei Lebenszyklen in verschiedenen Erscheinungsformen (Planula-Larve - Scyphopolyp - Medusenform) durchläuft, seien unterschiedliche Hälterungsbecken für eine erfolgreiche Nachzucht unerlässlich.


Tropic Marin nutzte wie andere Firmen der Branche das Symposium, um seine Produkte vorzustellen.

Hans Stiller bedankt sich bei Helmut Schmidt für die langjährige Mitarbeit bei der Organisation des Symposiums.

Mit Kalium und Kohlendioxin im Riff­aquarium beschäftigte sich Dr. Dieter Brockmann, Ulm. Korallenriff-Aquarien verbrauchen immense Mengen an Kalzium und Karbonaten, die ihnen in ausreichenden Konzentrationen zugeführt werden müssen. Dafür gibt es im Prinzip zwei Methoden: den Kalkreaktor und die „chemische“ Dosierung von Kalzium und Karbonaten. Der Vortrag setzte sich mit den Vor- und Nachteilen beider Methoden auseinander, wobei betont wurde, dass Nachdosierungsverfahren ausschließlich unter strenger Kontrolle der Parameter angewendet werden dürfen, um Unter- oder Überdosierungen zu verhindern.

Joachim Frische, Penzberg, referierte sehr unterhaltsam und informativ über Kugelfische und Kugelfischverwandte der Ordnung Tetraodontiformes und deren interessante Verhaltensverhaltensweisen als Aquarienpfleglinge.

Pflege und Zucht von Sepia & Co. war das Thema von Dr. Rainer Hirschberger, Dortmund-Aplerbeck. Einige der kleinen Vertreter dieser intelligenten Weichtiere mit dem blauen Blut und der Fähigkeit zum Farb- und Musterwechsel seien durchaus für die aquaristische Haltung geeignet.

Winfried Hochstetter, Wilhelmshaven, berichtete über Probleme und Lösungen bei der Erstellung eines ohne Zuschüsse privat betriebenen Schauaquariums in Wilhelmshaven. Das anspruchsvolle Konzept sah vor, die Besucher auf eine Reise zu schicken, die vom Wattenmeer über die Nordsee weiter an subtropisch/tropische Küsten bis hinunter in die Antarktis und auf dem Rückweg erst über Land, durch Regenwald, Mangroven, zu den Korallenriffen und schließlich zurück nach Wilhelmshaven führt.

„Neue Filter, neues Glück?“ lautete das Thema von Jens Kallmeyer. Ausführlich behandelte er die grundsätzlichen biologischen, chemischen und physikalischen Prinzipien der einzelnen Systeme, um deren Vorzüge und Schwachstellen aufzuzeigen. Sein Fazit: „Kein Filter der Welt kann die Ignoranz, Dummheit oder Ungeduld des Pflegers kompensieren“.

Um „Biodiversität im Riffaquarium - Vermehrung von Mikroorganismen und Aufwuchsorganismen zur Erweiterung der Nahrungsketten in Riffaquariensystemen“ ging es im Vortrag von Jörg Kokott, Ritterhude. Die vielfältigen Interaktionen diverser Organismengruppen seien von erheblicher Bedeutung bezüglich des Nährstoffumsatzes, was maßgeblich zur Stabilität eines Aquariums beiträgt.

Wolfgang Mai, Mönchengladbach gab nützliche Tipps für die Haltung und Aufzucht von Zwergbarschen der Gattung Pseudochromis und Cypho. Für ihn zählen die Pseudochromis-Arten zu den interessantesten und vielseitigsten Fischen im Aquarium, die sich bei ihm auch gegen­über anderen Fischen absolut friedfertig verhalten. In der paarweisen Haltung seien die Fische das ganze Jahr über mit sich selbst bzw. dem Partner und der Brutpflege beschäftigt. Einzeln gehaltene Exemplare wüssten sich dagegen nicht besser zu beschäftigen, als andere Mitbewohner durch das Becken zu jagen.

Mit „Plagegeistern und Parasiten im Korallenriff-Aquarium“ beschäftigte sich der Vortrag von Michael Mrutzek, Ritterhude. Ihm ging es um Lösungsvorschläge, die ein wenig verhindern können, dass sich einzelne „Plagegeister“ (die u.U. vor einigen Jahren noch gewollt eingesetzt wurden) zu sehr vermehren können: „Es gilt also immer wieder eine Balance zu finden und dort einzugreifen, wo sich Tiere ungezügelt vermehren.“

Zwei Themen behandelte Ernst Pawlowsky, Polheim: „Kalium im Meerwasser“ und „Strömung im Riffaquarium“. Er riet allen Aquarianern, sich an das Thema Kalium heranzutrauen, denn nur so könnten im Lauf der Zeit weitere Erfahrungen auf breiter Basis gesammelt werden. „Die Strömung“ am Natur-Riff gibt es nicht, die tatsächlich enorme Bandbreite natürlicher Strömungen lässt sich im Aquarium nicht nachahmen. Es hänge deshalb immer von den im Becken gepflegten Organismen ab, ob Wechselströmungen mit kurzer Periode sinnvoll sind, oder ob eher eine stationäre oder sich nur langsam ändernde Strömung geeignet ist.

Peter Schmiedel, Beonheiden/Belgien, setzte sich mit der Paar- und Gruppenhaltung von Korallenfischen auseinander und berichtete von seinen eigenen - nicht immer erfolgreichen - Erfahrungen. Obwohl diverse Voraussetzungen zu schaffen sind und Rückschläge nicht ausgeschlossen, möchte Schmiedel jeden Aquarianer dazu ermutigen, die Fische in Paaren oder Gruppen zu pflegen. Den Aufwand rechtfertigen die Balzfarben, interessanten Interaktionen und manchmal sogar die erfolgreiche Brutpflege.

Wie eine Insel „kippt“: Prof. Dr. Ellen Thaler, Innsbruck/Österreich, berichtete abschließend vom Zustandekommen eines ökologischen Desasters auf der Seychelleninsel Bird Irland innerhalb eines Zeitraumes von nur acht Jahren. Ein frappierendes Beispiel dafür, wie die Veränderung eines einzigen Parameters (in diesem Fall der gut gemeinte Schutz von frisch geschlüpften Schildkröten vor Geisterkrabben in Zusammenhang mit Ökotourismus) eine Kettenreaktion mit negativen Folgen für das gesamte Ökosystem der Insel haben kann. (vg)

Quelle: ZZA 8/2007 Seite 44