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Digitalisierung : Aus dem Netz in den Napf

Herstellung, Handel und Halter: Auch in der Heimtierbranche ist Digitalisierung das zentrale Thema der Entwicklung und wird die Verhältnisse in den kommenden Jahren weiter verändern. Eine Annäherung.

Der deutsche Heimtiermarkt ist 2025 mit rund sieben Milliarden Euro Umsatz stabil geblieben. Davon erzielte allein der Online-Handel gut 1,5 Milliarden. 61 Prozent der Halter kauften sowohl stationär als auch online für ihre Tiere. Damit ist Digitalisierung längst kein Nebenthema mehr für die Branche, sondern betrifft Sortiment, Vertrieb, Daten, Produktion wie Kundenbindung und transformiert die gesamte Wertschöpfungskette.

Nach Industrie 4.0 vor rund 15 Jahren jetzt also KI. Derzeit kommt man um das Thema Künstliche Intelligenz nicht herum. Die neue Technik verzückt und verängstigt die Welt, Berater sprechen über die Zukunft der Produktion und des Handels. Es gibt viele Fragen und leider noch recht wenige Antworten. Sicher ist nur: Die Technologie verändert die Welt.

Schlagwort Omnichannel

Aber KI ist eben auch nur ein Teil des gesamten Bildes, denn es geht noch viel mehr. Da wäre beispielsweise das Thema Omnichannel, ein weiteres Schlagwort in aller Munde. Zoofachhändler versuchen, ihre Filiale mit Webshop, App, Click and Collect, Marktplätzen und Beratung zu einem durchgängigen Einkaufserlebnis zu verbinden.

Sie verweben so das Digitale mit dem klassisch Analogen und verlängern die Stärken des stationären Handels ins Netz. So wollen sie vermeiden, den wertvollen Kontakt zu Kunden an reine Online-Händler zu verlieren, und versuchen beispielsweise, Frequenz in die Filiale zu bringen, ihr Markenprofil zu schärfen und nicht zuletzt Kundendaten zu gewinnen.

Stichwort Kundenbindung: Bestimmte Verbrauchsartikel wie etwa Futter oder Streu eignen sich für digitale Abo- und Auto-Replenishment-Modelle. Der US-amerikanische Online- Händler für Heimtierbedarf Chewy etwa erzielt über 80 Prozent seiner Verkäufe über sein Autoship-Modell, also die automatische Wiederbestellung der Kunden. Das schreibt das E-Commerce- Nachrichtenportal digitalcommerce360. com.

Der Platz im Warenkorb

Für die Hersteller bedeuten solche Modelle, dass sie ihre Marketingstrategien anpassen müssen, weg von kurzfristiger Aktivierung des Absatzes hin zur Sicherung des Platzes im Warenkorb. Der Impulskauf wird weniger wichtig, der erste Kauf strategisch bedeutsam.

Der Händler bietet dem Hersteller nicht nur Regalfläche, sondern digitale Aufmerksamkeit. Die Digitalisierung verschiebt hier ein Stück weit auch die Machtverhältnisse, indem sie die Frage neu beantwortet, wer zukünftig den Zugang zum Kunden besitzt, Händler oder Marke.

Weil der Handel den direkten Kontakt zum Kunden hat, sitzt er auf Datengold. Diese Informationen lassen sich beispielsweise in Form von Sponsored Products, Markenplatzierungen oder Hersteller-Kampagnen monetarisieren. Der Händler weiß, ob jemand Hund oder Katze hält, ob er Welpen- oder Seniorenfutter kauft, ob er barft oder ob er im Premium-Bereich sein Geld ausgibt. Mit diesem Wissen lassen sich gezielt Werbeplätze anbieten.

Der Handel kennt die Halter

Bleibt die Frage, ob der gesamte Retail-Media-Komplex zum digitalen Pendant der Regalplatzierung wird oder sogar zu einem neuen Machtinstrument der großen Händler gegenüber der Industrie. Schließlich kennt der Handel die Tierhalter heute durch die Innovationen der Digitalisierung wesentlich besser als noch vor einigen Jahren.

Das stärkt auch eine Kernkompetenz des Zoofachhandels, die Beratung. Die erfolgt im stationären Bereich persönlich, lässt sich mittlerweile aber auch leicht digital unterstützen. Der Fachberater auf der Fläche greift dort vielleicht über ein Tablet auf Datenbanken, Tier- und Halterprofile zurück und hat so auch die Möglichkeit, bei tiefgreifenden Fragen erste Antworten zu geben. Das festigt das Vertrauen des Halters, der mit seinem Problem im Markt steht.

Zudem unterstützt es angesichts des wachsenden Fachkräftemangels die Personalplanung, da auch unerfahrenere Kolleginnen und Kollegen den Kunden gut gerüstet gegenübertreten können.

Erwartungen des Kunden

Apropos Kunde: Der ist aus anderen Bereichen die Annehmlichkeiten der Digitalisierung gewohnt und erwartet sie natürlich auch von der Heimtierbranche. In der Beratung etwa möchte er stets schnelle Hilfe. Bei Problemen mit Waren können digitale Assistenten direkt Reklamationen oder Retouren abwickeln.

Nicht zuletzt wollen viele Halter auch genau wissen, was im Futter und den Zubehörprodukten verarbeitet wurde. Digitale Track-and-Trace-Systeme und vernetzte Qualitätsdaten werden für Herkunft, Sicherheit und Nachhaltigkeit relevanter. Rückverfolgbarkeit und Transparenz sind im gesamten Food-Bereich wichtige Motive geworden. Und schließlich trägt eine personalisierte Kundenansprache mittels digitaler Kommunikation zur Bindung bei. Wer freut sich nicht, wenn er eine kurze Nachricht zum Geburtstag bekommt?

Nicht nur im Service, auch im Produktbereich geht die Entwicklung rasant voran. Pet-Tech ist im Kommen. Halsbänder zur Gesundheitsüberwachung, programmierbare Fütterungsautomaten oder Apps zur Überwachung von Aquarien und Teichen dürften hier nur der Anfang sein.

Geht man in der Wertschöpfungskette einige Schritte zurück zur Quelle, also in Richtung Industrie, zeigen sich weitere Transformationen, die maßgeblich durch die Digitalisierung getragen werden. Hersteller setzen schon seit Jahrzehnten zunehmend auf computergestützte Automatisierung. Datenanalyse, Robotik und Supply-Chain-Management sind hier nur einige wesentliche Punkte – all das, um Effizienz, Qualität und Arbeitssicherheit zu erhöhen. Diese Beispiele zeigen ohne Anspruch auf Vollständigkeit, welches Ausmaß die Transformation einer eher traditionell ausgerichteten Branche bereits heute angenommen hat.

In China liegt Online-Anteil bei 75 Prozent

Beim Tierbedarf liegt der Umsatzanteil des Online-Handels von 22 Prozent in Deutschland im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Einem Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums zufolge entfallen in China rund 75 Prozent des Umsatzes auf Online-Plattformen. In den USA sind es 45 Prozent, schreibt das digitale Branchenmagazin Petfoodprocessing.net.

Im Vergleich zu anderen Branchen in Deutschland ist die Heimtierbranche beim Umsatz digital weiter als viele klassische Konsumgüterbranchen. Laut Online-Monitor 2025 des Handelsverbandes Deutschland lag der Online-Anteil über alle Branchen hinweg bei 13,4 Prozent. Vorn liegt hier der Markt für Elektronik-Güter mit einem Online-Anteil am Gesamtumsatz von 43 Prozent, bei Mode waren es 42,5 Prozent.

Deutschland an der Schwelle

Zusammenfassend lässt sich für den Zoofachhandel konstatieren: Während China und die USA bereits stark von Plattformen, Daten, Abo-Modellen und Retail Media geprägt sind, steht Deutschland eher an der Schwelle vom Omnichannel-Handel zur datengetriebenen Heimtierplattform.

Der Anteil des Online-Umsatzes ist sicher ein guter Indikator, aber wie bereits oben geschrieben umfasst die Digitalisierung weit mehr. Automatisierung, Internet of Things, Datenanalyse und KI sind hier wichtige Schlagworte. Rohwarenannahme, Dosierung, Verpackung, Palettierung, Qualitätskontrolle, Rückverfolgbarkeit, Prozessoptimierung oder Predictive Maintenance – die Einsatzfelder digitaler Technik durchziehen sämtliche Bereiche der einzelnen Unternehmen wie der gesamten Wertschöpfungskette.

Operatives Risiko

Die Digitalisierung erhöht allerdings auch die Abhängigkeit von stabilen IT-Systemen. Fällt der Webshop aus, funktioniert die Schnittstelle zur Warenwirtschaft nicht oder wird ein Unternehmen Opfer eines Cyberangriffs, wird aus Effizienz schnell ein operatives Risiko.

Zudem scheitert datengetriebener Handel in der Praxis oft nicht an fehlenden Ideen, sondern an uneinheitlichen Datenbeständen und fehlenden Schnittstellen. Ein weiterer wichtiger Punkt: Je stärker die Händler und Hersteller mit Kunden- und Tierdaten arbeiten, desto wichtiger werden Datenschutz, Transparenz und Vertrauen.  Entscheidend ist daher nicht nur, welche Daten technisch nutzbar sind, sondern auch, welche Nutzung die Tierhalter akzeptieren.

Die Digitalisierung ist in vollem Schwung und längst nicht abgeschlossen, aber sie ist auch eine Investition und kostet erstmal Geld. Für so manche mittelständische Zoofachhändler oder Hersteller stellt sich daher die Frage, welche digitalen Bausteine wirtschaftlich überhaupt darstellbar sind.