Kritisch gefragt__Auf dem zza-Sofa mit... Heiko Blessin
„Es muss etwas getan werden!“ – Diese Forderung kommt immer gut, auch in der Heimtierbranche. Aber: Hersteller tun dies, Händler tun das. Nicht alles erschließt sich automatisch. Also fragen wir mal direkt nach. Dieses Mal zum Thema Aquaristik-Einrichtungswettbewerbe.
zza: Jetzt mal ehrlich, Herr Blessin: Was bringen diese Einrichtungswettbewerbe für die Aquaristik außer Publicity in den Fachmedien?
Heiko Blessin:
Erstmal vorab: Publicity in den Fachmedien ist doch schon mal positiv zu bewerten. Und auch „Nicht-Fachmedien“ mit einer Auflage von über 7 Millionen wurden von der Pressestelle der FLH 2013 mit Infos zum Thema Aquaristik versorgt. Wettbewerbe bringen viele Aktivitäten erst in den Fokus der Öffentlichkeit. Es gibt viele schön gescapte Aquarien, die aber niemals jemand zu sehen bekommt, was sehr schade ist. Da sind Wettbewerbe sehr hilfreich und alle, die sich bereits für Weltmeister halten, können ihre Leistung nach der Bewertung richtig einschätzen. Und dann gibt es noch eine ganze Reihe engagierter Scaper, die es lieben, sich speziell für Wettbewerbe besonders ins Zeug zu legen.
Gut, für Handel und Hersteller mögen das nette Events sein, mit denen sich Publikum anziehen lässt. Aber zielen diese Wettbewerbe nicht ausnahmslos auf die Gruppe der ohnehin schon besonders engagierten Aquarianer, während interessierte Anfänger durch die Komplexität der Materie eher noch mehr abgeschreckt werden?
Es ist nun einmal so, dass mehr Leute Fußball-Weltmeisterschaftsspiele ansehen, als die Spiele des lokalen Vereins. Und auch viele Menschen, die sonst nie Fußball sehen, lassen sich durch die Bezeichnung Meisterschaft zum Zusehen motivieren. Das ist in der Aquaristik nicht anders. Das Schöne an den, vor Publikum ausgetragenen Meisterschaften, ist die Live-Action, die jeden in seinen Bann zieht. Wer beobachtet hat, wie lange Profi-Scaper an einem einzelnen Stein oder Holzstück herumprobieren, bis es ihrer Vorstellung entspricht, kann nur fasziniert sein! Nicht-Aquarianer halten das Einrichten von Aquarien für eine Doktorarbeit und sind meistens komplett überrascht, wie einfach es wirklich ist. Die Schwellenangst vor der Aquaristik im Allgemeinen sinkt ungemein, sobald Interessierte einmal zugesehen haben, wie es geht. Wir müssen einfach die Tatsache rüberbringen, dass ein Aquarium viel weniger Arbeit macht als jeder Hamster. Denn das glaubt kaum jemand, obwohl das Interesse an Unterwasserwelten und Wassertieren bei sehr vielen Menschen vorhanden ist.
Aquascaping z.B. wird selbst in Kreisen engagierter Aquarianer kritisch gesehen – sie sei zu sehr auf die Optik des Layouts und zu wenig auf das Wohlbefinden der Aquarientiere fokussiert. Besteht nicht die Gefahr, die von manchen Tierschützern ohnehin abgelehnte Aquaristik – Stichworte: artgerechte Haltung, Wildfänge – noch mehr in Verruf zu bringen?
In den letzten politischen Diskussionen ist wohl ausreichend klar gemacht worden, dass die von den Tierrechtlern aufgeführten drastischen Verlustzahlen bei Fischimporten jeglicher prüfbaren Grundlage entbehren und tatsächlich erfunden wurden. Eine Bedrohung der Natur durch die Aquaristik in keiner Weise gegeben und es gibt keinen einzigen Beleg für eine Artenbedrohung durch die Aquaristik! Sollten Tierrechtler echte belastbare Zahlen liefern können, die Importverluste über 3 % belegen, können wir wieder diskutieren. Bis dahin sollen sie erstmal ihre Hausaufgaben richtig machen. Die Tierrechtler haben den Bereich Aquascaping zum Glück noch nicht wirklich entdeckt, aber die flachen Wiesenlandschaften mit Gebirge sind für die Fischhaltung so geeignet wie eine Modelleisenbahnlandschaft für Meerschweinchen. Daher unterstützt JBL den Trend zur Biotop-Aquaristik, denn in einem Biotop-Aquarium gibt es dann auch für den extremsten Tierrechtler nichts mehr zu bemängeln: Tierlebensgemeinschaften, Pflanzen und Dekoelemente sind zu 100% dem natürlichen Lebensraum nachempfunden. Dies ist die neue Herausforderung für die Aquascaper: Richte ein ästhetisch ansprechendes Aquarium nach den Vorgaben des Lebensraumes ein. Eine wirklich sehr schwierige Aufgabe! Mehr und besser geht nun wirklich nicht mehr!
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