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Leutner in Bühl : Schluss nach 109 Jahren

Jürgen Leutner vor der Aquaristik-Abteilung seines inzwischen geschlossenen Geschäftes. Foto: Wilfried Lienhard

109 Jahre lang gab es das Zoofachgeschäft Leutner in Bühl – Ende August war Schluss. Die Gründe für das Aus sind vielfältig. Die Geschichte eines Rückzugs, der am Ende zur Befreiung wurde.

Es ist eine Melange aus vielen Problemen, die die Wirtschaftlichkeit des Zoofachgeschäfts Leutner unterhöhlte. Den endgültigen Ausschlag für die Schließung des traditionsreichen Familienunternehmens, das Jürgen Leutner in vierter Generation führte, gab jedoch eine Baustelle direkt vor der Tür. Oder wie Leutner selbst es formuliert: „der letzte Sargnagel“.

40 Prozent weniger Kunden musste er während der Bauphase hinnehmen. Dabei war im Vorgespräch mit der Stadt alles anders geplant: Die Sanierungsarbeiten sollten kundenverträglich, schrittweise und binnen 15 Monaten erfolgen. Am Ende dauerte es 26 Monate, allein die Einfahrt zu den Parkplätzen sei ein ganzes Jahr gesperrt gewesen.

„Es ist ja klar, dass die Kunden woanders hingehen, wenn sie die Einfahrt zum Parkplatz nicht finden“, sagt Leutner. „Das kann man den Kunden nicht einmal verübeln.“ Zumal diese inzwischen ohnehin alles online finden. Einen eigenen Shop hat Leutner nie betrieben.

„Online-Angebote unterm eigenen EK“

„Um dort mitspielen und attraktiv sein zu können, musst du dich dem Preisgefüge anpassen. Teilweise liegen die Online-Angebote unter meinem eigenen EK, insbesondere bei Futtermitteln der großen Unternehmen. Da kann ich nicht mithalten“, sagt der 53-Jährige resigniert.

Seit Corona ging es bei Leutner stetig bergab. Das Einkaufsverhalten änderte sich, der Online-Handel wurde immer beliebter. Die Umsätze beim Futter blieben halbwegs stabil, doch die wichtigen, margenträchtigen Zubehör-Artikel gingen immer stärker zurück. Damit ist Leutner nicht allein, auch Einzelhändler anderer Branchen klagen über mangelndes Kundeninteresse.

„Die Beratung wird gerne von uns genommen, doch bestellt wird dann im Internet“, weiß er. In Bühl zeigt sich diese Entwicklung deutlich: entlang der Hauptstraße immer mehr Leerstände, immer mehr Fachgeschäfte, die schließen. Leutner saß zwar in einer Nebenstraße und die gute Parkplatzsituation half ihm lange. Bis die Baustelle auch dieses Argument entwertete.

Hinzu kam der Wettbewerb: Ein ZG-Raiffeisenmarkt am Ortseingang führt ein vergleichbares Sortiment; das neue Fachmarktzentrum neben der Autobahn präsentiert Handelsformate, die ebenfalls Heimtierzubehör anbieten. „Viele Hundebesitzer kaufen dort lieber einen Ball für 89 Cent als bei mir für vier Euro“, sagt Leutner. Die Begründung hört er oft: „So ein Ball geht schnell kaputt oder man verliert ihn. Das ist nicht schlimm, wenn er so billig war.“

Sanierung nicht möglich

Auch das eigene Geschäft hätte eine Modernisierung dringend gebraucht. Doch am Standort war bautechnisch keine Komplettsanierung möglich. So wurde der Handlungsspielraum kontinuierlich enger. 2005 hatte Leutner das Geschäft von seinem Vater übernommen. Er wollte nicht nur das Familienerbe fortführen, sondern auch wachsen, eigene Ideen umsetzen, sich unternehmerisch entwickeln.

Viele Jahre lang gelang das: Die Lebendtier-Abteilung war ein Publikumsmagnet. Doch auch sie brachte Probleme. Tierschützer versuchten mehrfach, Leutners Tierpräsentationen zu diskreditieren, anonyme Anzeigen beim Veterinäramt eingeschlossen. Zum Schluss betrieb Leutner im Lebendtiersegment nur noch die Aquaristik-Abteilung.

Personal orientierte sich um

Auch den Kreativ-Bereich, ein Steckenpferd seiner verstorbenen Mutter, musste er gezwungenermaßen auf den Prüfstand stellen. Das langjährige Fachpersonal orientierte sich um und geeignetes Personal ließ sich kaum noch finden. Die im Einzelhandel üblichen Arbeitszeiten wollten immer weniger Bewerber akzeptieren – passten demnach nicht in deren „Work-Life- Balance“.

Zwei Zahlen gaben den Ausschlag: 50 Prozent des Warenbestands entfielen auf diesen Bereich, doch nur 30 Prozent des Umsatzes kamen dabei heraus. Im vergangenen Jahr schloss er die Abteilung. Den Kundenverlust hatte Leutner einkalkuliert.

Eigentlich ist Leutner ein Macher, der gern und viel arbeitet und immer wieder Neues ausprobiert. Doch zuletzt gingen ihm Ideen, Motivation und der Glaube an eine bessere Zukunft aus. Abbau und Ausverkauf bestimmten den Geschäftsverlauf. Ein Gespräch mit einer langjährigen Stammkundin brachte dann die Entscheidung: Wenn die Umsätze immer stärker schrumpfen, warum das Geschäft nicht schließen und sich einen neuen Job suchen? Zu alt dafür sei er nicht, sagte er sich.

Familie war erleichtert

Auch seine Familie empfand die Entscheidung als Erleichterung. Sie hatte gesehen, wie er sich quälte und kurz vor dem Burn-out stand. „Man hat schließlich Verantwortung, auch für die Mitarbeiter“, sagt Leutner. Deshalb informierte er diese als Erste. Es flossen viele Tränen, die Enttäuschung war groß. Doch Leutner versucht, jeden passend unterzubringen.

Auch er selbst bleibt der Branche treu: Am 1. Oktober fängt er beim einstigen Mitbewerber ZG Raiffeisen an. „Natürlich bin ich sehr traurig, dass ich das Lebenswerk meiner Eltern beende. Aber ich sehe keine Chance mehr für unseren Handel. Ich glaube, in fünf bis acht Jahren wird es kaum noch solche Fachgeschäfte geben – und das branchenunabhängig. Die Zukunft gehört den Ketten, Filialisten, Franchisern und Online-Geschäften“, ist er überzeugt.

Mit dem Schnitt zog Leutner nicht nur persönlich die Reißleine, auch finanziell ließ sich das Geschäft nicht länger halten. Nun freut er sich auf den neuen Job, hat seinen Kunden mitgeteilt, wo sie ihn künftig finden, und spürt endlich wieder Begeisterung. Ein sicheres Gehalt, richtiger Urlaub und keine ständigen Sorgen: Das klingt für ihn verheißungsvoll.

„Ich hätte das vielleicht schon ein paar Jahre früher machen sollen“, sagt er selbstkritisch, „aber wenn man so sehr im Alltagsgeschäft verhaftet ist, fällt einem eine objektive Betrachtung schwer. Und damals war ich auch noch nicht so weit.“