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16. ZZF-Fachsymposium

Experten definieren artgerechte Kleinsäugerhaltung

Mehr als 100 Tierärzte und Zoofachhändler nutzten das diesjährige ZZFFachsymposium, um sich über die Voraussetzungen für eine artgerechte Haltung von Kleinsäugern auszutauschen. Ein höchst aktuelles Thema, wird doch die Heimtierhaltung in weiten Teilen der Gesellschaft zunehmend kritischer hinterfragt. Einig waren sich Referenten und Teilnehmer des Symposiums darüber, dass dem Zoofachhandel künftig eine noch wichtigere Rolle zukommt. Und zwar sowohl bei der Beratung wie auch bei der Vorbildfunktion in punkto Präsentation.

Beispiele aus der jüngsten Zeit verdeutlichen, dass bestimmte Kräfte mehr Restriktionen bei der privaten Tierhaltung zur Durchsetzung des ethischen Tierschutzes für erforderlich erachten. Der Deutsche Tierschutzbund fordert ein Haltungsverbot für bestimmte Tierarten, die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen tritt für einen Sachkundenachweis als Voraussetzung zur Zucht und Haltung von Tieren wild lebender, nicht domestizierter Arten und für eine behördliche Genehmigung serienmäßig hergestellter Heimtierunterkünfte ein, in Österreich hat der Nationalrat den Antrag zur Schaffung einer Sachkundeverordnung für die Haltung „exotischer“ Tiere einstimmig angenommen. Unter diesen Vorzeichen sind Zoofachhandel und Indu - strie gut beraten, ihr Augenmerk noch mehr als bisher schon auf die Sicherung des Tierwohls zu richten. Entsprechend groß war deshalb das Interesse an dem Fachsymposium, das der Zentralverband Zoologischer Zoofachbetriebe e.V. (ZZF) zusammen mit der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) und dem Bundesverband der beamteten Tierärzte (BbT) am 29. und 30. Oktober in Künzell veranstaltete. ZZF-Präsident Norbert Holthenrich konnte über 100 Teilnehmer zu dieser Veranstaltung begrüßen – ein Rekord. Die Besucher kamen zu knapp 47 Prozent aus dem Zoofachhandel, 35 % waren Tierärzte und 17 Prozent vertraten Großhandel und In - dustrie. Die Themenauswahl, die fachlich versierten Vorträge und die Möglichkeit des Austausches zwischen Tierärzten und Vertretern der Heimtierbranche bewerteten die Teilnehmer als „gut“ (Note: 1,5).


Über 100 Tierärzte und Zoofachleute nutzten das Symposium, um sich über aktuelle Erkenntnisse zur artgerechten Kleinsäugerhaltung zu informieren.

Jörg Turk, stellvertretender ZZF-Geschäftsführer, (links) neben Norbert Zajac, Inhaber von Zoo-Zajac, der mit fünf seiner angestellten Veterinärinnen am ZZF-Symposium teilnahm.
Kleinsäuger sind keine Kuscheltiere. Ihre spannenden Verhaltensweisen lassen sich von Erwachsenen und Kindern wunderbar beobachten.
Ralf Sistermann

Spannend zu beobachten, nicht zum Kuscheln

Die Referenten – Tierärzte und Kleinsäugerexperten – vermittelten wertvolle Erkenntnisse über die Bedürfnisse von Kleinsäugern, die für eine artgerechte Haltung erfüllt werden müssen. Dabei gaben sie Zoofachhändlern und Herstellern konkrete Ratschläge für die Präsentation von Kleinsäugern, die Gestaltung der Verkaufsanlagen, für Beratung und Verkauf, die Auswahl geeigneten Zubehörs sowie für die Produktion von tierschutzgerechten Kleinsäugerheimen und Zubehörartikeln.

Ralf Sistermann, Kleinsäugerexperte und Chefredakteur der Zeitschrift „Rodentia“, stellte zunächst beliebte und für die Heimtierhaltung gut geeignete Kleinsäugerarten vor und beschrieb ihre Lebensansprüche. Dabei machte er deutlich, dass die Frage der Domestikation allein kein Hinweis darauf ist, ob sich eine Art besonders oder weniger gut als Heimtier eignet. Entscheidend sei vielmehr, wie gut ihre Bedürfnisse in Menschenobhut zu erfüllen sind. Zum Wohlbefinden der Tiere trage wesentlich die Größe und die möglichst naturnahe Gestaltung ihres Geheges als Lebensraum bei. Für Sistermann sind Kleinsäuger grundsätzlich „keine Kuscheltiere und sollten ihren Platz nicht im Kinderzimmer bekommen“. Dies gelte auch für Zwergkaninchen und Meerschweinchen. Selbst diese sollten Kinder nur unter Aufsicht von Erwachsenen pflegen. „Kleinsäuger“, so Sistermann, „zeigen spannende Verhaltensweisen und lassen sich von Erwachsenen und Kindern wunderbar beobachten“. Er plädierte dafür, bei der Präsentation und Beratung im Zoofachhandel den Aspekt des Beobachtens der Tiere in ihrem nachgeahmten Lebensraum mehr herauszustellen, „dies erhöht ihre Wertigkeit“.

Der Zoofachhandel sollte nur Jungtiere kaufen und verkaufen, bei denen eine frühzeitige Sozialisierung gegenüber dem Menschen erfolgte.
Helen Louton

Verhalten und Körpersprache respektieren

Auch für Helen Louton, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Tierschutz, Verhaltenskunde, Tierhygiene und Tierhaltung der LMU München, sind Meerschweinchen und Zwergkaninchen keine „Kuscheltiere“ für Kinder. Insbesondere das Erstarren von Meerschweinchen beim Hochheben und Streicheln werde häufig fehlinterpretiert. Farbratten seien für Kinder besser geeignet. In ihrem Vortrag über das Verhalten von Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten und Mäusen verwies sie auf deren ausgeprägtes Sozialverhalten. Diese Tiere seien deshalb nur in Gruppen artgerecht zu halten.

Bei der Zusammenstellung einer Gruppe von Meerschweinchen, Kaninchen oder Ratten sollte auf mehrere Faktoren geachtet werden: Alter, Geschlecht, Kastrationsstatus sowie Charakter der einzelnen Tiere. Wenn möglich, sollten Geschwister oder Jungtiere für die Zusammensetzung einer Gruppe genommen werden. Eine Gruppe sollte aus mindestens drei Tieren bestehen, weil sich drei Tiere eher zu aktivem Verhalten stimulieren als zwei Tiere und zudem im Todesfall eines Tieres in Ruhe nach einem passenden Partner gesucht werden könne, ohne dass ein Tier vorübergehend allein leben muss.

Die optimale Haltung sozial lebender Kleinsäuger besteht aus einem kastrierten Männchen plus Weibchen.
Dr. Kirsten Tönnies

Voraussetzung für die erfolgreiche Integration eines Kaninchens, Meerschweinchens oder einer Ratte in eine bestehende Gruppe sind laut Louton ein gut strukturiertes und großes Gehege, viele Verstecke, Nagematerial und die Fütterung von reichlich hochwertigem Heu. Heu enthält die Aminosäure Tryptophan, Vorläufer des Neurotransmitters Serotonin und sorgt für eine ruhige, positive Gemütslage der Tiere. Auch ein Gewöhnungstraining sei vor der Zusammensetzung wichtig. Der Zoofachhandel sollte nur Jungtiere kaufen und verkaufen, bei denen eine frühzeitige Sozialisierung gegenüber dem Menschen erfolgte. Werden die Tiere bereits eine Woche nach der Geburt an die Hand des Menschen gewöhnt, bleiben sie auch nach Eintritt der Geschlechtsreife wesentlich verträglicher und zahmer. Hier, so Louton, erhalten Zoofachleute die Chance, sich als kompetente Tier-Fachkräfte zu profilieren.

Kastration: Ja, aber…

Amtstierärztin Dr. Sandra Schönreiter und die praktizierende Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies setzten sich in ihren Referaten mit der Kastration von Kleinsäugern auseinander.

Für gesellig lebende männliche Kleinsäuger ist die Kastration einer nicht artgerechten Einzelhaltung vorzuziehen.
Dr. Sandra Schönreiter

Dr. Schönreiter verwies auf die Ausnahme des im TSchG § 6 geregelten Verbots, das eine Unfruchtbarmachung „zur Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung oder wenn – soweit tierärztliche Bedenken dem nicht entgegenstehen – zur weiteren Nutzung oder Haltung eines Tieres“ erlaube. Es werde immer wieder diskutiert, welche Tierarten unter diese Ausnahmeregelung fallen. Bei den meisten Klein - säugern könne zwar eine Fortpflanzung durch kontrollierte Haltungsbedingungen ausgeschlossen werden. Allerdings sei für gesellig lebende männliche Kleinsäuger die Kastration einer nicht artgerechten Einzelhaltung vorzuziehen. Ganz klar tierschutzrechtlich nicht zulässig sind dagegen Eingriffe, die die Haltung erleichtern, wie beispielsweise die operative Entfernung der Duftdrüsen bei Frettchen und Skunks. Aus tiermedizinischer Sicht spricht laut Dr. Tönnies auch die Gefahr innerartlicher Auseinandersetzungen mit der Folge von Verletzungen für eine Kastration von sozial lebenden Kleinsäugern. Auch unter gleichgeschlechtlichen Tieren ändere sich das Verhalten nach Einsetzen der Geschlechtsreife, es kommt häufig zu Rangstreitigkeiten mit Verletzungen. Die optimale Haltung sozial lebender Kleinsäuger bestehe deshalb aus einem kastrierten Männchen plus Weibchen. Der beste Zeitpunkt für eine Kastration sei: „So früh wie nötig, so spät wie möglich“. Beim Weibchen sei die Kastration im Gegensatz zum Männchen immer eine Einzelfallentscheidung.

Futtertierzucht ist „lebenslange Haltung“

Die Haltung und Zucht von Futterwirbeltieren ist als Hobbyhaltung zu werten, für die die Massstäbe einer lebenslangen Haltung gelten.
Dr. Petra Kölle

Dr. Petra Kölle, Fachtierärztin an der medizinischen Kleintierklinik der LMU München, und Dr. Ines Bolle, Leiterin der Zentralen Versuchstierhaltung der LMU München, erläuterten in ihren Vorträgen den tierschutzgerechten Umgang mit Kleinsäugern, die als Futtertiere gezüchtet und gehalten werden. Die Haltung und Zucht von Futterwirbeltieren sei als Hobbyhaltung zu werten, betonte Dr. Kölle. Deshalb seien an die Futtertierzucht die strengen Maßstäbe einer lebenslangen Haltung zu stellen. Wichtig seien hierbei insbesondere die Ausstattung der Kleinsäugergehege mit Kletter- und Versteckmöglichkeiten, Material zur Beschäftigung sowie eine artgerechte ausgewogene Ernährung. Auch die EU-Verordnung über den Schutz von Tieren beim Transport müsse beachtet werden, d.h. eine Abgabe von Babymäusen ist ohne das Muttertier nicht zulässig. Dr. Bolle stellte die TVTRichtlinie Nr. 79 „Empfehlungen zum Töten von Kleinsäugern zu Futterzwecken“ vor und erläuterte diese. Personen, die eine Futtertierzucht betreiben oder regelmäßig berufs- oder gewerbsmäßig Wirbeltiere töten, müssen der zuständigen Behörde gegenüber einen Sachkundenachweis erbringen. Diese kann nur durch eine entsprechende Ausbildung oder Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen mit theoretischer und praktischer Prüfung nachgewiesen werden.

Personen, die eine Futtertierzucht betreiben, müssen der zuständigen Behörde gegenüber einen Sachkundenachweis erbringen.
Dr. Ines Bolle

Nachholbedarf bei Gehegen und Zubehör

Mit dem Lebensraum von Kleinsäugern in menschlicher Obhut und dessen tiergerechter Ausgestaltung setzten sich Ralf Sistermann und die praktische Tierärztin Anke Beusch-Ahrend auseinander. Sistermann betonte, dass ein Gehege dem Heimtier einen Lebensraum bieten muss, in dem es seine natürlichen Bedürfnisse weitgehend ausleben kann und dabei durch Gefahren wie Überhitzung, mangelnde Belüftung, Zugluft, ein zu trockenes/zu feuchtes Klima, Verletzungen, Vergiftungen etc. geschützt ist. Leider konzentriere sich die Diskussion um tierschutzgerechte Gehege zu sehr auf die Gehegegröße und zu wenig auf Struktur und Gestaltung der Einrichtung. Dabei ermögliche erst das tiergerechte Zubehör die Nutzung des Geheges als Lebensraum. Sistermann empfahl dem Zoofachhandel, bei der Beratung besonders auf die hohe Bedeutung der art- und tierschutzgerechten Gehegeeinrichtung durch geeignetes Zubehör hinzuweisen. Größe, Bauweise und Material des Kleinsäugerheims sowie die Einrichtungsgegenstände müssten genau auf die zukünftigen Bewohner abgestimmt werden, um wirklich tiergerecht zu sein. Nicht vergessen werden sollten Rück- und Seitenwände in Vollglas-Nagarien, da diese den Kleinsäugern das nötige Sicherheitsgefühl vermitteln, den Lebensraum abwechslungsreich strukturieren und vergrößern. „Strukturierte Wände“, so Sistermann, „werten auch das Gehege optisch auf, was den Halter positiv beeinflusst, sich intensiv mit seinen Pfleglingen zu beschäftigen.“

Anke Beuch-Ahrend übernahm den Part, aus der Flut des Zubehörs für Kleinsäuger die „Spreu vom Weizen zu trennen“. Sie hatte dazu zahlreiche Negativbeispiele mitgebracht und aufgebaut, deren Nachteile sie erläuterte. Ihren Ausführungen zugrunde lag das TVT-Merkblatt Nr. 62 „Tierschutzwidriges Zubehör“, das wie die vom ZZF in Zusammenarbeit mit dem Industrieverband Heimtierbedarf e.V. (IVH) erarbeitete Checkliste über tierschutzwidriges Zubehör Zoofachhandel und Heimtierhaltern ermöglicht, tiergerechtes von tierschut - zwidrigen Produkten zu unterscheiden.

Forderung nach tierschutzzertifizierten Produkten

Neben ganz vielen nützlichen Artikeln bringt der Markt auch Produkte hervor, die zu Leiden, Schmerzen und Schäden führen.
Dr. Anke Beuch-Ahrend

In der abschließenden Diskussion zwischen den Referenten und den Symposiumsteilnehmern wurden zwei Punkte besonders angeregt erörtert: Tierschutzwidriges Zubehör und die Frage, wie der Zoofachhandel die Kleinsäugerfreunde für den Kauf größerer und artgerecht eingerichteter Gehege begeistern kann. Unter anderem wurde von Seiten des Zoofachhandels eine Tierschutzzertifizierung für herstellende Betriebe vorgeschlagen, um das Bewusstsein in der Industrie für tierschutzgerechte Produkte zu schärfen. Der Handel nahm sich auch selbst mit in die Pflicht und betonte seine Verantwortung, zur Aufklärung der Heimtierhalter beizutragen. Die Vorschläge von Ralf Sistermann und Helen Louton, Kleinsäuger „aus den Kinderzimmern in die Wohnzimmer zu holen“, wurden konstruktiv diskutiert. Dies könne gelingen, indem der Handel mehr vorbildlich eingerichtete Schau-Nagarien präsentiert und damit die Attraktivität solcher Kleinsäugergehege und die Wertigkeit als spannend zu beobachtende Tiere deutlich herausstellt. In der Aquaristik und Terraristik sei es für den Zoofachhandel inzwischen selbstverständlich, mit solchen Schau-Becken zu werben, dies könne auch bei der Kleinsäugerhaltung gelingen. Wichtig sei es, zusätzlich auch in der Werbung auf Abbildungen kleiner Billig-Nagerheime zu verzichten und stattdessen attraktivere Großgehege zu propagieren. Auf den Einwand eines Zoofachhändlers, die Kunden würden aus Kostengründen keine größeren und besser ausgestatteten Gehege für Kleinsäuger akzeptieren, erwiderte ein Kollege: „Doch, es funktioniert. Man muss es nur versuchen und durch entsprechende Aufklärung untermauern. Schließlich haben sich die Kunden auch von Super-Premiumfutter überzeugen lassen.“ Ralf Sistermann, Dr. Ines Bolle, Dr. Sandra Schönreiter und Dr. Kirsten Tönnies empfahlen, die Offensive für wirklich tiergerecht gestaltete Gehege durch Jugendarbeit an den Schulen, Informationsmaterial für Lehrer und entsprechende Bewerbung der Schau-Gehege zu untermauern.

Wie sehr das Thema artgerechte Kleinsäugerhaltung und die Abwehrmöglicher restriktiver Haltungseinschränkungen durch den Gesetzgeber die Symposiumsteilnehmer beschäftigte, zeigte sich auch nach Ende der Veranstaltung, als in kleineren und größeren Gruppen weiterdiskutiert wurde. (vg)

Anke Beuch-Ahrend, Helen Louton, Dr. Sandra Schönreiter, Dr. Kirsten Tönnies, Ralf Sistermann, Dr. Petra Kölle und Dr. Ines Bolle (von links) diskutierten mit den Symposiumsteilnehmern über eine höhere Wertigkeit artgerechter Kleinsäugerhaltung.

Aufmerksam verfolgten Ute Klein, Vorsitzende der ZZF-Fachgruppe „Heimtierhaltung im Salon“ (links), und ZZF-Präsident Norbert Holthenrich (rechts) die Referate.

Für Kleinsäuger nicht geeignet bis gefährlich: Anhand von Beispielen wurde auf dem Symposium, welche Produkte warum tierschutzwidrig sind.

Quelle: ZZA 12/2011 Seite 16