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zza-Serie: Die „neuen“ Nager - Teil 12 Kleinsäuger auf dem Weg zum Heimtier
Anne Weber, Kleinsäugerexpertin und Redakteurin des monatlich im Natur und Tier-Verlag erscheinenden Spezialmagazins „Rodentia“, stellt in dieser letzten Folge der zza-Serie zum Thema „neue“ Nager die Baumwollratte vor.
von Anne Weber
 | | Baumwollratten |
Die Baumwollratte (Sigmodon hispidus), eine Neuweltmaus mit hoch interessantem Verhalten, ist der zwölfte und letzte „neue Nager“, der in dieser Serie vorgestellt werden soll. Seit einigen Jahren werden diese Nager, die auf den ersten Blick großen Wühlmäusen ähneln, wieder regelmäßig angeboten. Während Baumwollratten als Heimtiere bisher keine größere Verbreitung gefunden haben, sind sie der Wissenschaft gut bekannt: Als Labortiere in der Erforschung verschiedener Viren (z.B. des Influenza-Virus) erlangten Baumwollratten in den letzten Jahrzehnten eine große Bedeutung. Alle in Deutschland gehaltenen Baumwollratten stammen daher ursprünglich aus Labortierzuchten.
Biologie
Innerhalb der Familie der Mäuseartigen (Muridae) gehören Baumwollratten zur Unterfamilie der Neuweltmäuse (Sigmodontinae), eine nähere Verwandtschaft zu den vom Habitus her ähnlich wirkenden Wühlmäusen besteht also nicht. Das große Verbreitungsgebiet der Nager erstreckt sich über die südliche Hälfte der Vereinigten Staaten von Amerika bis ins nördliche Südamerika (Nord-Venezuela und Nordwest-Peru). Sigmodon hispidus tritt meist in großer Anzahl auf und gehört in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebietes zu den häufigsten Nagetieren überhaupt.
 Charakteristisch sind die runden, relativ dicht behaarten Ohren. |  Baumwollratten klettern und nagen gern, Äste müssen häufiger ausgetauscht werden. |
Baumwollratten erreichen eine Körperlänge von 16 bis 20 cm (plus 14 cm Schwanz), ihr Gewicht kann bei großen Exemplaren mehr als 200 g betragen. Das Fell der Tiere ist grau bis schwarz-braun gefärbt, der Bauch ist hellgrau. Charakteristisch sind die runden, relativ dicht behaarten Ohren, die fast im Fell verborgen sind. Der Schwanz ist einfarbig braun und nur spärlich behaart. Die in Mitteleuropa gehaltenen Tiere können in zwei Stämme unterschieden werden, die zwar derselben Art angehören, jedoch beträchtliche Unterschiede in Aussehen und Verhalten aufweisen: Die Vertreter des einen Stammes haben ein etwas wuscheliges, graues Fell, sie werden insgesamt größer und schwerer und der Schwanz ist verhältnismäßig kürzer. Die „grauen“ Baumwollratten verhalten sich ruhiger und werden schnell zahm, sie lassen sich problemlos mit der Hand ergreifen. Anders verhält sich dies bei den Vertretern des braun gefärbten Stammes. Die Tiere mit dem kürzeren, eher glatten braunen Fell werden zwar schon länger in Privathand gehalten und sind weiter verbreitet, bleiben jedoch fast immer schreckhaft und scheu, eine Zähmung ist kaum möglich. Will man „braune“ Baumwollratten ergreifen, springen sie panisch und ziellos im Gehege umher und lassen sich nur mit geeigneten Handschuhen fassen, da sie dem Halter in ihrer Angst sonst tiefe Bisswunden zufügen können. Die Verhaltensunterschiede zwischen den Stämmen scheinen genetisch bedingt zu sein, da sie sich auch dann nicht ändern, wenn Jungtiere beider Stämme gemeinsam aufgezogen werden.
| Die „neuen“ Nager |
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| Kleinsäuger liegen im Trend, vor allem bei Singles und Stadtmenschen. Doch Goldhamster, Rennmaus & Co. sind längst nicht mehr die einzigen Nager in deutschen Wohnzimmern. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe „exotischer“ Kleintiere, die auf dem Weg zum domestizierten Heimtier sind – wie einst der Goldhamster, der im Juni 1948 erstmals in Deutschland gehalten wurde. Unter den „neuen Nagern“ gibt es Arten aus allen Preissegmenten für Tierfreunde mit den unterschiedlichsten Interessen – einige davon sind vielleicht die Heimtiere der Zukunft… |
Als Bodenbewohner bevorzugen Baumwollratten in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet dicht mit hohen Gräsern bewachsene und eher feuchte Gebiete. Ihre Nester aus Gras oder anderen pflanzlichen Materialien legen sie in dichten Gras- und Krautbeständen am Boden oder in den unterirdischen Bauen anderer Tiere an. Baumwollratten sind sowohl am Tage als auch nachts aktiv. Neben verschiedensten Pflanzenarten, die als Hauptnahrung dienen, verschmähen Baumwollratten auch Insekten sowie Eier und Jungvögel nicht, wenn sie diese erreichen können. In einigen Gebieten sollen sie selbst Meerestiere wie Krabben fressen. Gelegentlich kommt es in den Populationen zu Massenvermehrungen, in deren Folge Baumwollratten große wirtschaftliche Schäden an Nutzpflanzen anrichten können. Bei Nahrungsmangel fressen die Tiere teilweise ganze Baumwollfelder kahl, was ihnen auch ihren Trivialnamen einbrachte. Baumwollratten spielen in Amerika zudem eine Rolle als Überträger von Krankheitserregern (z. B. Hantaviren). Da die bei uns gehaltenen Tiere jedoch wie erwähnt ausnahmslos aus Labortierzuchten stammen, besteht keine Gefahr einer Krankheitsübertragung (Vorsicht wäre im Umgang mit Wildfängen angebracht!).
Baumwollratten können mehr als fünf Jahre alt werden
Haltung und Ernährung
Der schlechte Ruf, der Baumwollratten teilweise vorauseilt (extrem schreckhaft, schlecht zu handhaben und bissig) geht sicher auf die bereits beschriebene Schreckhaftigkeit der Tiere des braunen Stammes zurück. Nichtsdestotrotz wird er beiden Stämmen nicht gerecht: Baumwollratten sind sehr genügsame und interessante Heimtiere, die sich wunderbar beobachten lassen und – im Fall des grauen Stammes – auch den direkten Kontakt zum Halter nicht scheuen und zu regelrechten Streicheltieren werden können.
 Sehr viel Heu und Versteckmöglichkeiten sind wichtig. |  Die Jungtiere sind bei der Geburt sehr weit entwickelt. |
Beachtet man einige Grundregeln, ist die artgerechte Unterbringung und Pflege von Baumwollratten recht unkompliziert.
Die Neuweltmäuse werden am besten paarweise gehalten. Es sind zwar auch Haremshaltungen oder reine Weibchengruppen möglich, dann werden aber natürlich auch entsprechend große Behälter benötigt. In einem Terrarium zusammen gehaltene Männchen werden sich i. d. R. nach einiger Zeit bekämpfen; oftmals bis zum Tod des unterlegenen Tieres. Das gut belüftete Terrarium sollte für ein Pärchen mindestens die Maße 100 x 50 x 50 cm (Länge x Breite x Höhe) aufweisen. Als Einrichtung benötigen die Neuweltmäuse lediglich eine Schicht Kleintierstreu sowie sehr viel Heu und Versteckmöglichkeiten in Form von Häuschen, einige Steinen und Wurzeln. Auch dickere Äste und Rindenstücke wurden von meinen Baumwollratten gern beklettert, aufgrund des starken Nagetriebes müssen sie jedoch häufig ersetzt werden. Aus diesem Grund sollte unbedingt auf Einrichtungsgegenstände aus Kunststoff verzichtet werden, die Tiere würden auch diese Zernagen und die Plastikteilchen u. U. aufnehmen. Die Einstreu sollte so hoch eingefüllt werden, dass die Nager Gänge und Höhlen anlegen können.
 Baumwollratten sind sehr genügsame und interessante Heimtiere. |  Braune und graue Stämme werden unterschiedlich zahm. |
Aufgrund der langen Zeit der Zucht als Versuchstiere sind Baumwollratten an Futter wie Rattenpellets gewöhnt, können aber auch gut mit gehaltvolleren Heimtierfuttersorten für Hamster ernährt werden. Wird ihr Bedarf an tierischem Eiweiß nicht schon über das Grundfutter gedeckt, kann man ihnen Katzentrockenfutter oder Grillen anbieten, was aber nicht alle Exemplare annehmen. Durch die hohen Reproduktionsraten von Paaren ist der Bedarf an tierischen Proteinen sehr groß. Zur Befriedigung des Nagebedürfnisses können Äste von ungiftigen Baumarten angeboten werden. Baumwollratten haben einen hohen Wasserbedarf, der größtenteils durch die reichliche Gabe von (nicht zu süßem) Obst und Gemüse wie Gurken, Äpfeln oder Karotten gedeckt werden kann, auch Löwenzahn und andere Wildkräuter werden gerne gefressen. Trotzdem muss ihnen unbedingt immer frisches Wasser in einer Nippeltränke zur Verfügung stehen.
 Baumwollratten haben eine sehr interessante Fortpflanzungsbiologie. |  Versteckmöglichkeiten sind wichtig, bei der Materialwahl muss der Nagetrieb berücksichtigt werden. |  Die Neuweltmäuse werden am besten paarweise gehalten. |
Zucht
Baumwollratten haben eine sehr interessante Fortpflanzungsbiologie: Gemeinsam mit den Stachelmäusen gehören sie zu den Arten der Mäuseartigen, die die am weitesten entwickelten Jungtiere zur Welt bringen. Die Tragzeit ist daher für Mäuse auch sehr lang – etwa eine Woche länger als bei Hausmäusen. Die Jungtiere sind sehr weit entwickelt (Geburtsgewicht etwa 7 g), sie besitzen bei der Geburt bereits ein dunkles Fell und öffnen innerhalb von 24 Stunden die kleinen Augen. Im Alter von zwei Tagen beginnen sie, sich aus dem Nest zu bewegen und mit nur fünf Tagen (!) können sie bereits entwöhnt sein, auch wenn sie normalerweise länger gesäugt werden.
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Mehr über Baumwollratten als Heimtiere finden Sie in dem Buch „Kleinsäuger im Terrarium“ von Christian Ehrlich (Natur und Tier - Verlag) sowie in der Zeitschrift „Rodentia“ aus dem gleichen Verlag.
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Bei der Haltung eines Paares bleibt der Nachwuchs i. d. R. nicht lange aus. Baumwollratten sind sehr produktiv: Meist werden in kurzer Folge – jeweils nach einer Tragzeit von 27 Tagen – Würfe mit je zwei bis zwölf Jungtieren (meist drei bis sieben) geboren. Bei meinen Tieren konnte ich allerdings immer wieder Vermehrungspausen von einigen Wochen oder Monaten feststellen, vor allem in der kalten Jahreszeit. Die Individuen des grauen Stammes lassen es zudem auch bei der Vermehrung etwas ruhiger angehen: Oft werden pro Wurf nur drei bis fünf Junge geboren, die sich auch etwas langsamer zu entwickeln scheinen als die der „braunen“ Baumwollratten. Insgesamt wächst der Nachwuchs aber schnell heran und kann mit spätestens sechs Wochen geschlechtsreif sein. Das Männchen kann im Normalfall auch während der Aufzucht im Becken verbleiben und hält sich auch mit den Neugeborenen gemeinsam im Nest auf. Mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife werden die männlichen Jungtiere jedoch vom Vater verbissen, die Jungen sollten daher zu diesem Zeitpunkt von den Eltern getrennt werden.
Trotz ihrer hohen Reproduktionsrate wird die Populationsgröße der Baumwollratten im Verbreitungsgebiet recht konstant gehalten: die Kontrolle erfolgt durch die zahlreichen Fressfeinde (andere Säugetiere, Reptilien und Vögel).
Quelle: ZZA 9/2007 Seite 36 |