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Gewerkschaften gegen Ausweitung der Ladenschlußzeiten

DAG und HBV zeigen Flagge

DAG und HBV haben als zuständige Gewerkschaften für die im Handel Beschäftigten gemeinsam zu den Ladenschlußgutachten des ifo-Institus und der Sozialforschungsstelle Stellung genommen und dabei ihre bekannte ablehnende Haltung gegen eine Ausweitung der Ladenschlußzeiten unterstrichen. Während sie die Analyse der Sozialforschungsstelle begrüßten, warfen sie dem ifo-Institut eine ideologische Ergebnisorientierung vor, die weder mit dem ifo-Gutachten von 1995 noch mit dessen aktuellen Erkenntnissen übereinstimme. Nachfolgend geben wir Zitate aus den Gutachten von ifo, SFS und DAG/HBV wieder, die geeignet sind, in der Gesamtschau die Problematik widerzugeben.

Die längere Samstagsöffnung nutzen 47% nie, 43% ab und zu/öfter mal, 9% wöchentlich. Die längeren Öffnungszeiten Montag bis Mittwoch nutzen 56% nie, 37% ab und zu/öfter, 5% wöchentlich. Die Öffnungszeiten Donnerstag und Freitag nach 18:30 Uhr nutzen 49% nie, 39% ab und zu/öfter mal und nur 10% wöchentlich (ifo Seite 34 bis 38).

Grundsätzlich kann festgestellt werden, daß die abendlichen Öffnungszeiten bis 20.00 Uhr zu einem konstitutiven Wettbewerbsparameter der großflächigen und preisaktiven Betriebstypen geworden sind (ifo Seite 107).

In den letzten drei Jahren sind in den Verkaufsstellen des Einzelhandels ca. 6% der Arbeitsplätze verlorengegangen. Das Volumen der Beschäftigung für die Anzahl der im Verkauf geleisteten Arbeitsstunden verringerte sich um mehr als 8%. Weil vor allem Vollzeitarbeitsplätze entfallen sind, hat sich das Beschäftigungsvolumen noch stärker reduziert, als es die Anzahl der insgesamt verlorengegangenen Arbeitsplätze auf den ersten Blick erkennen lässt (SFS Seite 16).

In den Betrieben mit längeren Öffnungszeiten ging die Anzahl der Beschäftigten noch stärker zurück, als in den Betrieben, die ihre Öffnungszeiten nicht verlängert haben (SFS Seite 35).

Durch die Umsatzverlagerung zu bedienungsarmen Großbetrieben haben die neuen Öffnungszeiten zur Vernichtung von Arbeitsplätzen beigetragen. Die Struktur der Beschäftigung hat sich gleichzeitig massiv zu Lasten der Vollbeschäftigten verschlechtert (HBV/DAG).

Lediglich eine Minderheit der Verbraucher will, daß die Ladenöffnungszeiten noch einmal verlängert werden (HBV/DAG).

Nur 16% wollen, daß montags bis freitags auch nach 20.00 Uhr geöffnet wird; am Samstag wollen nur 25% Öffnungszeiten um nach 16.00 Uhr einkaufen zu können. Die Gruppe derer, die sich die Ladenöffnungszeiten vor 1996 zurückwünscht, ist sogar größer: 26% wollen montags bis freitags zurück zu 18.30 Uhr; an normalen Samstagen wünschen 35% Öffnungszeiten bis 14.00 Uhr (ifo, Seite 57/59).

Die Situation im deutschen Einzelhandel ist verfahren. Bei einer seit 1994 anhaltend schwachen Einzelhandelskonjunktur haben die Konzerne die Verkaufsflächen kontinuierlich ausgeweitet. Die gesamte Verkaufsfläche wuchs von 91,4 Mio. auf 102,8 Mio. m2 (+ 12,5%). Die Scherenentwicklung hat zu einem Rückgang der Flächenproduktivität von über 10% geführt und gleichzeitig den Wettbewerbsdruck enorm erhöht. In ihrem Kampf um Marktanteile, sprich: Verdrängung der Konkurrenz, wird neben den Mitteln der Verkaufsflächenexpansion und einer aggressiven Preispolitik immer stärker die Öffnungszeit als Aktionsparameter eingesetzt. Die Konzerne nutzen die Öffnungszeiten als zusätzliches Mittel im Verdrängungskampf. Dies ist offenbar auch dem ifo-Institut nicht entgangen. Entgegen seiner 1995-er Prognose, daß nämlich innovative, öffnungsaktive Mittelständler die neue Freiheit nutzen, stellt ifo heute fest (HBV/DAG):

Grundsätzlich kann festgestellt werden, daß die abendlichen Öffnungszeiten bis 20.00 Uhr zu einem konstitutiven Wettbewerbsparameter der großflächigen und preisaktiven Betriebstypen geworden sind (ifo Seite 107).

Beim Kampf um Umsatz und Marktanteile werden von den Konzernen Preiskrieg, Flächenexpansion und längere Öffnungszeiten als Mittel eingesetzt, finanziert über Einkaufsmacht und niedrige Personalkosten (HBV/DAG).

Die längeren Öffnungszeiten haben insgesamt nicht zu mehr Umsätzen geführt. Selbst die Verlängerer haben im Schnitt keinen Umsatzzuwachs. Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis. Aber angesichts des harten Verdrängungswettbewerbs sind die dadurch ausgelösten Umsatzverlagerungen, existenzbedrohend für die Verlierer: Kleinere Innenstädte, Stadtteile, ländliche Gebiete, kleinere Läden (HBV /DAG).

Die Mehrheit der kleineren Läden besitzt vielfach nicht die betrieblichen und absatzwirtschaftlichen Voraussetzungen, um mit verlängerten Öffnungszeiten einen besseren wirtschaftlichen Ertrag zu erzielen ifo Seite 126).

Fakt ist: Längere Öffnungszeiten haben massiv dazu beigetragen, die Umsatzverlagerung zu beschleunigen und verschärfen damit den Konzentrationsprozeß und parallel dazu - den Niedergang des mittelständischen Einzelhandels. Das Gewinner-Verlierer-Szenario wird infolge längerer Öffnungszeiten eindeutig zu Lasten der kleineren und mittleren Unternehmen forciert (HBV/DAG).

Es bleibt daher unveränderte Zielsetzung einer Liberalisierung, mit den Öffnungszeiten einen zusätzlichen Parameter in den Wettbewerb der Einzelhandelsunternehmen einzuführen (ifo Seite 249).

Eine Veränderung der zeitlichen Nutzungsdauer eigener Ressourcen wirkt ebenso, wie die Flächenexpansion eines Unternehmens als Ausweitung der Geschäftstätigkeit. Vor dem Hintergrund der Verengung des Marktes (Nachfrage-Situation/Massenkaufkraft) bedeutet dies automatisch Verdrängung (HBV/DAG).

Deregulierung des Ladenschlußgesetzes hat die enormen strukturellen Probleme im Einzelhandel zwar nicht verursacht, aber in massiver Weise beschleunigt. Jede weitere Deregulierung wird diesen Prozess weiter und zusätzlich verschärfen. Politik für den Einzelhandel, die sich als Politik für Mittelstand, ausgewogene Handelsstrukturen, Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen versteht, muss sich deshalb endlich gezielt um die eigentlichen Probleme der Branche kümmern, anstatt das Symbolthema Ladenschluß zu bedienen (HBV/DAG).

Schon bei der Änderung des Ladenschlußgesetzes von 1996 wurde ignoriert, daß eine Mehrheit der Einzelhändler damals für Beibehaltung der Ladenschlußzeiten war. Die Ergebnisse der aktuellen Studie bestätigen unsere Vorhersagen, daß die Deregulierung der Öffnungszeiten den Verdrängungswettbewerb in massiver Weise anheizt. Mit einer weiteren Deregulierung würde sich die Politik wiederum für die Förderung der marktbeherrschenden Unternehmen entscheiden. Das lehnen wir ab! (HBV/DAG).

Solch klare Worte hätte man sich vom "Parlament" des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels gewünscht. Statt dessen freut man sich dort über den "Quantensprung" ist "bereit für den Wandel" und glaubt - ganz Schlaumeier - die Diskussion zu beenden, indem man die "Blockade" aufgibt, für Freiheit plädiert und jeden an Werktagen machen läßt, was er will. Mit dieser entschiedenen Position glaubt man wenigstens den Sonntag zu retten, obwohl dessen Freigabe aktuell nicht wirklich zur Diskussion steht. Metro und Co. können jedenfalls mit "ihrem" HDE höchst zufrieden sein. (gm)

Quelle: ZZA 12/1999 Seite 22