Was macht Ihre Methode aus, mit der Mensch und Hund zu einem guten Team werden?
Das Grundprinzip ist das natürliche und fundierte Naturprinzip der Beutegreifer: „Bewegung – Disziplin – Zuneigung“. Diese drei Begriffe des sozialen Lernens beziehen sich auf den Hundehalter: Langsame Bewegungselemente bis zur Kooperation, Eigendisziplin bis zum Erfolg (ist der Mensch ein „Schluffi“, ist es sein Hund mit Sicherheit auch), Freude am Tun und dabei stets mit allen Sinnen präsent sein – das ist das Fundament einer funktionierenden, harmonischen Mensch-Hund-Beziehung.
Das Verstehen dieser Methode setzt voraus, dass konzentriert die Motive eines Verhaltens genau beobachtet werden. Mir liegt diese Arbeitsweise im Blut, denn ich arbeite so auch mit Raubkatzen und Greifvögeln. Das Einhalten einer klaren, individuell angepassten Vorgehensweise und das Verstehen ihrer Grundprinzipien kommen für einen Trainer bei der Arbeit mit einem Raubtier einer Lebensversicherung gleich. Hunde haben dieselben Prinzipien, nur das Risiko, dass der Mensch bei eigenem Fehlverhalten getötet wird, ist deutlich geringer. Deshalb wurde in der Hundeausbildung während vieler Jahre mehr auf Vermenschlichung, Locken und Bestechen gesetzt. Für mich ist jedoch wichtig, dem Tier allgemein und dem Hund im Besonderen möglichst natürlich gegenüberzutreten, ohne die Stimme zu verstellen und den Körper zu verrenken. Natürliches und authentisches Auftreten bringt die nachhaltigsten Erfolge.
Seit Jahren arbeiten Sie mit Hunden im Freigelände möglichst häufig ohne Leine und unterscheiden dabei strikt zwischen sozialem und formalem Lernen. Was bedeutet das?
Die Hundewelt weiß sehr viel über Hunde, aber wenig über das Wesentliche in der Mensch-Hund-Beziehung, nämlich die strikte Unterscheidung zwischen sozialem und formalem Lernen. Die Annahme, dass die Unempfindlichkeit eines Hundes gegenüber Umweltreizen durch das formale Lernen, also über „Fuß, Sitz, Platz“ und Auslastungsmodelle erwirkt werden kann, ist ein großer Irrtum. Umwelttauglichkeit ist nur über das soziale Lernen erreichbar, und zwar über die Glaubwürdigkeit des „Leaders“ (Mensch) gegenüber seinem Kooperationspartner (Hund).
Damit der Hund diese Kooperation lernen kann, muss er ohne Leine in Freiheit erzogen werden. Das gilt allerdings nur für Orte ohne Gefahrenquellen wie Stadtverkehr, Straßen etc. Statt sinnloser Herumtoberei ist zunächst ruhig und gelassen das Vorbeigehen zu sensibilisieren, damit dem Hund je nach Reiz und Situation jedwede natürliche Verhaltensreaktion möglich ist – und damit der nächste Erziehungsschritt definiert werden kann. Zu den Verhaltensreaktionen zählen insbesondere Ausweichen, Beobachten und sich seinem Halter anschließen.
Sie können, abhängig von Temperament und Gelassenheit eines Hundes, sehr unterschiedlich sein, setzen aber ausnahmslos voraus, dass sich Mensch und Hund möglichst natürlich miteinander auseinandersetzen und sich auf einander beziehen, was auf menschlicher und mentaler Ebene geschieht und nicht mittels Leine, Schleppleine, Wurst und Spielzeug.
Warum klappt das auf dem Hundeplatz oder in der Hundeschule Erlernte im Alltag nicht? Sie setzen auf eine gute „Beziehung“ und nicht auf „Bindung“ – worin liegt der Unterschied?
Der Hauptfehler ist, dass Hundehalter mit dem formalen Lernen beginnen anstatt mit dem sozialen Lernen. Es wird beispielsweise versucht, dem Hund mit Futter „Sitz“ beizubringen und ihn zu sich zu locken, damit er an der Leine eingeschränkt werden kann.
Soziales Lernen beginnt beim Hundehalter, bei der Stärkung seiner Persönlichkeit. Die meisten Menschen wissen, was sie nicht wollen. Tun sich aber schwer, genau zu formulieren, was sie wollen, was ihnen wichtig ist und bei ihnen lebensbereichernde Gefühle auslöst. Soziales Lernen heißt: Der Hundehalter versucht nichts, sondern tut etwas, er bringt sich situativ bei seinem Hund ein und setzt sich liebevoll, jedoch konsequent durch, damit er gemeinsam mit ihm Schritt für Schritt ans Ziel kommt. Das bedeutet, er verkauft seine Seele nicht für ein Stückchen Wurst, sondern setzt sich mit seinem Hund auseinander und nötigenfalls auch durch. Dafür gibt er ihm viele herzliche und sanfte Streicheleinheiten – er bringt sich mit ganzem Herzen ein.
Das Resultat: Durch Respekt und Vertrauen entsteht eine harmonische Beziehung. Der Hund hat verstanden, dass sein menschlicher Partner sehr lieb ist, jedoch sämtliche Ressourcen kennt, sich immer und überall konsequent durchzusetzen.
Durch Locken und Bestechen ergibt sich bestenfalls eine Bindung, wenn kein Reiz auf den Hund wirkt. Genau dann aber, wenn es darauf ankommt, klappt es nicht. Mit anderen Worten: Die meisten Hundehalter haben in reizarmer Umgebung eine liebevolle, materielle Bindung zu ihrem Hund und bei reizstarker Umgebung eine katastrophale Beziehung.
Hundehalter sind zunehmend unglücklich und frustriert, wenn das Erlernte im Alltag nicht funktioniert. Wirkt sich das auch auf den Hund aus und verstärkt das nicht erwünschte Verhalten?
Die meisten Halter versuchen, das Verhalten ihres Hundes mit Leckerli und emotionsgeladenem Tadel zu steuern, was beim Hund, weil keine konkrete Handlung folgt, als Zuneigung interpretiert wird. Folgende Verknüpfung entsteht beim Hund: Je mehr Blödsinn ich mache, desto mehr werde ich beachtet und betreut. Der Anfang eines immer schlimmer werdenden Teufelskreises hat begonnen. Lobt der Halter seinen Hund nach der Standpauke auch noch, befindet er sich mitten im Teufelskreis. Beginnt er zu jammern, hat der Hund seinen lieben Spaß an der Sache. Jammern und gleichzeitig zulassen, dass einem der Hund permanent auf der Nase herumtanzt, führt dazu, dass die Hundewelt Kopf steht – drehen wir sie gemeinsam wieder auf die Pfoten!
Weitere Infos zu Hans Schlegel und seinem Training auf: www.schlegeltraining.ch
Heimtier Report: Freiheit für Hunde
Hundetrainer Hans Schlegel spricht über seinen Umgang mit schwierigen Hunden und wie man die Vierbeiner ohne Leine erzieht.