Wenn in Solingen Trimmsteine gezückt, Fellflächen geschnitten oder Schermaschinen auseinandergenommen und untersucht werden, ist eines sicher: Hier wird Zukunft gestaltet. Seit Oktober 2025 läuft der deutschlandweit erste Zertifikatslehrgang „Hundepflege und Dienstleistung (IHK)“. Was als Vision einiger engagierter Hundefriseure vor über einer Dekade begann, hat sich zu einem umfassenden Weiterbildungsangebot entwickelt, das Theorie und Praxis gleichermaßen verbindet.
Gestartet wurde mit vier Online-Modulen: Existenzetablierung, Recht, Biologie sowie Lernverhalten und Ethologie. Danach hieß es Ärmel hochkrempeln. Sechs intensive Praxistage bei Ehaso, Anbieter von Zubehör für die professionelle Hundepflege in Solingen, führten in die Maschinen-, Werkzeug- und Materialkunde sowie in verschiedene Arbeitstechniken ein: Baden, Schneiden, Effilieren, Scheren und Trimmen.
Ein Mammutprojekt mit Herzblut
„Das Ganze ist weit mehr als ein Lehrgang – es ist ein Meilenstein für unsere Branche“, sagt Karin Witthohn, ZZF-Vorstandsmitglied und Inhaberin des Hundesalons „Natürlich Hund“. Sie ist außerdem Dozentin und Mitorganisatorin des Lehrgangs und an der Konzeption beteiligt.
Die Idee, das gesammelte Fachwissen jahrzehntelanger Grooming-Erfahrung zu bündeln und in eine offizielle Lehr-Lern-Struktur zu überführen, entstand bereits vor mehr als zehn Jahren. Doch bis zum Start mussten viele Hürden genommen werden: Inhalte mussten strukturiert, wissenschaftlich überprüft und didaktisch aufbereitet werden.
Zugleich war ein organisatorisches Netzwerk nötig, um den Lehrgang tragfähig zu machen. Ermöglicht wurde das Projekt durch das Zusammenwirken mehrerer Partner: die IHK Potsdam mit ihrem Kompetenz-Centrum Wirtschaft, Mensch & Tier, die ZZF-Fachgruppe Heimtierpflege im Salon mit ihrer AG Qualifizierung, die ZZF/WZF-Geschäftsstelle mit einer neu geschaffenen Referentenstelle für Aus- und Weiterbildung sowie die Firma Ehaso, die umfangreiche Umbauten ihres Standorts in Solingen zum richtigen Zeitpunkt abschließen konnte und so eine topmoderne Lernumgebung mit großzügiger Praxisfläche schuf.
Die Fragen im Vorfeld waren zahlreich: Wie gestaltet man ein bundesweit anerkanntes Curriculum? Welche Lehrmaterialien braucht es? Wer unterrichtet? Wie lässt sich Qualität sichern? Und wie bleibt die Teilnahme bezahlbar? Stück für Stück wurde eine Lösung nach der anderen erarbeitet – mit viel Ehrenamt, Kreativität und Durchhaltevermögen.
Multimediales Lernen
Ein Herzstück des Lehrgangs ist ein eigens entwickeltes Lehrwerk für die Praxismodule, das in enger Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten entstand. Es enthält wissenschaftlich geprüfte Inhalte, veranschaulicht mit Fotos, Illustrationen und eigens produzierten Lehrvideos. „Wir wollten, dass Lernen greifbar wird, dass die Teilnehmenden sehen, verstehen und ausprobieren“, erklärt die ZZF-Referentin für Aus- und Weiterbildung und ehemalige Lehrerin Sophie Ciciliani.
Eine begleitende Lern-App ermöglicht das Wiederholen und Vertiefen von Inhalten, auch nach dem Unterricht. Die Verbindung von Online-Phasen, Präsenzunterricht und Praxistagen macht den Lehrgang zu einem sogenannten Hybrid-Angebot, das gleichermaßen Flexibilität wie starke Bindung an die Lerngemeinschaft ermöglicht.
Nach jedem Praxistermin erhalten Teilnehmende individuelles Feedback von den ZZF-Dozentinnen. Der Lehrgang führt verschiedene Erfahrungsniveaus zusammen. Manche bringen jahrzehntelange Berufspraxis mit, andere stehen am Anfang ihrer Laufbahn. „Es gibt Momente, in denen Newcomer von den Erfahreneren lernen, aber auch umgekehrt“, so der Vorsitzende der Fachgruppe „Heimtierpflege im Salon“ Patrick Schwalm.
Reger Austausch
Der Austausch untereinander ist rege und verläuft nicht nur vor Ort, sondern auch digital: In einer Whatsapp-Gruppe werden Lerntipps geteilt, Erfahrungen ausgetauscht und Fragen mit Dozentinnen und Dozenten diskutiert. Videos von eigenen Arbeitsproben können eingereicht werden, um Feedback zu erhalten.
Gleichzeitig ist allen bewusst: Der Weg zum IHK-Zertifikat ist anspruchsvoll. Die Unterrichtstage sind intensiv, Vor- und Nachbereitung werden erwartet. Wer sich anmeldet, braucht Einsatzfreude und Lernbereitschaft, denn hier wird nicht nur Handwerk, sondern auch Fachverantwortung vermittelt.
„Das Ziel ist die fachgerechte Pflege und eine professionelle Behandlung der Tiere“, betont Kerstin Poloni, Fachbereichsleiterin für Bildungsdienstleister und Mitgründerin des Kompetenz-Centrums Wirtschaft, Mensch & Tier der IHK Potsdam. „Darüber hinaus verfügen unsere IHK-Absolventen über grundlegende betriebswirtschaftliche und rechtliche Kenntnisse zur Führung oder Mitarbeit in einem Dienstleistungsbetrieb. Sie handeln verantwortungsbewusst, kundenorientiert und im Sinne des Tierwohls. Der IHK-Abschluss trägt zur Etablierung bundeseinheitlicher Qualitätsstandards in der Branche bei und stärkt die Professionalität des Berufsbildes“, so Poloni.
Nach der erfolgreichen Premiere startet der zweite Zertifikatslehrgang „Hundepflege und Dienstleistung IHK“ am 19. Oktober 2026. Der einjährige Zertifikatslehrgang nach bundeseinheitlichen Kriterien schließt mit dem anerkannten IHK-Zertifikat ab und richtet sich an Hundepfleger mit Berufserfahrung, aber auch an praktizierende Berufsanfänger, die derzeit ihr Handwerk in einem Salon erlernen.
Das Interesse an einer Teilnahme ist bereits hoch. Wer Fragen zum Lehrgang hat oder sich anmelden möchte, kann sich mit Kerstin Poloni von der IHK Potsdam in Verbindung setzen unter kerstin.poloni@ihk-potsdam.de.