Die neue EU-Verpackungsverordnung soll Abfälle reduzieren und die Kreislaufwirtschaft stärken. In der Heimtierbranche stößt dieses Ziel grundsätzlich auf Zustimmung. Doch Hersteller und Händler kämpfen mit offenen Detailfragen, wachsender Dokumentationslast und technischen Zielkonflikten. Besonders bei Tiernahrung zeigt sich: Recyclingfähigkeit allein macht noch keine gute Verpackung.
Seit dem 12. August 2026 wird die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR), die sogenannte europäische Verpackungsverordnung angewendet. Formal in Kraft getreten war die Verordnung bereits am 11. Februar 2025. Sie erfasst Verpackungen unabhängig von Material und Branche und verändert damit auch für Unternehmen der Heimtierbranche die Spielregeln.
Viele Anforderungen, alle gleichzeitig
Wer Stellungnahmen aus Handel und Industrie nebeneinanderlegt, erkennt schnell: Das größte Problem ist derzeit nicht eine einzelne technische Vorgabe. Es ist die Gleichzeitigkeit vieler Anforderungen, von denen einige noch nicht vollständig konkretisiert sind. Recyclingfähigkeit, Rezyklatanteile, Materialeinsatz, Kennzeichnung, Nachweise und Verantwortlichkeiten greifen ineinander. Unternehmen müssen so heute Entscheidungen treffen, obwohl viele Details für morgen noch fehlen.
Dass die Auslegung der PPWR noch kurz vor ihrem Anwendungsbeginn in Bewegung war, zeigt auch die EU-Kommission selbst. In ihren Leitlinien vom Juni 2026 spricht sie von einer „beträchtlichen Zahl“ an Auslegungsfragen von Interessensträgern und Behörden. Am 3. August – nur neun Tage vor dem Anwendungsbeginn – veröffentlichte sie dann eine aktualisierte, zweite Fassung der häufig gestellten Fragen. Daher darf es nicht verwundern, dass Unternehmen weniger über das Ziel der Verordnung als über die Planbarkeit ihrer Umsetzung klagen.
„Hohe Komplexität“
Bei Kölle Zoo etwa zeigt sich, wie schnell aus Umweltrecht ein Organisationsprojekt wird. Verpackung betrifft dort inzwischen Einkauf, Stammdaten, IT und Compliance. „Eine wesentliche Herausforderung ist die hohe Komplexität“, sagt Kölle-Prokurist Henrik Weitkamp. Der Händler hat beispielsweise einen überarbeiteten Artikelpass mit Pflichtabfragen eingeführt. Lieferanten sollen Verpackungsdaten und entsprechende Nachweise bereitstellen. Falls sie dazu nicht in der Lage sind, „können wir gegebenenfalls ein Labor beauftragen“, sagt Weitkamp.
Ähnlich beschreibt Trixie die Lage. Das Unternehmen muss umfangreiche Informationen zu Materialien, Zusammensetzung und Eigenschaften beschaffen, verwalten und dokumentieren. Gleichzeitig steigt die Zahl der Kundenanfragen. Besonders zeitintensiv sei auch die Aufklärung von Lieferanten. Mit Blick auf die zusätzlichen Nachweise zu Rezyklatanteilen, Materialeigenschaften und Recyclingfähigkeit fällt das Urteil deutlich aus: „Dies ist kein Bürokratieabbau!“
Auswirkungen auf die Preise
Das ist zugespitzt, trifft aber einen Kern der PPWR. Kreislaufwirtschaft braucht belastbare Daten. Je detaillierter die Nachweisketten allerdings werden, desto größer ist die Gefahr, dass Engagement für Nachhaltigkeit in reine Dokumentationsarbeit umschlägt. Ein Unternehmen der Branche, das weder namentlich genannt noch wörtlich zitiert werden möchte, kritisiert entsprechend den steigenden Prüf-, Verwaltungs- und IT-Aufwand. Es erwartet, dass sich die zusätzlichen Belastungen entlang der Lieferkette fortpflanzen und letztlich auch Auswirkungen auf die Verbraucherpreise haben werden.
Wie teuer das werden kann, lässt sich bei Kölle Zoo zumindest punktuell beziffern. Dem Unternehmen liegen Angebote externer Dienstleister für Anpassung und Ersatz bestimmter Verpackungen vor, die sich auf mehrere hundert Euro pro Produkt belaufen können. Müssen bereits produzierte Verpackungsbestände ersetzt werden, können im Einzelfall vierstellige Kosten entstehen. Wie stark sich das insgesamt auf die Verkaufspreise auswirkt, lasse sich derzeit noch nicht verlässlich abschätzen, so Kölle auf zza-Anfrage.
Verantwortung wird verschoben
Für Händler ist die PPWR nicht nur eine Frage zusätzlicher Daten. Sie verschiebt Verantwortung. Besonders relevant sind Eigenmarken und direkt importierte Fremdmarken. Nach Angaben der Zentralen Stelle Verpackungsregister müssen Handelsunternehmen seit dem 12. August 2026 die Verpackungen ihrer Eigenmarken selbst an einem Entsorgungssystem beteiligen. Gleiches gilt für importierte Fremdmarken, wenn das Handelsunternehmen die verpackte Ware ohne inländische Zwischenhändler nach Deutschland einführt und damit erstmals im Inland bereitstellt. Das dürfte Einkaufsentscheidungen verändern.
Kölle Zoo bestätigt, dass Verpackungen künftig stärker in die Bewertung von Produkten und Lieferanten einfließen werden. Vorhandene und etablierte Verpackungslösungen könnten einen Vorteil erhalten. Langfristig gehe es zudem darum, die Zahl unterschiedlicher Verpackungen auf das Nötigste zu reduzieren. Das klingt zunächst unspektakulär, kann aber Sortimente strukturieren.
Wo eine bestehende Verpackungsfamilie regulatorisch und technisch beherrschbar ist, sinken Aufwand und Risiko. Sonderlösungen werden dagegen erklärungs- und kostenintensiver. Für kleinere Lieferanten könnte das zum Problem werden, wenn sie Daten, Analysen und Nachweise nicht in derselben Qualität bereitstellen können wie größere Anbieter.
Ein anderes Unternehmen weist zudem darauf hin, dass Beschaffungsentscheidungen vorsichtiger getroffen werden könnten. Wirtschaftlich attraktivere Optionen könnten wegen möglicher Konformitätsrisiken ausscheiden, bestehende Abrufmengen möglicherweise nicht vollständig genutzt werden.
Recyclingfähiges Monomaterial
Für Tiernahrungshersteller liegt die schwierigste Aufgabe an anderer Stelle. Eine Verpackung muss nicht nur recyclingfähig sein. Sie muss Futter schützen, Haltbarkeit sichern, hygienisch funktionieren und industrielle Produktionsprozesse aushalten. Josera nennt als Beispiel die Umstellung mehrlagiger Verbundlösungen auf recyclingfähigere Monomaterialkonzepte bei Trockenfutter. Das funktioniere jedoch nur, wenn Qualität, Produktstabilität und Prozesssicherheit erhalten bleiben.
Verpackungsentwicklerin Theresa Beck beschreibt die Herausforderung als Gleichzeitigkeit zahlreicher Anforderungen: Recyclingfähigkeit, künftig auch Rezyklateinsatz, Produktschutz, Barriereeigenschaften, Wirtschaftlichkeit, Kennzeichnung und technische Machbarkeit müssten zusammengebracht werden. „Das ist anspruchsvoll und erfordert belastbare und klare Vorgaben“, sagt sie.
Noch keine überzeugenden Alternativen
Gerade bei flexiblen Verpackungen stößt der Markt offenbar noch an Grenzen. Josera sieht zwar erste geeignete Lösungen, aber noch keine wirtschaftlich und technisch überzeugenden Alternativen für sämtliche Anwendungen. Vor allem beim Mindestrezyklateinsatz in flexiblen Verpackungen fehlten derzeit Lösungen, die ausreichende Prozesssicherheit gewährleisten.
Trixie verweist auf ein anschauliches Problem in der Logistik: Höhere Rezyklatanteile können die Reißfestigkeit von Stretchfolien negativ beeinflussen. Was auf dem Papier wie ein Fortschritt für die Kreislaufwirtschaft aussieht, kann damit an einer banalen, aber entscheidenden Funktion scheitern, denn die Folie muss eine Palette weiterhin sicher zusammenhalten.
Die Funktion einer Verpackung
Auch bei Futtermittelverpackungen setzen Haltbarkeit, Qualität und Handhabung Grenzen für technisch sinnvolle Umstellungen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie nachhaltig eine Verpackung auf dem Papier erscheint, sondern wie weit sich Materialstrukturen vereinfachen und Rezyklatanteile erhöhen lassen, ohne die eigentliche Funktion der Verpackung zu gefährden. Josera spricht von der „besten Gesamtlösung für die Futtermittel im realen Einsatz“. Das ist ein gewichtiger Gegenakzent zu einer Regulierung, die zwangsläufig mit messbaren Einzelkriterien arbeitet.
Auffällig ist, wie häufig aus Unternehmenskreisen dieselbe Forderung auftaucht: Klarheit. Josera wünscht sie sich bei der konkreten Auslegung der Anforderungen, bei Nachweispflichten und bei einer möglichst einheitlichen Umsetzung für Europa. Ähnliches ist aus dem Handel zu hören: Für Kölle Zoo wären praxistaugliche Vorgaben, eindeutige Anforderungen an die Nachweise und eine bessere Abstimmung zwischen EU-Vorgaben und nationalen Regelungen wünschenswert.
Ausstehende Detailregelungen
Trixie kritisiert vor allem kurzfristige Klarstellungen unmittelbar vor dem Anwendungsbeginn sowie weiterhin ausstehende Detailregelungen. Wer Verpackungen, Beschaffungsverträge und Produktionsprozesse mit langen Vorlaufzeiten plant, kann auf Änderungen wenige Wochen oder Tage vor einem Stichtag kaum reagieren. Diese Kritik ist nicht von der Hand zu weisen.
Die PPWR gilt, doch zahlreiche Details werden erst konkretisiert durch delegierte Rechtsakte, die die technischen Details ergänzen, und Durchführungsrechtsakte, die die einheitliche praktische Umsetzung festlegen. So ist die harmonisierte Materialkennzeichnung nach Artikel 12 grundsätzlich ab dem 12. August 2028 vorgeschrieben – oder 24 Monate nach Inkrafttreten der dafür vorgesehenen Durchführungsrechtsakte, falls dieser Zeitpunkt später liegt. Die Verpackungsentwicklung der Unternehmen muss aber lange vorher beginnen. Darin liegt die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre.
Über Abteilungsgrenzen hinweg ein Thema
Die Verpackungsverordnung zwingt Hersteller und Händler, Verpackungen früher, systematischer und über Abteilungsgrenzen hinweg zu betrachten. Das kann Innovation beschleunigen, Materialstrukturen vereinfachen und Verpackungsvarianten reduzieren. Es erhöht aber zugleich Verwaltungs- und möglicherweise Markteintrittskosten und verschärft technische Zielkonflikte.
Dabei stellt die Branche das Grundprinzip kaum infrage. Trixie hält es ausdrücklich für richtig, dass Hersteller und Inverkehrbringer Verantwortung für Vermeidung, Minimierung und Wiederverwertung übernehmen. Entscheidend sei allerdings, dass Maßnahmen verlässlich umgesetzt werden und tatsächlich zur Verringerung des Verpackungsabfalls beitragen – und nicht lediglich neue Bürokratie erzeugen.
Genau daran wird sich die EU-Verordnung messen lassen müssen: nicht an der Zahl der erzeugten Nachweise und Konformitätserklärungen, sondern daran, ob am Ende tatsächlich weniger Verpackungsabfall entsteht – ohne dass Produktsicherheit, Lieferfähigkeit und wirtschaftlich sinnvolle Lösungen auf der Strecke bleiben.