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Künstliche Intelligenz in der Heimtierbranche : Zwischen Ethik und Experimentierfreude

Künstliche Intelligenz ist längst keine Zukunftsmusik mehr – auch in der Heimtierbranche setzen viele Unternehmen inzwischen auf entsprechende Werkzeuge. Doch wie genau nutzen sie KI, welche Chancen sehen sie, und wo liegen die Grenzen? Vier Unternehmen – Animonda, Nestlé Purina, Zooma und Zooroyal – geben Einblicke in ihre Praxis.

Der Startzeitpunkt für den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) ist bei den vier Unternehmen ungefähr gleich. Bei Animonda etwa ist KI seit Mitte 2023 im Einsatz. „Der Einsatzbereich erweitert sich ständig“, berichtet Wolfgang Post, bei dem Futtermittelhersteller verantwortlich für Martech und Datenstrategie. Auch der Heimtierkonzepte-Anbieter Zooma begann im Frühjahr 2023 mit ersten Tests. „Wir haben uns die Entwicklungen seit Ende 2022 erst einmal angesehen und mögliche Einsatzzwecke analysiert“, erklärt deren IT-Leiter Bastian Siebel.

Nestlé Purina nutzt KI seit ein paar Jahren. „Der gezielte Einsatz generativer KI für Marketinginhalte begann 2023 und wurde seither systematisch ausgebaut“, so deren Communications Director DACH Benedikt Schaumann. Zooroyal wiederum profitiert von der digitalen Vorreiterrolle der Muttergesellschaft Rewe Group: „KI wird bei der Rewe Group und Zooroyal schon sehr lange eingesetzt“, erwähnt Geschäftsführerin Annette Corsten.

Wo KI bereits mitarbeitet

Die konkreten Einsatzfelder sind ebenso vielfältig wie praxisnah. Animonda nutzt KI für Produktbeschreibungen, Marketingtexte, Bildgenerierung, statistische Auswertungen, Social Listening und Kundenzufriedenheitsanalysen. „Der große Gewinn liegt in der Zeitersparnis und der Entlastung unserer Mitarbeitenden“, sagt Post.

Nestlé Purina geht noch einen Schritt weiter: Neben Text- und Contentgenerierung nutzt das Unternehmen sogenannte Digital Twins – 3D- Replikate von Produkten und Markenwelten. „Diese digitalen Zwillinge ermöglichen realistische Simulationen, schnelleres Prototyping, virtuelle Tests im Markenumfeld und personalisierte Marketinginhalte – effizient, skalierbar und visuell überzeugend“, erläutert Schaumann.

Wiederkehrende Arbeiten

Zooma setzt KI unter anderem in der Artikeldatenpflege, der Bildbearbeitung, im E-Commerce und anderen Marketingfeldern ein sowie in der Softwareentwicklung. „Gerade bei wiederkehrenden Tätigkeiten, die einem klar umrissenen Ablauf folgen, können solche Anwendungen hilfreich sein. Wobei es natürlich eines bewussten, qualifizierten Umgangs sowie der Kontrolle durch den Menschen bedarf“, betont Siebel.

Bei Zooroyal liegen die Schwerpunkte auf der Textgenerierung für den Onlineshop sowie auf der datenbasierten Analyse und Prozessoptimierung. Die Rewe-Analyseplattform „Holmes“ auf KI-Basis, die die Warenverfügbarkeit in den Märkten überprüft, sei eine Technologie, die laut Corsten künftig auch für den Einsatz in Zooroyal-Märkten denkbar sei.

Toolbox – Wer nutzt was?

Animonda setzt auf ein breites Spektrum spezialisierter Tools: „Creaitor AI“, eine ChatGPT-basierte, isolierte Umgebung für sensible Firmendaten, „Midjourney“ und „Dall- E“ für die Bildgenerierung, „Gemini Pro“ für tiefgreifende Recherchen, „Birdsview“ für Customer Retention und Marketing, „Brandwatch“ für Social Listening und „Canva Pro“ für die Erstellung digitaler Assets.

Nestlé Purina nutzt ausschließlich freigegebene, IT-konforme Lösungen wie „NesGPT“, Dall-E“ (intern gehostet), „Getty AI Tools“ und „Adobe Firefly“. „Öffentliche, nicht-lizenzierte Tools wie das frei zugängliche ‚ChatGPT‘ werden für Produktionsinhalte nicht verwendet. Tools wie ‚Midjourney‘ sind aus Compliance- Gründen nicht zugelassen. Die Nutzung ist klar getrennt: Inspiration und Ideengenerierung versus Konsumentenansprache“, so Schaumann.

Zooroyal nutzt unter anderem den konzernintern entwickelten Rewe Group „GPT“ (ebenfalls auf ChatGPTBasis), „Microsoft Copilot“, „Perplexity“, „Prompt Buddy“, „DeepL“, „Adobe Firefly“ und den „Conversion Maker“ für Produktübersetzungen. Zooma wiederum arbeitet mit „ChatGPT“, „Microsoft Copilot“ sowie KI-Modulen in bestehender Software – etwa zur Bildbearbeitung oder Übersetzung.

Blick nach vorn: Wo liegt noch Potenzial?

Alle vier Unternehmen sehen weitere künftige Einsatzmöglichkeiten. Bei Animonda steht der Kundensupport ebenso auf dem Plan wie Supply-Chain-Optimierung und Absatzprognosen. Nestlé Purina denkt in Richtung Lieferkettenoptimierung und individueller Ernährungslösungen für Heimtiere. Auch sehe man Potenzial für Multiagenten-Systeme sowie KI-Einsatz in Customer Experience-Plattformen.

Zooma sieht im Bereich des E-Commerce und des Online-Marketings noch viel Potenzial. „Des Weiteren möchten wir im Bereich der IT-Security verstärkt auf KI-Unterstützung setzen, da Cyberangriffe – ebenfalls durch den Einsatz von KI – in Zukunft noch ausgereifter und schwieriger erkennbar sein werden“, sagt Siebel. „Ebenso werden wir auch bei Office-Apps mehr auf die Vorzüge Künstlicher Intelligenz setzen, um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Erledigung von Routine-Aufgaben zu entlasten und damit Freiräume für komplexere Aufgaben und Projekte zu schaffen.“

Zooroyal wiederum nennt als Zukunftsthemen digitale Produktberatung, Self-Checkout mit Kameratechnik und Warenverfügbarkeitsprüfung in den Märkten.

Strategien für den KI-Einsatz


Was die KI-Strategie betrifft, gehen die Unternehmen unterschiedlich vor. Bei Animonda erfolgt die Tool-Auswahl und die Schulung der Mitarbeiter, die damit arbeiten, intern. Externe Partner helfen bei komplexeren Anforderungen, wenn es zum Beispiel darum geht, ein LLM in einer isolierten Umgebung zu betreiben und vordefinierte AI-Agents als Tool bereitzustellen, um wiederkehrende Aufgaben einfacher umsetzen zu können. „Nicht jeder Mitarbeiter ist trotz Schulung ein Meister im Prompt-Design“, weiß Post.

Zooma entwickelt seine Strategie selbst und passt Regeln und Einsatzzwecke dynamisch an. Schulungspartner werden punktuell eingebunden. „Wir haben mit der Aufstellung von Regeln begonnen, bevor wir mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die systematische Nutzung von KI einbezogen haben“, sagt Siebel.

Nestlé Purina verfolgt einen regulierten Ansatz mit Freigabeverfahren, „Responsible Use Policy“ und Audits durch Legal, IT und Marketing. Externe Partner dürfen nur auf Basis vertraglich klar definierter Rechte und Pflichten eingesetzt werden. Es existiert eine zentrale KI-Strategie, eingebettet in Nestlés Digital-Transformation-Agenda. Nestlé positioniert sich klar für eine „bedachte Transformation“. „Technologie allein reicht nicht – strategische Einbettung, menschliche Verantwortung und ethischer Kompass sind zentral“, so Schaumann. Das Unternehmen folge dem Grundsatz: „Menschen und KI arbeiten zusammen – nie gegeneinander.“ Zooroyal wiederum folgt den KI-Guidelines der Rewe Group, gesteuert vom internen „Gen AI Hub“.

Schulung und Sicherheit

Zur Vorbereitung der Mitarbeitenden setzen alle vier Unternehmen auf gezielte Schulungen. Animonda hat insbesondere das Thema Sicherheit geschult, um zu vermeiden, dass firmeninterne Dokumente im privaten ChatGPT-Account hochgeladen werden. Dazu erhält jeder Mitarbeiter einen Grundlagenkurs zum Umgang mit ChatGPT über „Udemy“.

Bei Nestlé Purina durchlaufen alle Nutzer verpflichtende Trainings zum sicheren, rechtlich konformen und ethisch verantwortlichen Umgang mit KI. Dazu gehören auch Schulungen zur Vermeidung von Voreingenommenheit in KI-Systemen, zur richtigen Prompt- Erstellung sowie zum Umgang mit nicht überprüfbaren Inhalten („Halluzinationen“).

Zooma arbeitet mit einem Multiplikatoren-Modell: Geschulte Mitarbeitende geben ihr Wissen an Teams weiter. Zooroyal organisierte Anfang des Jahres eine „KI-Entdeckungsreise“ mit Vorträgen zu Prompting, Use Cases und Grundlagenthemen – weitere Formate sollen folgen.

Was bedeutet das für die Branche?

KI wird die Heimtierbranche nachhaltig verändern – da sind sich die Befragten einig. Doch der Umgang mit der Technologie will gelernt sein. „Die Chancen übertreffen bei Weitem die Risiken“, sagt Wolfgang Post, „vor allem für kleinere Teams eröffnen sich Möglichkeiten in Bereichen wie Datenanalyse und Prozessoptimierung, für die sie vorher deutlich mehr Ressourcen benötigt haben.“

Benedikt Schaumann warnt vor überzogenen Erwartungen: „Kein Einsatz synthetischer Tiere oder Menschen in der Werbung, kein KI-generierter Content ohne menschliche Prüfung, keine automatisierten Aussagen über Gesundheit ohne valide wissenschaftliche Grundlage.“

Für Bastian Siebel liegt der Gewinn in der Entlastung: „In Segmenten wie Produktentwicklung, Prozessteuerung und -optimierung, IT und Marketing, aber auch im Vertrieb gibt es viele mögliche Einsatzgebiete. Demzufolge wird KI einige Entwicklungen beschleunigen und manche Dinge erleichtern. Wichtig ist, dass es qualifizierter Nutzerinnen und Nutzer bedarf, damit KI zielgerichtet, aber auch verantwortungsvoll eingesetzt wird.“

Ganz ähnlich argumentiert Annette Corsten: „Blindes Vertrauen ist im Umgang mit KI nicht angebracht. Die Ergebnisse, die uns KI liefert, gilt es immer zu prüfen und in Kontext zu setzen, um sicherzustellen, dass wir keine Fehler produzieren.“ Denn, das heben alle vier Unternehmen hervor: Der KI-Einsatz kann sicherlich die Effizienz in Unternehmen steigern und Mitarbeiter entlasten, womöglich sogar die Branche revolutionieren. Um aber weiterhin glaubwürdig zu bleiben und das Kundenvertrauen zu erhalten, müssen diese Werkzeuge verantwortungsvoll eingesetzt werden. Der Experimentierfreude muss dies aber nicht schaden.

Sabine Gierok