zza: Frau Rehberger, Sie haben ein Buch speziell zur achtsamen Welpenerziehung geschrieben. Was verstehen Sie genau darunter? Warum ist ein gewaltfreies Training so wichtig?
Maria Rehberger: Die Ethik der Achtsamkeit erfordert Achtung, Respekt und Empathie gegenüber anderen Lebewesen und deren Bedürfnissen. Sie hat viel zu tun mit Zuwendung und Fürsorge, Verantwortung und Anteilnahme und letzten Endes Beziehungspflege. Wenn wir einen Welpen aufnehmen, dann ist unsere Beziehung zu Beginn ein unbeschriebenes Blatt. Mein Ziel ist es, dass der Welpe eine sichere Bindung zu seinen Bezugspersonen aufbauen kann. Das ist nur möglich, wenn der Welpe immer wieder die Erfahrung macht, dass er bei seinen Menschen in Sicherheit ist, also von ihnen selbst keine Bedrohung für ihn ausgeht, sie ihm aber auch Schutz und Sicherheit bieten, wenn er sich vor etwas Neuem fürchtet oder unsicher ist. Es geht also nicht nur um gewaltfreies Training. Es geht generell um einen gewaltfreien und liebevollen Umgang mit dem Welpen, damit eine sichere Bindung überhaupt entstehen kann.
zza: Welche Erziehungsmythen begegnen Ihnen in der Praxis immer wieder?
Rehberger: Das größte Problem bei der Erziehung von Welpen ist, dass viele Menschen glauben, dass sie in sehr kurzer Zeit möglichst viel mit dem Welpen machen müssen, damit er sich an alles gewöhnt und später ein problemloser Alltagsbegleiter wird. Leider führt das dazu, dass das junge Nervensystem in diesem Fall oft komplett überfordert wird und sich deshalb auf eine besonders herausfordernde Umwelt einstellt. Sprich: Der Welpe wird nicht immer entspannter, sondern immer reaktiver. So schaffen sich Welpenbesitzer mit den besten Absichten einen Hund, der spätestens in der Jugendentwicklung damit beginnt, problematische Verhaltensweisen zu entwickeln.
zza: Welche typischen Fehler machen frischgebackene Welpenbesitzer oft aus Unwissenheit heraus?
Rehberger: Sie gehen in Welpengruppen, die nicht auf die Bedürfnisse des einzelnen Welpen zugeschnitten sind und deren Inhalte nicht sinnvoll für diese Entwicklungsphase sind. Sitz, Platz und Fuß lernt ein Hund völlig problemlos und sehr schnell auch später noch. Das Nervensystem wieder in Balance zu bekommen, wenn es durch Überforderung erst einmal in Schieflage geraten ist, ist dagegen schwierig und mit großem Aufwand verbunden. Ein weiterer Fehler ist, dass viele Menschen glauben, dass sie ihrem Welpen „das nicht durchgehen lassen dürfen“. Dabei sind viele Verhaltensweisen, die Welpen zeigen, einfach typisch für ihren körperlichen und geistigen Entwicklungsstand. Niemand würde wohl auf die Idee kommen, von einem dreijährigen Menschenkind zu erwarten, dass es sich benimmt wie ein Zwölf- oder gar 25-Jähriger. Von Welpen wird ganz häufig aber erwartet, dass sie sich innerhalb weniger Wochen wie ein erwachsener Hund benehmen.
zza: Worauf sollten Zoofachhändler achten, wenn Kunden mit einem neuen Welpen zur Beratung kommen?
Rehberger: Ideal wäre, wenn sie Verhaltensberaterinnen und Hundeschulen empfehlen könnten, die gesichert gewaltfrei arbeiten und vor allem für Welpen individuelle Begleitung und keinesfalls nur Gruppenformate anbieten. Die Zoofachhändler könnten dadurch die Entwicklung hin zu mehr Tierwohl im Umgang und beim Training mit Hunden aktiv unterstützen. Das passende Equipment zu empfehlen, spielt dabei natürlich auch eine große Rolle.
zza: Welche Produkte unterstützen die gewaltfreie Erziehung besonders gut – und von welchen würden Sie abraten?
Rehberger: Welpen sollten grundsätzlich ein Brustgeschirr anstatt eines Halsbands tragen. Ein Welpe ist nicht leinenführig und vor allem kann es vorkommen, dass er sich erschreckt und auch mal in die Leine springt. Der Hals ist ein extrem sensibler Bereich und muss so gut es geht vor Krafteinwirkung geschützt werden, nicht zuletzt, um Fehlverknüpfungen vorzubeugen. Wenn ein Welpe beim Anblick eines anderen Hundes in die Leine springt und sich dabei weh tut, kann das zur Entwicklung einer Leinenaggression führen. Im Alltag besonders hilfreich sind auch Absperrgitter, mit denen man bestimmte Bereiche sichern kann, so dass der Welpe sich nicht verletzt, beispielsweise an Treppen, und nichts kaputt machen kann wie Schuhe oder dergleichen.
zza: Stubenreinheit, Leinenbeißen, Zwicken – wie geht man mit diesen klassischen Welpenthemen gewaltfrei um?
Rehberger: Genau diese Punkte behandle ich sehr ausführlich in meinem Welpenbuch, denn es gibt keine einfachen Patentrezepte. Das Erreichen der Stubenreinheit ist genau wie bei Menschenkindern das Sauberwerden eine Entwicklungssache. Beim einen geht es schneller, der andere braucht etwas länger dafür. Welpen erkunden die Welt mit der Schnauze und entsprechend auch den Zähnen. Dementsprechend ist es wichtig, dem Welpen auch genügend Material zur Erkundung zur Verfügung zu stellen. Hat ein Welpe keine Spielsachen, die er ins Maul nehmen darf, wird er sich natürlich an der Leine oder auch an Möbeln ausprobieren und natürlich wird auch der Mensch je nach Welpe hin und wieder oder sogar sehr oft Opfer von „Beißattacken“. Wichtig ist, dass man sich bewusst ist, dass dieses Verhalten ganz normal für Welpen ist und kein Vorbote eines Aggressionsproblems. In allen Fällen gilt: Ruhe bewahren und die Situation jeweils so managen, dass der Welpe keine Angst vor seinem Menschen bekommt.
zza: Was ist Ihr wichtigster Tipp, den Sie jedem neuen Welpenbesitzer mitgeben würden?
Rehberger: Sich nicht von den vielen Dingen, die man angeblich mit einem Welpen machen muss, unter Druck setzen lassen. Die Welpenzeit ist auf das gesamte Hundeleben gerechnet die kürzeste, aber auch wichtigste Entwicklungsphase. Deshalb sollten wir hier den Fokus hauptsächlich auf den Aufbau und die Förderung der sicheren Bindung legen, nicht auf Erziehung und Training. Denn wenn die Basis stimmt, dann fällt Erziehung und Training leicht und viele Probleme, die später mühsam behoben werden müssen, entstehen erst gar nicht.