Matthias und Christian Kapaun haben Betriebswirtschaftslehre beziehungsweise Zahnmedizin studiert. Also nichts, was nahelegt, dass sie beruflich in der Meerwasser-Aquaristik landen. Aber wie so oft in der Branche wird das Hobby zum Beruf. 2010 gründeten sie in Korntal-Münchingen bei Stuttgart das Einzelhandelsgeschäft „Whitecorals“, das sich, wie der Name andeutet, auf Korallen spezialisiert hat. Bei der Zusammenstellung des restlichen Sortiments für ihr Fachgeschäft mussten die Kapauns aber feststellen, dass nicht alles, was am Markt erhältlich war, ihren persönlichen Ansprüchen genügte: Entweder war es billig und von minderer Qualität oder es war sehr teuer. Ihnen dagegen schwebten gut funktionierende Produkte vor, die ansprechend aussehen und zu einem fairen Preis zu haben sein sollten, um das mittlere Preissegment abzudecken. So entstand der Gedanke, vieles selbst zu machen. 2012 gründeten die Kapaun-Brüder mit Nyos ihre eigene Fertigung. Sie sollte – auch aus Gründen der Nachhaltigkeit – möglichst mit Komponenten aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz arbeiten. In Schwieberdingen, nicht allzu weit vom Fachgeschäft entfernt, fanden sie das passende Gebäude dafür. Hier werden jetzt Riffaquarien in verschiedenen Größen, Futter- und Pflegemittel, technisches Zubehör sowie Wassertests hergestellt. Die Salz-Produktion, genauso wie Verwaltung und Marketing, ist im Whitecorals-Gebäude untergebracht.
„Wir produzieren überwiegend just-in-time. Unseren Warenbestand halten wir bewusst niedrig, um nicht unnötig Kapital zu binden“, sagt Daniel Mußgnug, der seit März 2024 für den Vertrieb bei Nyos verantwortlich ist. „Die Hauptmärkte für unsere Produkte sind Deutschland, Österreich, die Schweiz und Großbri- tannien, sowie die USA“, so Mußgnug weiter. „In den USA ist die Meerwasser- Aquaristik ein sehr beliebtes Hobby, zu dem auch intensiv geforscht wird“, beschreibt er diesen Markt, der auch für deutsche Hersteller eine Inspirationsquelle darstellt.
In der Nyos-Produktion wird viel von Hand beziehungsweise halbautomatisch gefertigt. Matthias Kapaun, der für die Produktentwicklung verantwortlich ist, achtet sehr auf Details. Insbesondere beim Zubehör setzt er auf ein klares Design und technische Finessen. Die Pumpen im Abschäumer sind Tüv-geprüft und besitzen hochwertige Titanschrauben. Die Aquarien-Unterschränke verfügen über Scharniere, die sonst bei Luxus-Küchen verarbeitet werden. Sie besitzen eine spezielle Beschichtung und sind dadurch rostbeständig. Die Fischfalle, eine Produktidee aus den USA, die Nyos in Lizenz herstellt, garantiert durch eine schnurlose, magnetische Bedienung ein stressfreies Fangen der Fische, zum Beispiel bei Krankheit und Quarantänemaßnahmen. Aber auch beim Futter legt Nyos Wert auf Qualität: Das Trockenfutter ist zum Beispiel bio-zertifiziert. Mit solch durchdachten Produkten will Daniel Mußgnug wieder Regalfläche im Handel zurückgewinnen. Dazu hat er ein transparentes, mehrstufiges Partnerprogramm entwickelt, das im Platin-Standard ein aufgebautes Aquarium voraussetzt. Mußgnug, der selbst viele Jahre auf der Fläche gearbeitet hat weiß, wie wichtig Fachwissen, kompetente Beratung und Schaubecken sind. „Die Kompetenz auf der Fläche ist mir ein großes Anliegen. Nur damit kannst du Kunden gut beraten, Vertrauen aufbauen und von dem Hobby überzeugen“, sagt er. Aus diesem Grund will er den Handel aktiv unterstützen und legt beim Einräumen schon mal mit Hand an. Auch was Schulungen vor Ort oder per Video angeht, kann er weiterhelfen.
Was mit einem ausgewogenen Sortiment, Expertise und Kundenservice möglich ist, sieht Nyos ganz deutlich bei Whitecorals. Die Kunden kommen aus dem ganzen Bundesgebiet beziehungsweise bestellen über den eigenen Online-Shop. Denn noch etwas zeichnet das Meerwasser-Fachgeschäft aus: Es gibt dort zwei große Korallenfarmen für Stein- und Weichkorallen inklusive Schaubecken. Weitere Zuchtanlagen sind bereits in Planung. Langfristig hält Whitecorals sogar fünf Zuchtanlagen für möglich. 20 Gattungen und 100 Arten beziehungsweise Farbschläge werden hier im Schwäbischen gezüchtet. „Unsere nachhaltige Korallenzucht hat maßgeblich zu unserem Renommee beigetragen“, sagt Matthias Kapaun. Whitecorals ist aber alles andere als ein Nyos-Flagship-Store. Das Sortiment besteht aus 3.000 Artikeln, darunter auch Marken von Wettbewerbern. „Wir wollen ein gut ausgestattetes Fachgeschäft sein, das Meerwasser-Fans so berät, dass sie ihr Hobby problemlos ausüben können“, betont Mußgnug.
Im Whitecorals-Gebäude ist auch das Herzstück der Nyos-Produktion untergebracht: der Salzmischer. Das richtige Salz ist Voraussetzung für ein funktionierendes Seewasser-Aquarium. „Unser Anspruch war es, ein sehr hochwertiges, reines Salz zu produzieren“, sagt Matthias Kapaun. „Es hat ein Jahr gedauert, bis wir den gewünschten Standard hinbekommen haben“, so Kapaun weiter. Auf jedem Salzeimer-Deckel finden die Kunden einen QR-Code, über den sie die genaue Labor-Analyse der jeweiligen Charge einsehen können. Gerade arbeitet man an neuen Verpackungseinheiten von 10- beziehungsweise 20-Kilogramm-Kartons, die als Refill für die Plastikeimer gedacht sind.
Ressourcenschonend zu arbeiten, zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmen, die mittlerweile 40 Mitarbeiter beschäftigen: Pfandsysteme, nachhaltige Verpackungen oder die Photovoltaik-Anlage zur Stromversorgung zählen dazu. Auch Fachwissen oder Education, wie Kapaun es bezeichnet, spielt dabei eine Rolle. Vor kurzem hat Matthias Kapaun ein kleines Studio eingerichtet, in dem regelmäßig kurze Lehr-Filme für den Whitecorals-Youtube-Kanal gedreht werden.
Über ihre Kunden haben die Meerwasser-Spezialisten immer das Ohr an der Basis: Was sind typische Probleme? Welche Trends sind gefragt? Welche Produkte wünschen sich die Kunden noch? Um diesen Kontakt zu Kunden, Hobbyisten und potenziellen Meerwasser-Freunden noch weiter zu intensivieren und das Hobby generell zu stärken, riefen die Kapaun-Brüder im Februar 2024 die Messe „Reef Mania“ ins Leben. Vorbild war ebenfalls wieder die USA, wo es viele solcher Veranstaltungen gibt. Die Messe in der Stadthalle sei ein riesiger Erfolg gewesen und soll nächstes Jahr wiederholt werden. Sabine Gierok