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Mit der Einführung des Euro kommen auf den Handel Kosten in Milliardenhöhe zu

Zwei Währungen in den Kassen

Noch hundert Tage, und der Euro ist unwiderruflich beschlossen: Auf die kleinen und mittleren Betriebe kommen mit der Einführung des Euro Umstellungskosten in Milliardenhöhe zu. Dabei können sie nicht damit rechnen, von irgendeiner Seite eine Entschädigung zu erhalten.

Die Geschäftswelt wird ebenso wie die Kleinunternehmer eine wichtige Schnittstelle bei der Umsetzung des Euro sein. Ob Zoofachhändler, Zierfischimporteur, Hersteller von Tierzubehör oder Hundepfleger im Salon - sie alle haben täglich Kundenkontakte und müssen folgerichtig die gesamte Umstellung auf die gemeinsame europäische Währung organisieren. Das kann aber nur funktionieren, wenn der Gesetzgeber die Modalitäten der Umsetzung realitätsnah gestaltet. Die Entscheidungen müssen so frühzeitig getroffen werden, damit die Unternehmen genügend Zeit zur Planung haben. Planungssicherheit ist für sie sehr wichtig.

Das gilt im Fall der Zoofachbranche besonders für das exakte Datum der Bargeldeinführung. Andernfalls wird kein Kleinunternehmer die notwendigen Investitionen vornehmen, beispielsweise Umrüstung des Kassensysteme oder die Schulung der Mitarbeiter. Es muß zuerst eindeutig geklärt sein, wann die gemeinsame Eurowährung in Umlauf kommt. Schon vom nächsten Jahr an werden die Banken untereinander in Euro abrechnen. Die neue Einheit, symbolisiert als großes E mit zwei Längsstrichen, gilt dann als offizielles Zahlungsmittel, auch wenn Scheine und Münzen erst ab 2002 ausgegeben werden.

Nach den Beschlüssen des Gipfels von Madrid soll die Währungsunion also am 1. Januar 1999 starten. Gemäß dem Maastrichter Vertrag, der alle Grundlagen regelt, ist dieses Datum ein verbindlich festgelegter Starttermin. Wollte man den Start verschieben, so müßten sich alle maßgeblichen Politiker noch einmal zusammensetzen, um einen neuen Zeitpunkt auszumachen. Danach sieht es aber nicht aus.

Es ist damit zu rechnen, daß das Euro-Bargeld nach dem 30. Juni 2002 alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel sein wird. Das erste Halbjahr des Jahres 2002 wird es für den Handel in sich haben: In dieser Zeit werden sich zwei Währungen in den Portemonnaies der Deutschen befinden. Welche Konsequenzen das hat, kann sich jeder Händler leicht ausrechnen. Zwei Währungen, ein Preis? Der Handel kalkuliert mit Vorliebe psychologische "Schwellenpreise": 9,99 Mark sind bei einer Umrechnung ins neue Geld dann jedoch 5,07 Euro. Die Richtlinien der EU schreiben zwar Rundungsregeln bis zur vierten Stelle hinter dem Komma vor, aber verkaufsfördernde Zahle kommen dabei meistens nicht heraus. Ein Artikel kostet statt 5 Mark korrekt 2,53 Euro. Wer nicht gleich die Preise erhöhen will, muß also oft Packungsgrößen verändern, mit Lieferanten neue Margen aushandeln oder gar die ganze Produktion und Kalkulation umstellen. Mit dem Euro wird auch für den rechenschwachen Konsumenten klar, daß viele Produkte in der EU zu sehr unterschiedlichen Preisen verkauft werden. Die Markenartikler grübeln schon über Strategien, wie sie ihre Hochpreismärkte schützen können, damit nicht graue Importe aus Billigländern ihnen das Geschäft verderben.

Besondere Marken für die Länder mit niedrigem Preisniveau wären Alternative, radikale Rationalisierungen und eine einheitliche Europa-Packung mehrerer Sprachen die Variante, die sowohl die Verbraucher als auch den Handel erfreuen könnte.

Was nun die Kosten der Währungsumstellung angeht, so gehen die Schätzungen weit auseinander. Es ist die Rede davon, daß die Untergrenze bei etwa zehn Milliarden liegen könnte. Der Europaverband der Selbständigen schätzt dagegen, daß die Kosten bis zu zwei Billionen betragen könnten. Auch wenn das manche für übertrieben halten, verläßliche Zahlen gibt es nicht.

Die Höhe der Kosten hängt entscheidend von der Art und Weise der Umstellung ab. Wird an einem Stichtag umgestellt, ließen sich die Kosten mit etwa zehn Milliarden DM in Grenzen halten, rechnet der Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE) vor. Bleibt es dagegen beim bis jetzt aktuellen Status der Parallelwährungen für ein halbes Jahr, würden sich die Kosten mindestens verdreifachen, schätzt der HDE. Die Gründe für diese Kostenexplosion liegen auf der Hand. Allein die Umstellungskosten der Buchhaltung in den Unternehmen würden in die Höhe schießen. Schließlich müßten alle Positionen neu berechnet und parallel ein halbes Jahr geführt werden. Doch damit nicht genug: Alle Kassensysteme müßten umgerüstet werden. Entweder gibt es dann eine Kasse für den Euro und eine für die DM oder eine Kasse mit zwei Laden. Die Liste der Auswirkungen ließe sich bequem fortsetzen.

Das allein zeigt, daß Kleinunternehmer für die Umstellung tief in die Tasche greifen müssen. Laut Europäischer Kommission lohnt sich für 93 Prozent aller Betriebe aufgrund der geringen Größe (bis zu zehn Mitarbeiter) die Teilnahme am Binnenmarkt nicht. Sie sind aber gleichwohl zur Teilnahme gezwungen. Dabei wirkt sich besonders nachteilig für sie aus, daß die Harmonisierung der Mehrwertsteuer nicht kommt. Wer zum Beispiel Tag für Tag von Saarbrücken nach Metz über die Grenze ohne Grenzkontrollen fährt, um dort einzukaufen, kann das zwar künftig in einer Währung tun. Was bleibt, ist aber die umständliche Erhebung der Mehrwertsteuer nach dem Bestimmungslandprinzip und der damit zusammenhängenden Identifikationsnummer. An diesem Prinzip wird sich auch nach Einführung des Euro nichts ändern.

Nutznießer der Währungsunion werden einmal mehr die international tätigen Großkonzerne sein. Zwar entstehen auch hier Kosten in Milliardenhöhe, dennoch dürften für sie die Vorteile nach der Umstellungsphase überwiegen.

Die Zoofachbranche dagegen darf sich mit den gewöhnlichen Problem herumschlagen. Zwei Währungen parallel in der Kasse zu haben, bringt außer den technischen Problemen, vor allem zusätzliche Kosten mit sich. Am stärksten ist davon der Einzelhandel betroffen, aber auch jeder Dienstleister und jeder Kleinunternehmer wird sich seine Gedanken machen müssen, wie er DM und Euro ein halbes Jahr getrennt voneinander verwaltet.

Diese Punkte gilt es während dieser Phase zu bedenken:
  • Doppelte Preisauszeichnung erfordert neue Preisauszeichnungssysteme.
  • Auf den Preisschildern droht die große Unübersichtlichkeit. Etwa bei Preisaktionen, stehen hier bis zu acht verschiedene Preise - vier in DM und vier in Euro.
  • Kassen sind oft nur für eine Währung ausgelegt, die Umrüstung wird teuer.

Zwei Währungen verteuern die Geldver- und entsorgung eines Unternehmens in jedem Fall. Dazu kommt: Schwellenpreise fallen durch die Rundungen weg z.B. 1,99 - 1,04 Euro.

Alle Werbemittel wie Plakate oder Postwurfsendungen, die als Preisangabe auf DM fußen, müssen neu konzipiert werden.

Mittlerweile werden immer mehr Stimmen laut, die sich für eine Verschiebung dieses Großprojektes aussprechen. Und das mit gutem Grund: Die nationalen Aussichten darüber, wie stark der Euro sein wird, gehen weit auseinander. Die Differenzen zwischen den Geldmarktzinsen der einzelnen Teilnehmerländer können schon vor Beginn der einheitlichen Geldpolitik abgebaut werden, wenn die Teilnehmerstaaten feststehen.

Die Kosten für Italien, Spanien und Portugal, wenn sie denn von Anfang an dabei sind, sind relativ gering. Denn das Risiko einer Abwertung ihrer eigenen Währungen im Vorfeld der Währungsunion besteht dann nicht mehr, und die Preiswirkung dieser expansiven Geldpolitik wird erst später in der Währungsunion auftreten und damit auf alle Länder verteilt.

Die Folge wird sein: Der Euro wird gegenüber Dollar, Yen und Schweizer Franken an Wert verlieren. Das bedeutet eine höhere Inflationsgefahr. Außerdem könnten langfristig Zinsen stärker anziehen als das die Deutsche Bundesbank bisher anstrebt. Das allein wäre noch nicht so tragisch, da steigende Zinsen auch den Sparern wieder zugute kommen.

Fatal könnte es aus einem anderen Grund werden. Kommt es gleich zu Anfang zu Konflikten über den geeigneten geldpolitischen Kurs in der Währungsunion, ist sogar ein Scheitern nicht ganz auszuschließen. Auf der einen Seite werden die Regierungen stehen, die sich im Hinblick auf die Arbeitsmarktlage einen schwachen Euro wünschen. Eine schwache Währung verbessert schließlich die Exportchancen, weil die Waren im internationalen Vergleich billiger werden. Auf der anderen Seite werden diejenigen stehen, die versuchen, das Preisniveau stabil zu halten, so wie es bisher die Deutsche Bundesbank getan hat. Stabile Preise sichern ein langfristiges Wirtschaftswachstum.

Konsequenz: Da allein Luxemburg bisher die strengen Konvergenzkriterien erfüllt und eine großzügige Auslegung der Kriterien nicht im Sinne der Stabilität des Euro sein kann, sollten die Politiker die Währungsunion verschieben. Der Handel bekäme dann zumindest eine längere Atempause und darf darauf hoffen, daß er sich bei einer späteren Einführung des Euro - später als derzeit geplant - wirtschaftlich wieder etwas erholt hat.

Quelle: ZZA 2/1998 Seite 34