Die Kernbotschaft lautete: Wer in der Heimtierbranche erfolgreich bleiben will, muss KI verstehen, Kunden kennen und Vertrauen aufbauen.
Norbert Holthenrich, Präsident des ZZF - Zentralverband der Heimtierbranche, eröffnete das Forum „Mit Hirn, Herz und KI: So erreicht die Heimtierbranche ihre Kunden“ in Wiesbaden-Niedernhausen mit einem Appell: Die Antwort auf Krisen und Unsicherheit liege in gemeinsamer Anpassungsfähigkeit und in der Gewissheit, dass „die Beziehung zwischen Mensch und Tier eine konstante Größe bleibt“. Die Branche schaffe Verbindung, Fürsorge und Lebensqualität.
Das Leitthema KI durchzog das gesamte Programm. Hartmut König, CTO Central Europe bei Adobe, mahnte: Bereits 50 Prozent aller Kundenkontakte laufen heute über eine KI-Oberfläche, bevor der Nutzer überhaupt eine Unternehmenswebseite erreicht. Wer als Marke dort nicht vorkommt, verliert Sichtbarkeit. „KI sucht Schwarzbrot, Inhalte, auf denen sie rumkauen kann. SEO interessiert sie nicht.“ Sein Rat: Content so aufbereiten, dass KI ihn versteht und nutzt.
KI-Berater Julian Posmeck ergänzte die operative Perspektive: Mit seinem 4-Faktoren-Modell – Repetitivität, Business Impact, Datenbasis, Fehlertoleranz – zeigte er, wie Unternehmen sinnvolle KI-Einsatzfelder identifizieren. Ob KI-Chatbot am Regal, automatisiertes Azubi-Onboarding oder KI-gestützter Telefonsupport: „Klein anfangen, mit einem einzigen Problem“, so sein Tipp. Tim Burghardt von Better Reply ergänzte: KI bewertet längst auch Rezensionen auf Bewertungsplattformen und wer dort schlecht dasteht, verliert auch in KI-Empfehlungen.
Marcel Bersch, Geschäftsführer von Zooroyal, zeigte, wie konsequentes Omnichannel-Denken in der Praxis aussieht: Online-Shop, Rewe-Märkte, eigene Fachmärkte, Shop-in-Shop und bald auch Unterstützung durch Lieferando. „Das Einkaufsverhalten ist nicht mehr linear, sondern so wie es dem Kunden passt."
Dass der stationäre Handel in diesen Zeiten aber keineswegs das Nachsehen hat, machten gleich mehrere Referenten deutlich. Carsten Markus von der Sagaflor rief den Zoofachhandel zu Identitätsstärke auf, wie es zum Beispiel die Rolling Stones demonstrierten: Konsequent den Sound bewahren und trotzdem technisch aufrüsten. Oliver Simon von der Agentur Umsatzplus erinnerte daran, dass Kunden Geld ausgeben wollen und dass die größte Hürde oft der Verkäufer selbst ist, der dem Kunden unbewusst kein Budget zutraut.
Tasja Rogowski von Plantamedium lieferte das neuropsychologische Rüstzeug für Social Media-Aktivitäten: Mit Elementen wie Cliffhanger, Vorher-Nachher-Beispielen oder der Inszenierung von Neugier, die das schnelle, unbewusste System des Gehirns ansprechen, könne der Daumen beim Scrollen durch die Inhalte gestoppt werden. Jan Oßenbrink, Geschäftsführer von Hunter, benannte ein bekanntes Paradox: Viele Tierhalter betonten Qualität und Nachhaltigkeit, kauften aber dann doch bei Temu. Hunters Antwort: den Premiumkern bewahren, mit weiteren Marken neue Segmente erschließen und gezielt Wachstumsmärkte entwickeln.
Gleich zwei Vorträge widmeten sich dem Thema moderne Ernährung. Antje Schünemann und Katrin Zimmermann von Petxperts Consulting zeigten: 78 Prozent der Tierhalter interessieren sich für Produkte, die das Leben ihres Tieres verlängern. Prof. Dr. Nadine Paßlack von der LMU München ergänzte die wissenschaftliche Perspektive: Die Datenlage zu alternativen Proteinquellen wie Insekten oder Mikrobenprotein für Heimtiere sei aktuell noch dünn, aber kultiviertes Fleisch, Algen und Insekten würden die Branche in den kommenden Jahren sicherlich beschäftigen.
Maximilian Deharde, Geschäftsführer von Sera, zeigte, wie neue Zielgruppen erschlossen werden können: Mit einem in 30 Minuten aufgebauten Mini-Teich-Set will der Aquaristik-Spezialist Branchenneulinge ansprechen und den Impulskauf beleben.
Den Schlusspunkt setzte Dr. Stefan Knoop, Geschäftsführer von Vetfly, der mit Tiktok-Sprechstunden Erfolg hat. Dennoch sieht er beim Thema Tiergesundheit, insbesondere bei Alltagsproblemen, eine hervorragende Nische für den Zoofachhandel. Allerdings sei Tiergesundheit kein Mitnahme-Thema, sondern es muss richtig dargestellt werden. Beratung sei dabei das A und O. „Tiergesundheit braucht Struktur, Sichtbarkeit und Schulung“, so seine Empfehlung.
Das nächste ZZF-Forum der Heimtierbranche findet am 9. und 10. März 2027 an einem neuen Veranstaltungsort in Leipzig statt.