|
Freunde fürs Leben Positiver Einfluss von Heimtieren ist nachweisbar
Tiere üben auf uns eine magische Anziehungskraft aus. Schon Babys strecken einem Hund, einer Katze oder aber einem Kaninchen lachend die Hände entgegen. Viele Menschen können stundenlang Fische in einem Aquarium beobachten, und Hunde sind die Kommunikationsexperten par excellence. „Ist es ein Rüde oder ein Weibchen?“ Welcher Hundebesitzer kennt diese Frage nicht? Schon bald entsteht ein Gespräch über Alter, Rasse und Herkunft des vierbeinigen Freundes.
von Dipl.-Biologin Hildegard Niemann
 | | Hunde fördern bei älteren Menschen nicht nur die Bewegung, sie gelten auch als „Stresskiller“. (Fotos: IVH) |
Warum aber suchen wir die Nähe zu anderen Arten? Kein anderes Tier pflegt mit einer solchen Hingabe und Intensität andere Arten wie wir dies tun. Um die Antwort auf diese Frage zu finden, muss man sich mit unserer eigenen Entwicklungsgeschichte und unserer Biologie auseinandersetzen. Ein Hinweis auf die Beantwortung dieser Frage gibt uns das Hormon Oxytocin. Identifiziert wurde es bereits 1902. Zunächst wurde Oxytocin für ein „weibliches“ Hormon gehalten, da es zur Produktion von Milch nach der Geburt führt. In den 50er Jahren fand man aber heraus, dass Oxytocin im Hypothalamus, einem wichtigen Abschnitt im Zwischenhirn, gebildet und von dort in alle Hirnregionen gesendet wird, die mit Verhalten und Emotionen in Verbindung stehen. Der Gegenspieler (Antagonist) des Oxytocin ist das Vasopressin. Beide Hormone werden in derselben Region des Hypothalamus gebildet und an derselben Stelle in das Blut eingespeist. Sie sind vom Aufbau einander sehr ähnlich und binden an die gleichen Rezeptoren und stehen daher in direkter Konkurrenz zueinander.
„Wohlfühlhormon“ Oxytocin
Oxytocin wird auch als „Wohlfühlhormon“ bezeichnet. Es ist interessant, dass die Höhe des Oxytocinspiegels darüber eine Aussage gibt, wie sozial ein Individuum ist. Weder ein Oxytocin- noch ein Vasopressinmangel haben Auswirkungen auf die Lernfähigkeit eines Organismus. Ein Mangel an Oxytocin führt aber dazu, dass soziale Erinnerungen ausgelöscht werden. Freunde und Bekannte werden zum Beispiel bei Oxytocin-Mangel nicht oder schlechter wiedererkannt.
Soziale Kontakte sind für soziallebende Organismen überlebenswichtig. Nur 5 Prozent aller Säugetiere leben in langlebigen Partnerschaften und teilen sich in dieser Zeit die elterlichen Pflichten. Dennoch müssen die restlichen 95 Prozent stets aufs Neue Sozialkontakte aufbauen, diese halten und in einem gewissen Rahmen auch pflegen. Ein hoher Oxytocinspiegel führt zu einem weniger aggressiven Verhalten und ermöglicht Individuen mehr interpersonale Kontakte, eine wichtige Vorrausetzung für die Biophilie, die „Liebe zum Lebendigen“.
 | | Kinder und Tiere profitieren voneinander. |
Mittlerweile weiß man, dass Halter, die häufig Blickkontakt zu ihrem Hund haben, auch das stärkste Gefühl haben, ihren Hund zu verstehen. Nach Tests wiesen diese Halter einen eindeutigen Anstieg des Oxytocin-Spiegels im Blut auf. Oxytocin führt unter anderem dazu, dass ein Individuum länger Blickkontakt zu seinem Gegenüber hält. Damit kann die Körpersprache des Individuums länger und leichter gelesen werden, eine wichtige Vorraussetzung zum Aufbau sozialer Beziehungen. Frauen fällt das Lesen der Körpersprache häufig leichter als Männern, weil ihnen ihr Östrogen-Oxytocin-System für diese soziale Tätigkeit bessere Voraussetzungen liefert. Autisten hingegen haben große Probleme, die Körpersprache des Gegenübers zu begreifen. Verabreicht man diesen Patienten Oxytocin, so verbessert sich das Verständnis der Körpersprache kurzfristig. Dies ist aber nur die Oberfläche des Einflusses, den Heimtiere auf uns haben. Streichelt man zum Beispiel ein bis zwei Minuten lang Ratten mit einer Frequenz von 45mal pro Minute, so steigt sowohl der Oxytocin-Spiegel der Ratte als auch der des Menschen. Der Stresshormonspiegel sinkt bei der Ratte, ebenso wie der Blutdruck und die Herzfrequenz. Ein bis zwei Minuten lang ist die Zeit, die wir Halter durchschnittlich unsere Heimtiere immer wieder zwischendurch streicheln. Nach 5 Minuten Streicheln hält das entspannte Verhalten der Beteiligten länger an. Dies liegt daran, dass Nervenzellen in der Haut die Oxytocinbildung im Hirn aktivieren.
Heimtiere als Überlebensfaktor
Stresstests haben gezeigt, dass die Gesellschaft von Freunden oder Partnern bei diesen Tests nur wenig oder gar keinen Einfluss auf die Herzfrequenz und den Blutdruck der Testpersonen hatte. Die Gegenwart der Hunde der Testpersonen führte jedoch zu einer Senkung der Herzfrequenz und beruhigte die Testpersonen. Von 50 Patienten, die nach einer Herzattacke zu ihren Heimtieren zurückkehrten, überlebten 47 das erste Jahr nach der Herzattacke, während in der Kontrollgruppe ohne Heimtiere 11 Patienten im ersten Jahr starben. Die Art des Heimtieres war dabei egal, lässt man die körperliche Ertüchtigung durch Spaziergänge mit einem Hund außer Acht. Heimtiere sind nach dieser Studie der Überlebensfaktor Nummer eins nach schweren Herzattacken.
Nicht nur Herzpatienten profitieren von einem Kontakt zu Heimtieren. Starke Depressionen gehen mit eindeutigen Anzeichen eines Oxytocin-Mangels einher. Diese Patienten haben einen ausdruckslosen Blick, empfinden eine emotionale Dumpfheit und strahlen diese auch aus. Der Umwelt fällt es schwer, mit dieser fehlenden Kommunikation umzugehen, und Freunde und Familie beginnen sich zurückzuziehen. Heimtiere scheinen von dieser Entwicklung unbeeindruckt zu sein. Allein der Blickkontakt zu einem Heimtier sorgt dafür, dass der Oxytocin-Spiegel im Blut dieser Patienten steigt und schafft damit die Vorrausetzung für das Einsetzen von erneuter Kommunikation dieser Patienten mit ihrer Umwelt. Freundliche Interaktionen mit einem Heimtier sorgen sogar dafür, dass sich der Oxytocin-Spiegel im Blut verdoppelt.
Kinder, die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts geboren wurden, haben eine dreimal höhere Wahrscheinlichkeit, an Depressionen zu erkranken als Generationen vor ihnen. Zwischen 2000 und 2002 konsumierten britische Kinder 68 Prozent mehr Stimulantien, Beruhigungsmittel und Antidepressiva als in den Jahren zuvor. 16 Prozent aller Amerikaner klagen über Depressionen, Angstgefühlen und Einsamkeit. 15 Prozent aller Erwachsenen leiden unter sensorischen Abwehrstörungen (Licht zu hell, Geräusche zu laut, zu intensive Gerüche, zu kratzige Kleidung). Die WHO vermutet, dass 2020 depressionsbedingte Gesundheitsprobleme und Selbstmordversuche die Hauptgründe für Krankheiten und Behinderungen sein werden. Wir leben in einer Welt, in der wir kaum noch Möglichkeiten haben, ausreichend Oxytocin zu bilden. Unser Nervensystem ist mit zu vielen Eindrücken überlastet, das soziale Netz durch Familie und Freunde bricht zunehmend zusammen.
20 Prozent der erwachsenen Deutschen leben in Single-Haushalten, das heißt ohne direkte familiäre Ansprache mit Blick- und Körperkontakt. Man weiß inzwischen, dass Frauen, die häufig von ihren Partnern in den Arm genommen werden, einen niedrigeren Blutdruck und einen höheren Oxytocin-Spiegel im Blut haben als Vergleichspersonen. Männer profitieren stärker von einer oxytocinangereicherten Umgebung als Frauen, da sie vasopressin- und testosterongesteuerter sind als Frauen. Verheiratete Männer leben länger als geschiedene Männer oder Junggesellen. Kinder, die viel Zeit vor dem Computer verbringen, leiden unter mangelnden Sozialkontakten. Diese Zeit verbringen sie ohne Eltern, Geschwister oder Freunde. Lehrern fällt es nicht schwer, diese Kinder in der Klasse zu finden. Sie sind zurückhaltender in der Gruppe und gehen weniger soziale Risiken ein. Diese Kinder brauchen mehr Körperkontakt, Führung. Leitung und Nähe zur Natur und zu Tieren.
Warum also nehmen wir Oxytocin nicht einfach als Pille ein? So leicht lässt sich dieses Problem nicht lösen. Oxytocin wird im Blut sehr schnell abgebaut und wandert nur schwer durch die Blut-Hirn-Schranke, welche das Gehirn vor schädlichen Einflüssen durch den restlichen Körper schützt. Zwar kann man kleine Dosen mit Nasensprays geben, aber die Wirkung verfliegt schnell. Erst die Menge von drei Teelöffeln Oxytocin würde zu etwas langfristigeren Erfolgen führen. Was bleibt uns also? Wir müssen unser eigenes Oxytocin bilden, um unsere soziale Kompetenz zu behalten und gesund zu bleiben. In einer Umwelt, die zunehmend anonymer wird, sind wir auf die Hilfe unserer Heimtiere angewiesen, um emotional keinen Schaden zu nehmen. Personen, die Heimtiere pflegen, machen auf ihre Umwelt einen freundlicheren, fröhlicheren und entspannteren Eindruck. Der positive Einfluss von Heimtieren macht uns zu positiveren Menschen. Unsere Hunde, Katzen, Vögel, Hamster, Meerschweinchen und Kaninchen sind unsere besten Waffen gegen den Blues des 21. Jahrhunderts. Sie sind unsere Freunde und unsere Familie. Wir haben die Verpflichtung, uns um unsere Heimtiere optimal zu kümmern, denn wir können es uns einfach nicht leisten, auf sie zu verzichten.
Quelle: ZZA 8/2009 Seite 36 |