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TierNatur
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Zwergbärbling Boraras naevus

Ein "alter" Bekannter, neu beschrieben

Es gibt Fische, die einfach ideal für die Aquaristik sind. Zu diesen gehören alle Mitglieder der südostasiatischen Gattung Boraras. Meist in satten Farben erstrahlend, flitzen diese winzigen Fische in der Gruppe oder einzeln unermüdlich durch die freien Bereiche des sonst üppig bepflanzten Aquariums. Das Aquarium muss nicht groß sein, ja - diesen Fischen sagen sogar kleine Becken besser zu als große Aquarien. Sie sind leicht optimal zu ernähren und pflanzen sich bereitwillig fort.

Ein besonders schöner Vertreter dieser Gattung, der im Handel unter dem Namen Boraras sp. "South", Boraras sp. "Pech Noi" oder gar Boraras sp. micros schon einige Jahre vertreten ist, wurde nun beschrieben: Boraras naevus CONWAY & KOTTELAT 2011.

Laichbereites Paar; bei der Zucht muss beachtet werden, dass Boraras starke Laichräuber sind.

Die Gattung Boraras wurde vor knapp 20 Jahren von der Gattung Rasbora abgespalten, der Name ist ein Anagramm von Rasbora. Mit der neuen Art B. naevus beinhaltet die Gattung nun sechs Arten. Weitere werden folgen, das ist sicher. Die Fischkundler und Beschreiber haben schon Material gesammelt. Mehrere große, noch nicht untersuchte Gebiete in Südostasien, wie z. B. in Kambodscha, bergen sicherlich noch Juwelen für die Aquaristik.

KOTTELAT teilt die Gattung Boraras einfach ausgedrückt in die Gruppe der Arten mit Punktmuster und die Gruppe der Arten mit Längsstreifen. Phylogenetische Untersuchungen laufen und werden die Verwandtschaftsverhältnisse der Arten innerhalb der Gattung sicher genauer darstellen.

Alle Boraras-Arten sind farblich attraktive Fische. Nur B. micros KOTTELAT & VIDTHAYANON, 1993 aus dem nördlichen Ostthailand ist schlicht grau. Dieser ist mit maximal 15 mm der Kleinste der Gattung und schon allein deshalb interessant. B. maculatus DUNCKER, 1904, der auf der gesamten malaiischen Halbinsel und auf Sumatra bis zur nördlichen Breite von 7° N vorkommt, ist mit bis zu 30 mm ein Riese unter den Boraras. B. naevus ähnelt B. maculatus sehr. Ein weiterer Vertreter, der weit auf dem südostasiatischen Festland vorkommende B. urophthalmoides KOTTELAT, 1991 unterscheidet sich deutlich von den Boraras mit dem Punktmuster. Seine Längsstreifen erscheinen je nach Lichteinfall intensiv neonfarben blau und rot, begleitet von einem lack schwarzen Längsstreifen. Zwei weitere Boraras mit Längsstreifen sind von der Insel Borneo/Kalimantan bekannt: B. merah KOTTELAT, 1991 und B. brigittae VOGT, 1978. Der prächtige B. brigittae wird für die Aquaristik auf Java und in Thailand häufig gezüchtet.

Ob der Trivialname Moskitobärbling auf die geringe Größe der Boraras oder auf ihre Vorliebe für Mücken zielt, entzieht sich meiner Kenntnis. Für B. naevus schlage ich als deutschen Trivialname "Tapimoskitobärbling" vor, denn...

B. naevus im Mae Nam Tapi

B. naevus ist ein besonders schöner Vertreter der Moskitobärblinge.

Manchmal vergeht einige Zeit bevor ein Fisch beschrieben wird, so musste B. naevus seit 2001 auf seine Beschreibung warten. Dabei war schon einige Jahre klar, dass der im Handel relativ oft, aber unter Fantasienamen, auftauchende B. naevus sich stark von allen anderen Boraras unterscheidet. Nur mit B. maculatus teilt B. naevus in etwa seine Zeichnung. Doch niemand wusste genau, woher dieser Fisch stammt. Der in Thailand gebräuchliche Name B. sp. "South" gab etwas Aufschluss. Jedoch kommt B. maculatus ebenfalls in Südthailand vor. Ich brauchte einige Zeit, um diesen für mich interessanten Fisch zu finden und die genauen Lokalitäten auszuloten. Dabei leben die Fische fast vor meiner Haustür.

Bei meinen Nachforschungen zum Betta splendens Formenkreis führte mich mein Weg immer öfter in die südthailändische Provinz Surat Thani, da hier die Grenzlinie zwischen den Arten B. splendens und B. imbellis gezogen werden kann. In ganz ähnlichen Gewässern leben Boraras, und hier an dieser Stelle sind das B. naevus.

Mittlerweile ist klar, dass die Lebensareale von B. naevus die Überschwemmungsebenen eines großen Fluss-Systems sind: des Mae Nam Tapi mit seinem riesigen Delta. Zuerst fand ich B. sp. "South" nördlich der südthailändischen Stadt Surat Thani, gar nicht so weit südlich des Typusfundortes der Beschreiber. Später fand ich ihn auch etwa 100 km südlicher bei Wiang Sa, einer Kleinstadt am Highway 41. Das ist schon oberes Tapifluss-System. Nicht weit von hier treffen einige Zuflüsse des Tapi-Systems fast auf das Mae Nam Trang Fluss- System (Mae Nam steht immer für großen Fluss und Fluss-System). Das ist insofern interessant, da die Beschreiber in der Neubeschreibung ähnliche Populationen, jedoch möglicherweise auch eine neuen Boraras- Art von der Provinz Trang an der Andamanenseeküste erwähnen.

B. maculatus von Hat Yai in Südthailand; nur mit dieser Art ist B. naevus zu verwechseln.

B. naevus besiedelt langsam fließende Gräben und Teiche, die stark verkrautet sind. Niemals oder wenn dann nur kurzzeitig besiedelt dieser Fisch völlig stille Gewässer. Mit Seerosen oder Lotus sp. beschattete Gewässer sind ebenfalls willkommen, aber kein Muss. Überhaupt sind diese Boraras Sonnenliebhaber. Das ist gerade im Aquarium auffällig, in dem B. naevus selbst bei Wohlbefinden nie die volle Farbintensität bekommt, wie am Fundort. Durch die das ganze Jahr über auftretenden Überschwemmungen im Lebensareal wechseln die auffindbaren Biotope dieses Fisches ständig. Hohe Präferenzen an die Wasserqualität wie pH-Wert und Mineralisierung werden nicht gestellt. Die meisten Biotope besitzen einen pH-Wert im neutralen Bereich und Wasserhärte von 20 microS/cm bis 280 microS/cm. In extrem mineralischen Gewässern, die im Lebensareal vorkommen, konnte ich B. naevus noch nicht nachweisen.

B. naevus im Aquarium

Wie schon erwähnt, eignet sich die Boraras- Fischgruppe besonders gut zur Haltung im Aquarium. Das gilt für B. naevus im Besonderen. Diese Fische benötigen kein extra aufbereitetes Wasser, wie z.B. B. maculatus, B. brigittae oder B. merah, die einen Hang zu Schwarzwässern haben. Farblich sind sie äußerst attraktiv. In großen Aquarien sind diese Fische verloren. Natürlich lässt sich das Halten von 300 Individuen in einem 150 l Aquarium ebenfalls praktizieren und wäre mit der gemeinsamen Haltung ebenso vieler, aus demselben Lebensareal stammender Oryzias minutillus ein Augenschmaus.

Eine Gruppe B. urophthalmoides mit einen B. naevus zum Vergleich.

Oberste Gebote bei der Haltung ist eine gute Filterung und der regelmäßige Wasserwechsel. B. naevus nimmt nach behutsamer Gewöhnung Trockenfutter an. Für die Zucht ist Lebendfutter unerlässlich. Dabei reichen für 20 Boraras eine Schale Mikrowurmzucht und zwei Gläser Pantoffeltierchen den ganzen Winter über. Gelegentliches Verfüttern von Cyclops, gesiebten Daphnien oder Artemia- Nauplien komplettiert den Speiseplan. In den Sommermonaten werden die Eischiffchen von Mückenlarven einfach auf die Wasseroberfläche aufgelegt. Mit diesen wenig zeitaufwendigen Zusatzmaßnamen lassen sich B. naevus in bester Kondition halten, was diese mit strahlenden Farben belohnen. Wichtig ist das häufige Füttern, wenn möglich zwei bis drei Mal am Tag. So kleine, quirlige Fische können nicht so viele Reserven speichern und verbrauchen viel Energie. Sie sind ausgesprochene Warmwasserfische, die Temperaturen zwischen 24 bis 28°C im Nacht-Tag-Rhythmus und tagsüber eine gute Beleuchtung bevorzugen. Etwaige Algenbildung an den Wasserpflanzen des üppig bepflanzten Aquariums lässt sich mit dem Einsetzen von Garnelen der Gattung Caridina verhindern. Diese werden von den Fischen nicht beachtet. Wenn eine süßwasservermehrende Art, wie C. sumatrensis, gewählt wird, dienen die Nachkommen der Garnelen als zusätzliches Futter.

Für die Einrichtung des Aquariums gelten zwei Grundsätze: 1. dichte Bepflanzung, 2. freier Schwimmraum. Es braucht eine dichte Randbepflanzung, damit die Tiere sich zurückziehen können. Meist hält sich der Schwarm im Freiwasser in der leichten Filterströmung auf, wo er sich gut beobachten lässt. Bei der kleinsten Störung verschwinden die Fische in den Pflanzen, kommen jedoch sehr schnell wieder hervor.

Die Zucht

Einrichtungsbeispiel für ein Boraras-Aquarium, das mit der feinfiedrigen Form von Ceratopteris thalictroides, dem Laub sowie den Lavasteinen gute Rückzugsmöglichkeiten bietet.

Boraras sind im Allgemeinen starke Laichräuber. Wenn jedoch genügend feinfiedrige Wasserpflanzen, Wassermoose und eine gute Wasseroberflächenbepflanzung, wie Riccia flutians, vorhanden ist, wachsen auch bei der extensiven Vermehrung Jungfische im elterlichen Aquarium auf. Auch ein Wollmopp kann als Ablaich- und Versteckmöglichkeit genutzt werden.

Für die intensive Zucht haben sich zwei Methoden bewährt. Voraussetzung für beide ist sauberes, keimfreies Wasser, da Boraras-Eier schnell verpilzen. Ohne großen Chemikalieneinsatz ist das im Grunde mit dem leichten Ansäuern des Wassers, das Abdunkeln der Zuchtaquarien und dem Nichtfüttern des Ansatzpaares erreichbar.

Für Methode 1 wird ein laichbereites Paar aus dem Gesellschaftsaquarium in ein zuvor gereinigtes und dicht mit Javamoos bestücktes Becken gesetzt. Die Zuchttemperatur sollte bei 28°C liegen. Haben die Fische nach ein bis zwei Tagen abgelaicht, werden sie in ein anderes, ebenso präpariertes Aquarium umgesetzt. So verhindert man, dass sie zu viel ihres Laiches fressen. Nach etwa vier Tagen schlüpfen die ersten Larven. Zunächst hängen sie an den Aquarienscheiben, nach weiteren zwei Tagen haben sie ihren Dottersack aufgebraucht und beginnen, frei zu schwimmen. Nun benötigen sie sehr feines Futter in Form von Pantoffel- oder Rädertierchen. Etwa nach einer Woche nehmen die Jungfische Artemia-Nauplien an. Nach einer weiteren Woche sollte eine leichte Belüftung und Filterung eingesetzt werden. Nach drei bis vier Wochen wird auch feines Flockenfutter gereicht.

Methode 2 ist die sogenannte Torfkegelmethode. Hierfür wird ebenfalls ein sauberes Becken verwendet, in das als Ablaichmaterial ein aus Fasertorf und ausgelaugtem Gartentorf bestehender Kegel in der Mitte des Aquariums eingebracht wird. Zur Herstellung des Kegels werden die beiden Torfsorten nass miteinander verknetet. Danach wird das vorbereitete Wasser vorsichtig eingefüllt. Auch dieses Becken wird ohne Filter oder Umwälzung betrieben. Dann wird ein laichbereites Paar eingesetzt, das bereits im Hälterungsbecken zusammen geschwommen ist. Während des Ablaichens lösen die Tiere immer wieder Torf aus dem Kegel. Mit diesem Torf rieseln die abgelegten Eier zu Boden und werden damit der Fresslust der Elterntiere entzogen. Um eine Verschmutzung des Wassers zu vermeiden, wird während des Ansatzes nicht gefüttert. Nach zwei Tagen werden die Elterntiere herausgefangen und ein anderes laichbereites Paar eingesetzt. Nach weiteren zwei Tagen müssen auch diese Tiere herausgefangen werden, denn dann schlüpfen die ersten Larven. Weitere zwei Tage später werden die Jungtiere mit Pantoffel- oder Rädertierchen gefüttert. Die weitere Aufzucht erfolgt wie bei Methode 1.

Literatur
Kevin W. Convay and Maurice Kottelat (2011):
Boraras naevus, a new species of miniature and sexually dichromatic freshwater fish from peninsular Thailand, (Ostariophysi: Cyprinidae).
Zootaxa 3002: 45-51
Jakob Geck, Jens Kühne (2010):
Kleine südostasiatische Fische für das Nano-Aquarium: Zwergbärblinge.
DATZ 1/ 2010: 8-13

Quelle: ZZA 6/2012 Seite 66