Roland Numrich arbeitet seit vielen Jahren für den niederländischen Zierfisch-Großhändler Ruinemans und den Fachhandel Zoobox in Remscheid. Im exklusiven zza-Interview spricht er über Zustand und Entwicklung der Aquaristik und gibt einen Ausblick auf die kommenden Jahre.
zza: Wenn Sie auf Ihre Jahre im Zierfisch-Großhandel zurückblicken: Wie hat sich die Aquaristik verändert?
Roland Numrich: Die größte Veränderung ist der Einfluss der sozialen Medien, was ich in unserem Bereich eigentlich als sehr positiv empfinde, wenn ich jetzt mal von Tiktok absehe. Instagram und Facebook sind Schaufenster für uns, wo man etwas vermitteln kann. Durch den Algorithmus erreicht man Leute, die normalerweise mit Aquaristik nicht allzu viel zu tun haben, weil die schönen Bilder ins Netz geflutet werden.
Negativ ist, dass es oberflächlicher geworden ist und nicht mehr so sehr in die Tiefe geht. Grundsätzlich sehe ich den Einfluss der sozialen Medien aber positiv und er sollte auch bei uns in der Branche noch stärker genutzt werden.
Von der gesamten Entwicklung in den letzten Jahren war der positivste Einfluss eigentlich die Verbesserung der Lichttechnik im Aquarium. Das hat jetzt mit Aquarienfischen primär nicht so viel zu tun, aber sehr wohl was mit der Attraktivität der Aquarien. Durch die Einführung von etwa LED oder App-Steuerung ist ein ganz großer Schritt in der Aquaristik gemacht worden.
Bei den Fischen ist es offener geworden. Früher waren es vor allem Asien, Südamerika und ein bisschen Afrika. Das Thema der zentralafrikanischen Fische ist in den letzten zehn Jahren sehr viel stärker und zu einem echten Faktor geworden. Für den Handel sind eher hochpreisige Fische in den Markt gekommen, was auch positiv ist. Viele Aquarianer sind hungrig, mal was anderes zu sehen.
Und es gibt auch diesen Trend der Biotop- Aquaristik mit dem Einfluss des Aquascapings. Das ist etwas, was in der Zukunft sehr stark sein wird und auch für den Handel ganz interessant ist, weil wir deutlich mehr Steine und Wurzeln verkaufen können und auch gezielter in Richtung Wasserpflanzen beraten können. Hierfür suchen die Leute Inspiration, entweder in den sozialen Medien oder auch ganz stark im Einzelhandel. Das ist ein großer Vorteil für den qualifizierten Einzelhandel, wenn er darauf Antworten geben kann.
zza: Wie würden Sie den aktuellen Status quo der Aquaristik im Handel beschreiben: eher stabil, im Umbruch oder im Wachstum – und warum?
Numrich: Ich glaube, das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Geschäfte, die den Status quo wenigstens halten, aber es gibt auch eine ganze Reihe von Segmenten, wo das halt nicht mehr funktioniert, etwa wegen des Umsatzrückgangs gerade jetzt bei großen Aquarien, bei Kombinationen und bei Technik überhaupt.
Wasserpflanzen gehen ganz gut. Bei Fischen muss ich ganz klar sagen, dass da die Leute jetzt Alternativen zu den Brot- und Butterfischen suchen. Das ist für den Zierfischgroßhandel positiv, wenn man eine Alternative mit anbieten und dem Händler sagen kann: Versucht euch andere interessante Fische herzusetzen, um euch vom Mitbewerber um die Ecke abzugrenzen. Das wird auch angenommen, wenn es in den Geschäften umsetzbar ist.
Grundsätzlich denke ich, dass die deutsche Aquaristik wartet, dass etwas passiert. Von außen kann für uns, glaube ich, nichts passieren. Wir müssen es von innen heraus versuchen, ein bisschen was anderes zu machen, mehr zu gestalten und auch mehr zu führen, denke ich. Die Leute wollen schon Inspiration und die wollen auch Hilfestellung. Das muss man ihnen anbieten können.
zza: Wie hat sich die Kundschaft verändert: Wer steigt neu ein, wer bleibt dem Hobby treu und wo sehen Sie Rückgänge?
Numrich: Neueinsteiger sind in erster Linie Familien. Die suchen dann nach einem Heimtier, das möglichst keine Allergien verbreitet und auch mal ein paar Tage allein bleiben kann. Junge Leute eher seltener, da fehlt der Impuls, wie damals mit dem Gaming-Influencer, der über zwei Millionen Follower hatte. Der hatte sich damals ein Aquarium gekauft und seinen Weg zur Aquaristik kommuniziert. Das war unglaublich, wie viele junge Leute dann dazu gekommen sind.
Diese Initialwirkung fehlt seit langem. Wir haben sehr viele Aquarianer über 60, weil die finanzielle Situation es bei ihnen oft zulässt. Die können sich einfach mal ein Dreimeterbecken leisten, wenn sie das wollen. Und es gibt immer noch ein gewisses Segment von Rückkehrern. Die hatten mal in ihrer Jugend oder bis sie Kinder hatten ein Aquarium. Jetzt sind die Kinder aus dem Haus und der Papa erinnert sich an sein Diskus-Aquarium. Das ist immer noch ein bemerkbarer Trend. Aber die Jugend fehlt, das muss man ganz klar sagen.
zza: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hürden für Einsteiger und an welchen Punkten scheitert es in der Praxis am häufigsten?
Numrich: Es scheitert in erster Linie an der falschen Erwartungshaltung der Konsumenten. Manche denken, sie kaufen sich ein 50-Liter-Aquarium und setzen da einen halben Zoo rein. Es ist häufig ein geringes Verständnis dafür da, dass ein Aquarium fast wie ein lebender Organismus ist und man nicht einfach etwas machen kann, sondern dass alles Auswirkungen hat.
Das habe ich noch vor zehn, fünfzehn Jahren anders erlebt. Wenn da jemand in den Laden gekommen ist, dann haben die Leute gefragt: Glauben Sie, dass ich so ein Aquarium gemanagt bekomme? Kann ich die Tiere auch langfristig halten? Das passiert heute seltener. Es ist die Aufgabe des Fachhandels, da gegenzusteuern, damit diese Leute langfristig dabeibleiben. Wenn man einen Kunden gut anleitet, entdeckt er die Freude am Hobby, bleibt dabei, vergrößert sich vielleicht auch mal und gibt es vor allem auch an die junge Generation weiter. Das ist ein ganz wichtiger Faktor für mich.
zza: Wie können Handel und Industrie Einsteiger besser abholen? Welche Starter-Sets, Services oder Schulungsangebote funktionieren aus Ihrer Erfahrung wirklich?
Numrich: Also diese Schulungsangebote gar nicht. Die Leute wollen da keine Zeit drauf verschwenden. Schulungen im Einzelhandel funktionieren meistens im zweiten Schritt, nachdem jemand mit guter Beratung ein Aquarium gekauft hat, es aber noch nicht wirklich verstanden oder ein Problem hat. Wenn sie dann wieder ins Geschäft kommen, ist es entscheidend, dass sie qualifiziert beraten werden. Sonst schauen die Kunden im Internet nach und gucken dort nur nach diesem einen Fisch.
Früher haben wir ja ein Buch gekauft, wir älteren Leute. Und haben dann zwar auch erst mal nach diesem einen Fisch gesucht, haben aber beim Blättern gesehen, was es noch Tolles gibt. Ach, und da steht ja auch noch, wie ich das mit dem Wasserwechsel mache. Das passiert heute nicht mehr. Das heißt, wenn der Kunde im Geschäft nicht erzählt bekommt, wie und wann er den Wasserwechsel macht oder wie oft der Filter sauber gemacht wird, wenn er das nicht bekommt, dann bekommt er es nie, weil er es nicht mehr nachliest. Und dann kann das schiefgehen.
zza: Stichwort Nachwuchs: Wie kann man Kinder und Jugendliche heute für Aquaristik begeistern, ohne dass es bei einem kurzen Strohfeuer bleibt? Haben Sie Beispiele, die Sie überzeugt haben?
Numrich: Wir müssen viel mehr am Layout und an der Optik in unseren Märkten arbeiten. Es muss ein Einkaufserlebnis sein, man darf nicht reinkommen und rechts und links sind Regale und ich laufe Gänge entlang. Dann kommt erst die Dose Katzenfutter, dann kommt die Dose Hundefutter, dann kommen die Bettchen und so weiter.
Ich habe das Gefühl, damit holen wir Jugendliche niemals ab. Das ist nicht ihre Erlebniswelt. Die wollen reinkommen, wollen geflasht sein von etwas. Das heißt, eigentlich muss im Eingangsbereich ein tolles Aquarium stehen. Es müssen Bildschirme da stehen und Tablets. Der Jugendliche kommt rein, sieht ein Tablet neben dem Aquarium und erfährt: Über das Tablet kann er die Lampen und den Filter im Becken steuern und so weiter.
Ich glaube, dass man da mehr machen muss mit der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen. Wenn der ins Zoogeschäft reinkommt, sieht er etwas ganz Fremdes, hat aber halt den Zugang über seine elektronischen Medien. In der Richtung müsste man etwas mehr gestalten.
zza: Wenn Sie drei Jahre nach vorn schauen: Welche Trends werden bleiben, welche werden verschwinden – und was müsste passieren, damit Aquaristik wieder mehr neue Kunden gewinnt?
Numrich: Das Hauptproblem ist, dass das Fachhandelspersonal immer älter und weniger wird. Ich glaube, dass die Märkte wieder kleiner werden, weil auf der Fläche nicht genug Personal zu kriegen ist. Es wird weniger Zoogeschäfte geben, auch bedingt durch den Personalmangel.
Wir sehen jetzt schon, dass in vielen Ketten der Lebendtierbereich geschlossen wird, weil kein Personal dazu da ist, weil es ihnen auch zu aufwendig ist, sich mit den Vorgaben rumzuärgern. Ich glaube, dass es langfristig nur wenige Fachgeschäfte mit einer großen Aquaristikabteilung geben wird. Das wird ein Luxus werden, aber das ist gleichzeitig auch die Chance des qualifizierten Einzelhandels, wenn er es schafft, das Personal heranzuziehen und den Laden aufzubauen.
Ein weiteres großes Problem wird langfristig sein, dass wir nicht genug Tiere bekommen, weil wir massive Probleme mit den Importen bekommen werden. Da gibt es ja starke Bestrebungen der EU und die Märkte sind anders ausgerichtet mittlerweile. China ist so ein großer Markt, Indien wird der nächste Markt werden. Das heißt, die Produzenten in Südostasien werden in zehn Jahren nicht mehr fragen: Was will das kleine Europa eigentlich an komplizierten Fischen und Papieren? Die schicke ich einfach nach China, nach Indien, nach Indonesien. Das ist jetzt schon Realität. Das heißt, wir werden Nachschubprobleme bekommen, das muss ich ganz klar sagen.
Und die Zucht vieler Arten ist in Deutschland nicht möglich, weil wir die hohen Kosten für Wasser, Strom und Futter nicht bezahlen können. Ein Guppy kostet aktuell in Deutschland zwischen vier und fünf Euro, wird dann aber vielleicht bei zehn Euro liegen. Es wird Leute geben, die das zahlen, aber es wird nicht der Einsteiger sein und es wird nicht die Familie sein.
Dominic Heitz